Porträt eines Herzensmenschen

Von Fethullah Gülen

Ein Herzensmensch ist mit seinem Horizont, seinem Glauben und seinem Verhalten ein Held des Geistes und der Sinngehalte. Seine Tiefgründigkeit und unendliche Weite spiegelt sich nicht in seinem Wissen oder in dem was er erreicht hat, sondern im Reichtum seines Herzens, in der Reinheit seiner Seele und in seiner Ergebenheit gegenüber Gott. Für einen Herzensmenschen misst sich der Wert des Wissens daran, inwieweit es den Menschen zur Wahrheit führt; Wissen, das uns nicht hilft, die Realität des Seins, der Dinge und des Menschen zu verstehen, ist für ihn ohne Bedeutung – vor allem theoretisches Wissen, das keinen praktischen Nutzen hat.

Ein Herzensmensch ist immer auf der Hut vor materiellen und körperlichen Begierden. Sein Leben ist auf das Herz und spirituelle Werte ausgerichtet. Er ist entschlossen, sich von allen materiellen und spirituellen Unreinheiten fernzuhalten. Er ist ein Monument der Demut und der Selbstlosigkeit, fest entschlossen, Krankheiten wie Groll, Hass, Gier, Neid, Egoismus und Lüsternheit zu bekämpfen. Er ist immer an der Seite des Rechts und trachtet danach, ihm mehr Geltung zu verschaffen. Er ist ein Altruist, der mit dem Wunsch brennt, andere wissen zu lassen, was er über die Sphären des Diesseits und des Jenseits denkt und fühlt. Dabei ist er so geduldig und vorsichtig wie möglich. Er ist ein Mensch des Glaubens und Handelns. Statt zu reden und viel Aufhebens um sein Tun zu machen, lebt er aus, was er glaubt und stellt so ein Beispiel für andere dar: Er läuft immer weiter, für ihn gibt es keinen Halt. Innerlich brennt er wie ein bullernder Ofen und würde niemals zeigen, wenn er betrübt ist; er denkt gar nicht daran, andere als den Geliebten seinen Kummer wissen zu lassen. Er brennt stets im Innern und haucht den Seelen, die bei ihm Zuflucht suchen, Wärme ein.

In den Zielen eines Herzensmenschen schwingt stets das Jenseits mit. Er ist ein gläubiger Mensch, der dem Wohlgefallen Gottes verbunden ist, der ständig voranschreitet, Entfernungen überwindet und wie ein Vollblut galoppiert, bis er das Gewünschte erreicht hat. Erwartungen hegt er unterdessen keine.

Ein Herzensmensch ist ein so aufrichtiger Mensch der Wahrheit, der bei allem, was er tut, bestrebt ist, das Recht auf Erden zu verteidigen. Er kann dafür ohne Weiteres alle eigenen Wünsche und Begehren aufgeben. Er öffnet sich jedem von Herzen, umarmt jeden mit Mitgefühl und nimmt in der Gesellschaft stets die Rolle eines Schutzengels ein. Er erwartet jedoch von niemandem etwas, außer von Gott. Er versucht, in Bezug auf seine Einstellung und seine Verhaltensweisen mit allen im Einklang zu sein; er streitet sich mit niemandem, er hegt keine Feindschaft. Auch wenn er manchmal nach eigenem Ermessen, aufgrund eigener beruflicher Erfahrungen und eigener Werte Entscheidungen trifft, tritt er nie in Konkurrenz zu anderen, er verursacht keine Reibungen. Im Gegenteil, er liebt den, der seiner Religion, seinem Land oder seinem Ideal dient. Er beglückwünscht jeden für sein positives Engagement und achtet gewissenhaft darauf, jeden in seiner Räson oder seinem Standpunkt Respekt zu zollen.

Neben seinen eigenen Bemühungen und Engagements legt ein Herzensmensch besonderen Wert auf die Unterstützung Gottes und auf Seine Güte. Bei all seinen Unternehmungen sucht er nach Wegen, die ihm die Unterstützung Gottes einbringen. Er achtet sehr darauf, die Einheit zu bewahren, die gemäß dem Koran ein Mittel ist, die Gunst Gottes zu erlangen. Er ist bereit, mit fast jedem zusammenzuarbeiten, der eine richtige Bewegungslinie hat. Mehr noch: In seinem Bemühen um Konsens ist er oft bereit, einen Weg zu beschreiten, dem er eigentlich abgeneigt war. Er steht auf dem Standpunkt, dass durch Gemeinsamkeit Barmherzigkeit entsteht und dass mit Zwietracht und Sezession nichts erreicht werden kann. Er nimmt wo immer möglich die Hilfe anderer an und versucht stets, für die Schauer der göttlichen Gnade empfänglich zu sein.

Ein Herzensmensch liebt Gott und er liebt das Wohlgefallen Gottes. Egal wo er sich befindet und unter welchen Umständen er lebt, er handelt stets nach Seinem Wohlgefallen. Gott zu gefallen gilt sein ganzes Streben. Und um dieses Ziel zu erreichen, ist er bereit, seinen gesamten Besitz zu opfern und alles Irdische und Jenseitige aufzugeben. In der Gedankenwelt eines Herzensmenschen haben Überlegungen wie „mein Tun“, „mein Erfolg“, „mein Ergebnis“ keinen Platz. Ganz gleich, wer die Dinge tut, die getan werden müssen, er freut sich, als ob er selbst sie getan hätte. Er betrachtet die Erfolge anderer, als wären es seine. Er nimmt sich gern zurück und überlässt anderen die Ehre und den Ruf eines Pioniers. Mehr noch: Er bereitet den Weg für diejenigen vor, von denen er denkt, dass sie dem Glauben und den Menschen besser dienen können als er selbst. Dann tritt er einen Schritt zurück und setzt seinen Weg „als einer vom Volk“ fort.

Da ein Herzensmensch immer mit sich selbst ringt und sich seinen eigenen Fehlern stellt, kümmert er sich nicht um die Unzulänglichkeiten anderer. Nicht nur das. Indem er bei jeder Gelegenheit ein gutes Beispiel gibt, führt er andere zu höheren Horizonten und zeigt, wie man über Fehler und Unzulänglichkeiten anderer hinwegsieht. Auf ihre negative Haltung reagiert er mit einem Lächeln und ihre bösen Handlungen wehrt er mit Freundlichkeit ab; auch wenn er fünfzig Mal schlecht behandelt wurde, denkt er nicht einmal daran, jemanden zu kränken.

Ein Herzensmensch ist ein Mensch der Wahrheit, der es versteht, sein Leben in Aufrichtigkeit zu führen; sein Leben kreist um den vollkommenen Menschen, der in Bezug auf seine Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen so auf das Wohlgefallen Gottes ausgerichtet ist, dass man ihn niemals von seinem Ziel abbringen könnte, selbst wenn man ihm die ganze Welt und alles andere, was existiert, anbieten würde. Niemals würde er Weg oder Richtung ändern, nicht einmal, wenn man ihm die Paradiese zu Füßen legen würde.

Ein Herzensmensch tritt nie in Konkurrenz mit denen, die den gleichen Weg beschreiten und das gleiche Ideal teilen. Er ist nicht eifersüchtig auf sie, im Gegenteil, er gleicht ihre Mängel aus, kompensiert ihre Defizite. Er handelt immer so, als wären sie ein Teil, ein Organ eines gemeinsamen Körpers. Im Geist der Großzügigkeit hebt er seine Gefährten gleichsam auf allen materiellen und spirituellen Gebieten wie Rang, Stellung, Würde, Ruhm, Ansehen oder Einfluss heraus und zieht sich selbst zurück, indem er als Verkünder ihrer Erfolge waltet, ihre Leistungen beklatscht und sich über ihr Gelingen genauso freut, wie man sich an einem Festtag freut.

Auch wenn ein Herzensmensch meist seinen eigenen Weg und eigene Methoden hat und sich seinem persönlichen Temperament und Charakter entsprechend engagiert, ist er stets bemüht, die Gedanken und Handlungen anderer zu respektieren. Er bleibt offen für ein gemeinsames Leben, in dem man miteinander teilt, und sucht nach Wegen, um mit Menschen, die das gleiche Ideal teilen, gemeinsam zu agieren. Er entwickelt gemeinsame Projekte und bemüht sich, „ich“ durch „wir“ zu ersetzen. Mehr noch: Er ist gern bereit, sein eigenes Glück dem Glück anderer unterzuordnen. Er erwartet nicht die Gunst anderer. Eine solche Erwartung wäre eine Niederlage für ihn. Er vermeidet es, im Vordergrund zu stehen, und flieht vor Ruhm und Ehre, als würde er vor einer Schlange oder einem Skorpion fliehen, und übt sich im Vergessenwerden.

Ein Herzensmensch wird niemals übergriffig und erwidert einen Angriff nicht mit einem Gegenangriff. Auch in den kritischsten Momenten hat er sich im Griff; egal was passiert, er zögert nie, die Anforderungen an einen Herzensmenschen voll und ganz zu erfüllen. Auf das Böse antwortet er immer mit dem Guten. Er betrachtet das Böse als Werk böser Menschen und handelt selbst wie ein Denkmal des Guten.

Ein Herzensmensch lebt sein Leben im Einklang mit Koran und Sunna und im Rahmen der Freundschaft zu Gott, der tiefen Ergebenheit gegenüber Gott, der Entschlossenheit und dem Bewusstsein der Güte. Er ist stets wachsam im Hinblick auf Emotionen, die das Herz töten, wie Egoismus, Stolz und Ruhmsucht. Die Ehre für all das Gute, das ihm zugeschrieben wird, gibt er dem wahren Eigentümer, indem er sagt: „Alles kommt von Ihm.“ Bei Werken, die den Willen betreffen, flieht er stets vor dem „Ich“ und sucht Zuflucht im „Wir“.

Ein Herzensmensch hat vor niemandem Angst. Er gerät nie in Panik. Er „sucht Zuflucht bei Gott, strengt sich an, gehorcht der Weisheit“. Niemals weicht er von dem ab, was er für richtig hält.

Ein Herzensmensch nimmt niemandem etwas übel; besonders nicht denjenigen, die Gott von Herzen verbunden sind. Wenn er sieht, dass seine Gefährten einen Fehler begangen haben, wendet er sich nicht von ihnen ab. Er deckt ihre Fehler nicht auf. Er bringt sie nicht in Verlegenheit. Mehr noch: Er macht sich Vorwürfe und stellt sich selbst infrage, als hätte er einen großen Fehler begangen, weil er ihr Fehlverhalten gesehen hat.

Ein Herzensmensch vermeidet es, schlecht über Gläubige zu denken, die anderen Interpretationen gegenüber offen sind. Er äußert sich positiv zu dem, was er sieht und hört, und denkt auf gar keinen Fall negativ.

Ein Herzensmensch knüpft sein Handeln und sein Wirken an den Gedanken, dass diese Welt ein Ort des Dienstes ist und kein Ort des Lohns. Er verrichtet all seine Verantwortungen in herausragender Disziplin. Er sieht die Beschäftigung mit dem Resultat und dem Endergebnis als eine Respektlosigkeit gegenüber Gott an. Er betrachtet den Dienst an der Religion, dem Glauben und der Menschlichkeit als die größte Pflicht auf dem Weg zum Wohlgefallen Gottes. Ganz gleich wie groß seine Erfolge auch sind, er denkt niemals, er selbst habe einen materiellen oder spirituellen Anteil daran gehabt.

Ein Herzensmensch verliert nicht die Hoffnung – weder wenn seine Ordnung gestört wird noch wenn alle Menschen gegen ihn sind. Er sagt sich: „Diese Welt ist keine Welt des Ressentiments, sondern eine Welt des Ausharrens.“ Er beißt die Zähne zusammen, ist geduldig, sucht nach alternativen Wegen, sich aus den Situationen, denen er ausgesetzt ist, zu befreien, und bleibt selbst in den kritischsten Momenten immer eifrig und engagiert, indem er neue Strategien entwickelt.

In der heutigen Welt, in der menschliche Werte verachtet und religiöse Gedanken verworfen werden und in der einem vom Lärm der Taugenichtse der Kopf dröhnt, erinnern wir uns noch einmal daran, dass wir diese gutherzigen Menschen so sehr brauchen wie Luft und Wasser. 

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