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Biologie Ohne Titel

Veröffentlicht am Februar 4th, 2013 | von Irfan Yilmaz

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Hallo Markus! Ich bin’s, dein Magen!

Lieber Markus, in einer der letzten Ausgaben der Fontäne hat dir dein Herz erklärt, wie es funktioniert, und dir einige Ratschläge gegeben, wie du es besser behandelst. Es hat dir in Erinnerung gerufen, die Möglichkeit wahrzunehmen, es als ein Geschenk und eine Gabe seines eigentlichen Besitzers zu sehen. So hat es dir einige neue Einsichten beschert. Auch ich – dein Magen – habe ihm zugehört, und seine Worte haben mir sehr imponiert. Deshalb habe ich mir überlegt, dass ich dir doch auch einmal ein paar Dinge über mich erzählen könnte. Wenn du dir nur einige Minuten Zeit nimmst, wirst du bestimmt davon profitieren.

Mein angestammter Platz ist unterhalb des Brustraums. Meine Nachbarn dort sind Herz und Lunge. Damit wir einander nicht verletzen, wurde eine Membrane zwischen uns gesetzt. Im Gegensatz zu mir werden Herz und Lunge zusätzlich durch den Brustkorb geschützt, denn sie sind empfindlicher als ich. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass ich völlig schutzlos wäre. Man hat uns alle genau dort platziert, wo wir unsere Aufgaben am besten verrichten können. Wenn auch ich von einem Panzer aus Knochen umgeben wäre, würdest du kaum viel essen und trinken können. Denn dann besäßest du keinen Lagerraum für Speis und Trank mehr und müsstest stattdessen sehr oft sehr kleine Portionen zu dir nehmen. Da ich jedoch in der Bauchhöhle untergebracht wurde, deren Wände dehnbar und elastisch sind, fällt es mir leicht, alles, was mir zugeführt wird, solange zu speichern, bis es zur Verdauung freigegeben werden kann. Das bedeutet, dass du nur zu bestimmten Zeiten zu essen brauchst und dadurch Zeit findest, dich auch mit anderen Dingen zu beschäftigen.

Mein Aussehen ähnelt dem eines Kessels, deswegen unterschätzt du vielleicht meine Fähigkeiten. Manche Leute sprechen abfällig von mir und bezeichnen mich als ein sackartiges Organ. Aber wenn du verstehen willst, wie wichtig ich bin, dann frage doch einmal Menschen mit Magengeschwüren oder Magenkrebs. Wenn ich meine Arbeit einstelle, hast du nichts mehr zu lachen! Dann wird dein Leben im wahrsten Sinne des Wortes zur Hölle. Jeder Tropfen, den du trinkst, und jeder Bissen, den du isst, wirkt dann wie Gift.

Meine Wände mögen bei oberflächlicher Betrachtung ja einem Sack gleichen, sie bestehen aber aus vier Schichten eines außergewöhnlichen Gewebes. Die äußere Schicht bildet eine besonders dicke Schleimhaut. Sie bedeckt die gesamte Magenoberfläche und enthält viele Drüsen. Darunter befindet sich eine Schicht, die aus Bindegewebe besteht und in der ein dichtes Netz von Blut- und Lymphgefäßen verläuft sowie ein Nervenfasergeflecht. Es folgen kräftige Muskelschichten aus längs, ringförmig sowie schräg verlaufenden Muskelfasern. Sie erzeugen wellenförmige Bewegungen und dienen der Durchmischung und dem Transport des Speisebreis zum Dünndarm. Darunter schließlich liegt eine Art Fell, das alle Organe auskleidet und Peritoneum genannt wird. Mein Nervensystem ist so komplex, dass du erstaunt sein würdest; es macht mich gewissermaßen zu einem zweiten Gehirn und ist sich deines ganzen Körpers bewusst, ohne dass du es merkst. Wenn du dir den Fuß verstauchst, dich über irgendeine Kleinigkeit aufregst oder lachst, so beeinflusst mich das. Mein Nervensystem ist so empfindlich, dass es sich auf all meine Tätigkeiten und auf die Absonderung von Hormonen und anderen Sekreten auswirkt. Nach den Mahlzeiten nehme ich dir mit Hilfe dieses Systems viel Arbeit ab. Ich lasse mich auch leicht trainieren. Wenn du es wirklich willst, kannst du mich in nur drei Tagen an ein ganz neues Leben anpassen. Einige Mägen sind an drei Mahlzeiten pro Tag gewöhnt, während sich andere mit zwei Mahlzeiten oder auch nur einer zufrieden geben. Meine Empfehlung lautet, dass du mir zwei Mahlzeiten pro Tag zuführst.

Im Mund findet kaum chemische Zersetzung statt, daher muss sämtliche Nahrung erst mich passieren, bevor sie vom Darm verdaut und von deinem Körper aufgenommen wird. Alles, was du verspeist, wird von den Zähnen mechanisch in so kleine Stücke zerhackt, dass sie in mich hinein gleiten können. Wenn du zu sehr in Eile bist und schluckst, ohne zu kauen, machst du mich damit müde. Wenn die Bissen zu scharfkantig oder zu groß sind, können sie außerdem auch schon die Wände der Speiseröhre einreißen und Blut austreten lassen. Empfehlenswert ist es, jeden Bissen 30-mal zu kauen, aber leider halten sich die meisten Menschen nicht daran, und schicken mir stattdessen oft Brocken, auf denen sie nur einmal oder zweimal lustlos herumgekaut haben. Wahrscheinlich ist ihnen in solchen Momenten nicht klar, dass sie längst satt sind, deswegen essen sie zu viel und stören das Gleichgewicht. Wenn du langsam isst, werde ich die entsprechende Region des Gehirns wissen lassen, dass ich genug habe; in diesem Fall wird dein Hungergefühl verschwinden, sobald du genügend Nährstoffe aufgenommen hast. So wird sichergestellt, dass du mich nicht zu sehr erschöpfst und dass keine Nährstoffe verschwendet werden. Wenn du aber zu schnell isst, dann bin ich voll, noch ehe ich dir signalisieren kann, dass es mir reicht. Für Wasser oder Luft, die mir sonst gestatten, dass ich mich ungehindert bewege, habe ich dann keinen Platz mehr.

Die Oberfläche der Magenschleimhaut, der äußeren Schicht meiner Wände, die in Kontakt mit der Nahrung kommt, besteht aus einer Lage zylinderförmiger Zellen, die ein Epithel mit tiefen Falten bilden, wodurch schlauchförmige Drüsen entstehen. Man unterscheidet drei Arten von Drüsenzellen: Die Belegzellen produzieren Salzsäure (HCl), die sogar ein Stück Felsen zersetzen könnte. Sie dient unter anderem dem Zweck, das Fleisch und die Eiweiße vorzuverdauen, und tötet darüber hinaus auch sämtliche Bakterien ab, die mit Speisen und Getränken in den Körper gelangen. Die Hauptzellen produzieren das inaktive Vorläuferenzym Pepsinogen, welches durch die Salzsäure in das aktive Enzym Pepsin umgewandelt wird und für die Vorverdauung der Eiweiße (Proteine) zuständig ist. Da das Enzym erst an der Oberfläche der Drüse mit der Salzsäure in Kontakt kommt, wird verhindert, dass es zu einer Selbstverdauung der Drüsen durch das Enzym kommt. Wie aber ist es möglich, dass eine so starke Säure und ein so aggressives Enzym meine Außenwände nicht schädigen? Es ist dafür gesorgt, dass die Nebenzellen einen Magenschleim bilden, der aus einem Gemisch von Kohlenhydraten und Eiweißen besteht. Dieser Schleim haftet auf der Oberfläche der Zellen und fügt sich zu einem geschlossenen Film zusammen. Er kleidet den gesamten Mageninnenraum aus und schützt die Schleimhaut vor Selbstverdauung durch die aggressive Salzsäure und die Pepsine. Tag für Tag opfere ich dem Schutz vor Pepsin und Salzsäure ca. 1,5 Millionen Zellen. Aber Gott sei Dank wurde mir eine so große Revitalisierungskraft geschenkt, dass dieses Außenfutter täglich durch neue Zellen ausgebessert wird.

 Wer seinen Magen zu stark anschwellen lässt, dessen Geist stumpft ab.

Manchmal, wenn es ein Problem mit der Absonderung des Films gibt, fressen sich die Säure und das Enzym in die Magenwand hinein, und die schützende Schleimhautbarriere bricht plötzlich zusammen. Dann tritt aus den Gefäßen meiner äußeren Schicht Blut aus und es entsteht das, was gemeinhin als Magengeschwür bezeichnet wird. Nervosität und Spannungen wirken stark auf die Absonderungen in meinem Innern ein. Deshalb entwickeln Menschen mit einem nervösen Charakter leichter Magengeschwüre als entspannte Menschen. Am besten ist es also, die Dinge gelassen zu sehen, weder überängstlich noch allzu euphorisch zu sein, sondern ein Leben zu führen, das auf Harmonie gründet. Wenn du dich um Ausgeglichenheit bemühst, werde ich gut funktionieren und glücklich sein.

Du kannst die Muskeln meiner Wände nicht so bewegen, wie du deine Arm- oder Beinmuskeln bewegen kannst. Denn die Magenmuskeln empfangen ihre Befehle von einem autonomen Nervensystem, dessen du nicht gewahr bist. Ein wichtiges Merkmal meiner Muskeln liegt darin, dass sie zwar langsam, dafür aber außerordentlich ausdauernd arbeiten. Gleichzeitig haben sie die unangenehme Tendenz aufzuquellen, wenn du nicht gut auf dich aufpasst. Ehe du dich versiehst, schwellen sie dann an wie ein Ballon. Die schlechte Seite des menschlichen Charakters ist sehr eng mit mir verknüpft; daher musst du aufpassen, nicht zu viel zu essen und zu trinken oder unrechtmäßige Nahrung zu dir zu nehmen. Sonst besteht die Gefahr, dass du schwach wirst und auf Abwege gerätst. Dann verkomme auch ich schnell zu einem reinen Müllcontainer und werde zum Plagegeist.

Einiges möchte ich dir noch sagen, was mir überhaupt nicht gefällt. Am wenigsten mag ich sehr heiße oder sehr kalte Speisen und Getränke. Sie schädigen meine Enzyme und beeinträchtigen ihre Funktionen. Enzyme arbeiten am besten bei Körpertemperatur, das heißt bei 36-37° Celsius. Inzwischen geht der Großteil der Wissenschaftler davon aus, dass übermäßig heiße oder gar verbrannte Nahrung das Krebswachstum in meinen Zellen fördert. Wenn du sehr kalte Speisen und Getränke im Mund ein wenig aufwärmst, bevor du sie herunterschluckst, tust du mir damit einen großen Gefallen. Denn bei Unterkühlung ziehe ich mich unweigerlich zusammen und kann meine Aufgaben nicht länger wahrnehmen.

Wenn ich meinen Job, die Nährstoffe aus den Speisen und Getränken herauszuziehen und sie mit meinen Enzymen zu behandeln, gut mache, wird die Nahrung in diesem Prozess verflüssigt. Wenn sie dann die gewünschte weiche Beschaffenheit besitzt, schicke ich sie zum Darm, der sich direkt unter mir befindet. In dieser Hinsicht ähnele ich dem vergänglichen Leben in dieser Welt, das nichts anderes ist als ein Gästehaus mit zwei Türen – einem Eingang und einem Ausgang. Ich behalte nie etwas in mir zurück, sondern bekomme die Dinge vom einen Ende zugewiesen und schicke sie dann zum anderen Ende. Zwischen mir und der Speiseröhre existiert ein Notausgang. Wenn ich meinen Inhalt unbedingt loswerden muss, dann kann ich mich nach oben entleeren, und du erbrichst. Auf den ersten Blick mag dieser Brechreflex ja nicht gerade vorteilhaft erscheinen, und möglicherweise fragst du dich ja, warum es keine Vorrichtung gibt, um ihn zu verhindern. Aber denk doch einmal nach: Was würdest du denn sonst tun, wenn du aus Versehen etwas gegessen hast, was verdorben oder sogar giftig ist? Du müsstest sofort ins Krankenhaus gebracht werden, damit du nicht an einer Lebensmittelvergiftung stirbst, und man müsste dir den Magen aufschneiden. Ich müsste dringend ausgespült werden, aber noch bevor dies geschehen könnte, würdest du wahrscheinlich sterben. So hingegen kann ich, wenn ich spüre, dass mir schädliche Dinge zugeführt werden, sofort reagieren und sie wieder auswerfen. Die Tatsache wiederum, dass sich zwischen mir und dem Darm ein Tor befindet, verhindert, dass Nahrung aus dem Darm zurückläuft und mir meinen Säurehaushalt ruiniert. Besonders hart würde es mich treffen, wenn sich die von der Leber produzierten Gallensalze und die Bauchspeicheldrüsenenzyme in mich ergießen würden.

Einen wertvollen Tipp möchte ich dir geben: Setzte dich keinen starken körperlichen Belastungen aus, solange ich noch gut gefüllt bin. Denn der Umstand, dass meine Wände mit dichtem Muskelgewebe ausstaffiert sind, bringt mit sich, dass viel Blut hin- und hertransportiert werden muss: Nach jedem Essen wird eine beachtliche Menge Blut aus anderen Regionen des Körpers abgezogen und mir zugeführt. Wenn du in diesem Zustand beispielsweise Sport treibst, wirst du Probleme bekommen, da die übrigen Organe nicht genug Nährstoffe erhalten und auch dein Herz zu stark belastet wird.

Weder sollte man seinen Magen vernachlässigen, noch darf man ihm zu viele Freiheiten gewähren.

Bevor ich nun langsam zum Ende komme, möchte ich dich noch in ein Geheimnis einweihen: Je unbedachter du mich füllst, desto wahrscheinlicher ist es, dass auch dein Geist unachtsam und gleichgültig wird. Dein geistiges Wohlergehen und deine geistige Gesundheit stehen in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zu einem vollen Magen. Wenn du mich zu stark anschwellen lässt, werden deine Blutgefäße und dein Herz langsam verfetten und ihre Arbeit nur noch langsam verrichten können. Auch dein Geist wird dann abstumpfen. Im Grunde genommen reicht es, wenn man isst, was man zum Überleben benötigt. Wenn du deinem Geschmacksinn vertraust, wenn du nur das ist, was rechtmäßig ist, und wenn du dir immer wieder in Erinnerung rufst, von wem dein Essen letztlich stammt, dann wird das nicht nur mir Frieden geben, sondern auch dich zu neuen geistigen Horizonten führen. Nachdem die Nahrung deinen Mund passiert hat, macht es für mich kaum einen Unterschied, ob sie süß ist oder salzig. Wenn es dir also gelingt, deinen Mund zu zügeln, der als eine Art Pförtner fungiert, dann kannst du dich davor schützen, wertlose Stoffe aufzunehmen und überflüssige Kilos anzusetzen.

Vor einiger Zeit noch hätten sich manche Leute über meine Ratschläge lustig gemacht und gesagt: „Gutes Essen ist die Basis des Lebens, deshalb sollte man reichlich Nahrung zu sich nehmen.“ Heute indes geben die moderne Medizin und die Ernährungswissenschaftler den gleichen Rat, den ich schon seit jahrelang gebe: Auch sie verkünden inzwischen, dass man nicht mehr essen sollte als unbedingt erforderlich. Die meisten Krankheiten entstehen, weil man zu viel isst. Gutes Essen mag zwar die Basis des Lebens darstellen, aber zu viel davon verspricht nichts anderes als einen frühen Tod.

Vor allem ein veränderter Speiseplan im Fastenzeiten erlaubt mir und meiner Mannschaft, neue Kräfte zu sammeln. Dieser Monat ist für uns wie ein Fitness-Camp, in dem wir uns auf neue Aufgaben vorbereiten können. Ich hoffe, dass du deine Willenskraft nutzen wirst, um mir dann eine Pause zu gönnen. Schließlich bist du darauf angewiesen, dass ich dich auch in Zukunft mit Nährstoffen und Energie versorge. Ohne mich würde dein Herz nicht zuverlässig funktionieren. Die Nahrungsaufnahme bildet die Wurzel der biologischen Lebenserhaltung. In diesem Sinne bin ich, dein Magen, so etwas wie ein zweischneidiges Schwert. Weder solltest du mich vernachlässigen, noch darfst du mir zu viele Freiheiten gewähren. Aber ich hoffe doch sehr, dass du die richtige Balance finden wirst.

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