Leidenschaft und Hingabe zu Erkenntnis und Forschung

Löbliche Eigenschaften, auf die wir uns zurückbesinnen sollten

Fethullah Gülen

Während wir, gemessen an unserer überaus glänzenden, fernen Vergangenheit, heute als vom Schicksal Gebeutelte ein bedauernswertes Dasein fristen, befinden andere sich mit der Fackel des Wissens in der Hand um Längen vor uns, als nähmen sie Rache an ihrer eigenen einst finsteren Vergangenheit, und prahlen uns gegenüber mit ihrer Überlegenheit in Wissen und Forschung, wenn auch nicht in menschlichen Werten. Was ist nur mit uns geschehen, dass wir derart gnadenlos den Anschluss verloren haben?!

Das Profil der Wissensdurstigen

Die Leidenschaft für Wissen und Forschung ist der Ausdruck eines genussvollen, heiligen Verlangens und einer Begeisterung mit dem Ziel, die göttlichen Namen sowie das Wesen hinter jenen Namen ausführlich kennenzulernen, durch dieses Erkennen Seine Nähe zu erlangen und in allem Belebten und Unbelebten, dem man begegnet, einen Hauch von Ihm wahrzunehmen und zu fühlen.

Wer eine solche Begeisterung in sich trägt, der bleibt weder an der Dunkelheit der Nächte hängen noch verfällt er durch den Lärm und Trubel der Tage in Zerstreuung; er sieht die Nacht als einen besonderen Horizont der Betrachtung und schreitet dem Ziel entgegen, auf das er zusteuert; den Tag wiederum nutzt er als ein neues Kapitel voller Gelegenheiten, und er ist erfüllt von unermüdlichem Tatendrang.

Er ist sich dessen bewusst, dass das Erreichen der Wahrheit und das Empfangen des göttlichen Beistands an eine mühsame Reise gebunden sind. Er weiß sehr wohl, dass Strapazen und Kummer der Reiseproviant, der Vorrat und das Kapital auf dem Wege der Propheten sind. Er glaubt von ganzem Herzen daran, dass er wie eine Kerze schmelzen muss, während er herbeieilt, um die Zukunft und die kommenden Generationen zu erhellen.

Er verbringt sein Leben auf dem Wege, das Dasein richtig zu lesen und richtig zu deuten … und getrieben von dem Entschluss, sein Wissen zur Gotteserkenntnis und seine Gotteserkenntnis zur Gewissheit zu führen, eilt er ohne Rast und Ruhe zwischen den verschiedenen Strophen des Gedichts der Existenz dahin. Er ist stets bemüht, nach Neuem zu streben; sein Horizont liegt weit jenseits seines Zieles und seiner Möglichkeiten; seine spirituelle Geschwindigkeit und Flughöhe übersteigen die der am höchsten Fliegenden; selbst wenn sein Kapital nur aus einem einzigen Tropfen besteht, blicken seine Augen stets auf das majestätische Bild unendlicher Meere; seine Flügel schlagen voller Hoffnung, und selbst wenn er auf dieser langen Reise keinen einzigen Cent an Kapital besitzt, so schreitet er seinem Ziel entgegen, als fühle er die Schätze der Welt unter seinen Füßen.

In dieser Hinsicht hegt er, wie auch immer sein gegenwärtiger Zustand sein mag, keinen Zweifel daran, dass die Fackel, die er trägt, morgen emporsteigen und den Himmel erhellen wird. Als seine Zeitgenossen in der Vergangenheit noch im Elend dahinsiechten, zeigte er bereits dieselbe Haltung; unermüdlich nahm er die Dinge und Ereignisse genauestens unter die Lupe: Mochten seine Zeitgenossen alles auch nur aus weiter Ferne betrachten, so schritt er mit seinen täglich neuen Erkenntnissen zum Wesenskern des Daseins und zum Kern der Kerne voran.

Eine unerklärliche Stagnation

Ich vermag nicht zu sagen, warum wir stehen blieben, während wir in einer vergangenen Ära noch derart stolzen Schrittes vorangingen; doch es ist offensichtlich, dass unser prächtiges Erbe heute von anderen beansprucht wird. Dieses Mal sind wir in eine Phase des Stillstands übergegangen, und sie sind vorangeschritten. Sie sind vorangeschritten und haben unter Nutzung jener Grundlagen und Prinzipien, deren Wurzeln uns gehören, zahlreiche Entdeckungen vollbracht. Auch wenn sie nicht bis zum Wesenskern, zum Fundament aller Dinge hervordringen konnten, so steht doch fest, dass sie hinter den Wissenschafts- und Technologieerfolgen dieses Zeitalters stehen …

Dabei hatten wir eine überaus gefestigte Vergangenheit, starke und zeitlos gültige Dynamiken sowie eine Religion, die Denken, Wissen, Lehren und Forschen als Gottesdienst betrachtet. In dieser Hinsicht waren wir weder den Wissenschaften noch der Existenz und ihren Phänomenen im Geringsten fremd. Doch wie dem auch sei, wir sind einst der Unwissenheit, der Verbohrtheit und der Trägheit erlegen; und danach sind wir an einer niederschmetternden Nachahmung und starren Denkmustern hängen geblieben!

Ein vergangenes goldenes Zeitalter

Was für Zeiten das waren; wir waren ganz wir selbst, und all unsere Forschungen trugen unsere eigene Handschrift. Das Denken, Forschen und Lehren erachteten wir als Gottesdienst. Wir hatten Tausende Begeisterte der Wissenschaft verloren, die ihr Leben hingaben – beseelt von freiem Denken und angetrieben von dem unbändigen Willen, die Wahrheit zu ergründen … Auf jedem Gebiet waren wir unermüdlich am Werk … Es war, als würden wir förmlich darum wetteifern, die verborgenen Zeichen des Schöpfers im Buch des Universums zu entschlüsseln. „Jene Vergangenheit gleicht heute nur noch einem zerbrochenen Traum.“ (Akif)

Während die ersten Muslime den Islam auf Erden verbreiteten, bemühten sie sich einerseits mit all ihrer Hingabe, die Herzen zu erhellen, und wiesen den Menschen Wege, sich von den vielfältigen Formen der Unterdrückung zu befreien, die jene Epoche beherrschten. Andererseits brachten sie jeder Gesellschaft, zu der sie vordrangen, ein neues Verständnis von Wissen, eine neue Art der Reflexion und neuartige Forschungsmethoden. Es war kaum ein Jahrhundert seit dem Erscheinen des Islams vergangen, als etwas Bestimmtes passierte – um es mit den Worten Akifs zu sagen:

„Die blutigen Füße, die einst über die Häupter schritten, kamen zur Besinnung;

die Ohnmacht, deren einziges Los es war, zertreten zu werden, erwachte zu neuem Leben;

die Grausamkeit, die ihren eigenen Untergang für undenkbar hielt, verendete …“

Überall dort, wo seine durchdringende Stimme zu hören war, ist das Pharaonentum untergegangen, und in jedem Winkel begann die Flagge von Recht und Gerechtigkeit zu wehen. Während an die Stelle des Götzendienstes der Gedanke des Monotheismus und die Dienerschaft gegenüber Gott traten, überließen auch Nachahmung und Mythen Stück für Stück ihren Platz der Leidenschaft für Wissen und der brennenden Begeisterung für Forschung.

In jener Zeit wurde jede Wissenschaft als vollwertige Wissenschaft gewürdigt, und sie alle hatten Anteil an dieser Leidenschaft und brennenden Begeisterung: So wurden einerseits die Hilfswissenschaften und die Rhetorik (Belâgha) sowie Disziplinen wie Koranexegese, Hadithwissenschaft, Jurisprudenz, Hadithmethodik, Rechtsmethodik und die Grundlagen der Religion als Sprachrohr und Vermittler eines neuen religiösen Systems, einer Lebensphilosophie und einer Jenseitsbetrachtung dargelegt. Andererseits wurden zahlreiche Natur- und Strukturwissenschaften wie Mathematik, Geometrie, Chemie, Medizin, Astronomie, Landwirtschaft und Städtebau in einem bis dato kaum bekannten, in dieser Form noch nie dagewesenen Rahmen neu begründet.

In jener Epoche ist es möglich, in nahezu all diesen Wissenschaftszweigen zahlreiche von der Forschung begeisterte Denker, Philosophen und Entdecker aus den Reihen der Muslime aufzuzeigen: von Muhammed ibn Zekeriyya er-Rāzī (gest. 925)1 bis zu Djābir aus Kufa (gest. um 815)2, von el-Fārābī (gest. 950)3 bis zu Ibn Sīnā (gest. 1037)4, von el-Fezārī (gest. um 806)5 bis zu el-Bettānī (gest. 929)6, von Ibn Yūnus (gest. 1009)7 bis zu Zehrāvī (gest. 1013)8, von el-Ghazzālī (gest. 1111)9 bis zu Ibn Ruschd (gest. 1198)10 und noch Hunderte weitere Genies … Die Gelehrten, Denker, Philosophen und Entdecker, die wir hier angeführt haben, sind nur einige wenige von jenen, die in Wissenschaftszweigen wie Chemie, Mathematik, Geometrie, Medizin, Astronomie, Musik, Jurisprudenz, Methodik der Jurisprudenz und Sufismus ganze Systeme entwickelt haben.11

Die Werke, die sie der Menschheit zum Geschenk machten, sind von einer Qualität, die Zeitalter überdauert, und von einer Beschaffenheit, die der westlichen Renaissance den Weg ebnete.12 Auch wenn einige Exzentriker (Kharidjiyye) unter uns dies nicht wahrhaben wollen, so denkt die unvoreingenommene Welt der Wissenschaft in dieser Angelegenheit inzwischen anders.

Lassen Sie uns diese Thematik im Lichte der Ausführungen von Denkern wie Haydar Bammate (gest. 1965), Joseph Bertrand (gest. 1900) und Gustave Le Bon (gest. 1931)13 weiter vertiefen: Das achte und neunte Jahrhundert markieren eine lichtumflossene Ära, in der verschiedenste Disziplinen der Geistes- und Naturwissenschaften eine beispiellose Blüte erfuhren. Die Wissenschaftsgeschichte beschreibt den Orient mit Blick auf jene Jahrhunderte als überaus glanzvoll. Dies ging so weit, dass die islamische Welt ihr goldenes Zeitalter erlebte, während weite Teile der Erde noch in tiefer Unwissenheit verharrten.

Unvergleichlicher Fortschritt trotz suboptimaler Bedingungen

Gelehrte und Forscher nahmen einen Rang ein, der jenem der Staatsmänner ebenbürtig war, und erfreuten sich höchsten Ansehens. Unter der Regentschaft des Abbasiden-Kalifen el-Me‘mūn (gest. 833) 14 wurde auf staatliche Veranlassung hin beschlossen, die Kugelgestalt der Erde wissenschaftlich zu belegen. Dieser Beschluss wurde später von den Brüdern Benū Mūsā (gest. 873)15 in der Wüste von Sindschar in die Tat umgesetzt. Dieses in der Wissenschaftsgeschichte hinsichtlich seiner Qualität sehr wohl bekannte Experiment wurde zudem in der Wüste von Kufa wiederholt, wobei Ergebnisse erzielt wurden, die den heutigen Erkenntnissen zu diesem Thema erstaunlich nahekommen.

Dabei war zu jener Zeit, bedingt durch den Niedergang der Schule von Alexandria16 im Nahen Osten, in vielen wissenschaftlichen Bereichen ein Stillstand eingetreten; ebenso waren fundierte astronomische Erkenntnisse hinter astrologische Mythen zurückgefallen. Die wissenschaftlichen Forschungen waren zum Erliegen gekommen, die Begeisterung für Wissen war erloschen. In Konstantinopel verlor man sich im Schablonendenken, während der Zustand Europas gänzlich herzzerreißend war.

In einer solchen Ära prüften die muslimischen Wissensbegeisterten mit tiefer Leidenschaft sämtliche Wissensfragmente, die sie aus dem alten wissenschaftlichen Erbe erhalten hatten, berichtigten deren Fehler und brachten neue Erkenntnisse hervor, die künftige Generationen in Erstaunen versetzen sollten. Schon in einer bemerkenswert frühen Epoche waren es Muslime, welche die empirischen Methoden begründeten17. Ebenso geht die Entdeckung einiger Instrumente und Systeme auf Muslime zurück: Das Astrolabium18 ist ein Geschenk von Muhammed ibn Ibrahīm el-Fezārī; die astronomischen Sterntafeln (Zidsch) wiederum sind das Vermächtnis von el-Bettānī. Dass der Begriff der „Algebra“ in der Gelehrtenwelt stets in einem Atemzug mit Djābir genannt wird, ist gewiss kein Zufall.

Gelehrte weisen darauf hin, dass selbst Laplace (gest. 1827)19 von den Beobachtungen eines Ibn Yūnus und eines el-Bettānī profitierte. Schließlich hat die westliche Welt jahrhundertelang die Systeme von Ibn Yūnus und el-Bettānī genutzt, an ihren Universitäten die Philosophie von Ibn Ruschd sowie die Medizin von Ibn Sīnā und er-Rāzī gelehrt und die chirurgischen Instrumente sowie Operationsmethoden von Zehrāvī angewandt. In der Welt der Wissenschaft gibt es wohl kaum jemanden, der el-Hazen (gest. 1040)20 nicht kennt. Er war es, der die Anatomie des Auges revolutionierte.

Diese Leidenschaft beschränkte sich keineswegs nur auf die genannten Punkte. Sie waren zudem Pioniere in Themenbereichen wie Landwirtschaft, Gartenbau und Bewässerungssystemen. Die Pflege von Haus und Garten sowie die Landschaftsgestaltung sind Geschenke unserer Welt an den Westen. Auch zoologische Gärten und Fischteiche sind Geschenke dieser vordenkenden Köpfe. In Andalusien hatten die Muslime – in dem Bewusstsein ihres Rechts, gestaltend in die Natur einzugreifen – derart vollkommene Gärten angelegt, dass es zum Alltag gehörte, dort auf jede erdenkliche Art von Lebewesen zu treffen.21

Rückblick auf die Vergangenheit, um die Zukunft wieder zu erleuchten

Jeder beneidete sie und ihre Welt. Wer in seinem Herzen nicht Hass und Groll hegte, stellte sich freiwillig an ihre Seite.22 Ohnehin wäre es angesichts einer derart breiten Front der Feindseligkeit unmöglich gewesen, allein durch rohe Gewalt so lange standzuhalten. Auf dem Weg in unsere heutige Zeit erloschen diese Begeisterung und Sehnsucht jedoch allmählich. In diesem Volk breitete sich eine tödliche Erschöpfung aus. Nun rufen uns jene, die einst zu uns aufsahen, aufgrund ihres technologischen Fortschritts unter ihre Schirmherrschaft. Wie waren sie wohl an diesen Punkt gelangt? Meiner Meinung nach gibt es auf all diese Fragen eine einzige Antwort: indem sie genau jene Wege beschritten, die wir zuvor angelegt hatten!

Daher bleibt uns und allen Erziehern nur noch die Aufgabe, jene Liebe zur Wahrheit und zur Wissenschaft von Neuem zu entfachen, die wir durch unsere eigenen Vorfahren kennengelernt haben, und sie ein weiteres Mal mit unbändigem Forschungsdrang und tiefem Erkenntnisdurst zu beflügeln. Um ein derartiges Vorhaben in dieser weiten Geografie zu verwirklichen, bedarf es jedoch unweigerlich wacher Geister, der Wahrheit hingegebener Herzen und furchtloser Helden, die frei von jeglichen Hintergedanken oder Eigennutz sind und selbst angesichts schwerster Widrigkeiten nicht ins Wanken geraten; Helden, die keinerlei persönliche oder wirtschaftliche Interessenbindungen hegen und erhaben über alle weltlichen Begierden sind.  

Anmerkungen

Er-Rāzī: Unter dem latinisierten Namen Rhazes ging der persische Universalgelehrte (gest. 925) in die europäische Medizingeschichte ein. Er gilt als einer der größten Kliniker des Mittelalters. Seine bahnbrechende Monografie el-Judari wa el-Ḥaṣbah, in der er als Erster klinisch präzise zwischen Pocken und Masern unterschied, wurde unzählige Male ins Lateinische und in moderne europäische Sprachen übersetzt. Vgl. Peter E. Pormann & Emilie Savage-Smith: Medieval Islamic Medicine, Edinburgh 2007.

Algebra: Aus wissenschaftshistorischer Sicht ist hier eine Präzisierung wichtig: Der Begriff „Algebra“ geht nicht auf den berühmten Chemiker Djābir ibn Ḥayyān (latinisiert Geber, gest. um 815) zurück. Das Wort leitet sich vielmehr vom arabischen „al-djabr“ (das Ergänzen/Wiederherstellen) ab und entstammt dem Titel des wegweisenden Buches des Universalgelehrten El-Chwārizmī (gest. um 850), der die Algebra als eigenständige mathematische Disziplin etablierte. Vgl. George Gheverghese Joseph: The Crest of the Peacock: Non-European Roots of Mathematics, Princeton 2011.

El-Fārābī: Ebu Naṣr Muḥammed el-Fārābī (in Europa als Alpharabius bekannt, gest. 950) war ein herausragender Universalgelehrter, der als „der Zweite Lehrer“ (nach Aristoteles) in die Geistesgeschichte einging. Er leistete bahnbrechende Beiträge zur politischen Philosophie, Logik und Metaphysik. Sein Werk Kitāb el-Musīqa el-Kabīr (Das große Buch der Musik) ist die bis dahin umfassendste und systematischste Abhandlung über Musiktheorie, Akustik und Instrumentenkunde. Vgl. Majid Fakhry: A History of Islamic Philosophy, New York 2004.

Ibn Sīnā: in Europa weltbekannt als Avicenna (gest. 1037). Sein medizinisches Meisterwerk, der Kanon der Medizin (El-Qānūn fi el-Tibb), fasste das gesamte medizinische Wissen seiner Zeit zusammen und diente bis tief ins 17. Jahrhundert hinein als unangefochtenes Standardlehrwerk an den europäischen medizinischen Fakultäten (etwa in Montpellier und Leuven). Vgl. Nancy G. Siraisi: Avicenna in Renaissance Italy, Princeton 1987.

El-Fezārī: Gestorben um 806, perfektionierte er das Astrolabium und war ein Pionier der frühen abbasidischen Astronomie. Vgl. David A. King: Astrolabes from Medieval Europe, Farnham 2011.

El-Bettānī: unter dem Namen Albatenius (gest. 929) bekannt. Seine hochpräzisen astronomischen Sterntafeln wurden von Nikolaus Kopernikus zur Berechnung herangezogen. Vgl. George Saliba: Islamic Science and the Making of the European Renaissance, Cambridge 2007.

ʿAli ibn Yūnus: 1009 gestorben. Seine astronomischen Beobachtungen im Zīdj el-Ḥākimī waren so exakt, dass der amerikanische Astronom Simon Newcomb sie im 19. Jh. zur Berechnung der Mondbeschleunigung nutzte. Vgl. Francis Richard Stephenson: Historical Eclipses and Earth‘s Rotation, Cambridge 1997.

Zehrāvī: Abu el-Qāsim ez-Zahrāwī (in Europa Abulcasis, gest. 1013) gilt als der „Vater der modernen Chirurgie“. Der chirurgische Teil seiner Enzyklopädie Al-Taṣrīf war das erste illustrierte Handbuch der Chirurgie. Er erfand und beschrieb darin über 200 chirurgische Instrumente (Zangen, Skalpelle, Katheter), von denen viele in ihrer Grundform bis heute verwendet werden. Vgl. M. S. Spink & G. L. Lewis: Albucasis on Surgery and Instruments, London 1973.

El-Ghazzālī: Ebu Ḥāmid el-Ghazzālī (latinisiert Algazel, gest. 1111) gilt als einer der einflussreichsten Theologen und Mystiker. In seinem Hauptwerk Iḥyāʾ ʿUlūm ad-Dīn gelang es ihm, die orthodoxe Rechtswissenschaft auf organische Weise mit der inneren Spiritualität des Sufismus zu versöhnen. Vgl. William Montgomery Watt: The Faith and Practice of Al-Ghazali, London 1953.

Ibn Ruschd: In der europäischen Geistesgeschichte als Averroes (gest. 1198) bekannt, genoss er so hohes Ansehen, dass Thomas von Aquin ihn ehrfurchtsvoll nur „den Kommentator“ nannte. Der nach ihm benannte Averroismus war jahrhundertelang eine der einflussreichsten philosophischen Strömungen an europäischen Universitäten. Vgl. Majid Fakhry: A History of Islamic Philosophy, New York 2004.

Systementwicklung in den islamischen Wissenschaften: Die islamische Zivilisation brachte nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern auch in den Geisteswissenschaften hochkomplexe Systeme hervor. Die „Methodik der Jurisprudenz“ (Uṣūl el-Fiqh) etablierte strikte logische Prinzipien zur Ableitung von Rechtsnormen und gilt als beispiellos frühes System der Rechtsphilosophie. Ebenso wurde der „Sufismus“ (Taṣawwuf) zu einer systematisierten mystischen Philosophie weiterentwickelt, die das innere Erleben methodisch strukturierte. Vgl. Wael B. Hallaq: A History of Islamic Legal Theories, Cambridge 1997.

Fundament der Renaissance: Wissenschaftshistoriker weisen detailliert nach, dass die Errungenschaften der islamischen Gelehrtenwelt das unentbehrliche Fundament der westlichen Renaissance bildeten. Vgl. Jim Al-Khalili: Im Haus der Weisheit, Bonn 2011; John M. Hobson: The Eastern Origins of Western Civilisation, Cambridge 2004; Fuad Sezgin: Wissenschaft und Technik im Islam, Frankfurt am Main 2003; Johannes Fried: Das Mittelalter, München 2008.

Wissenschaftshistorische Rezeption: Denker wie Haydar Bammate (Visages de l’Islam), Joseph Bertrand (L’Académie des sciences) und Gustave Le Bon (La Civilisation des Arabes) untersuchten die katalytische Wirkung der islamischen Gelehrsamkeit auf die europäische Moderne und dokumentierten den kulturellen Transfer detailliert.

Kalif el-Me‘mūn und die Wissenschaft: Der Abbasiden-Kalif (gest. 833) förderte in Bagdad das „Haus der Weisheit“ (Bait el-Ḥikma). Er initiierte erste staatlich finanzierte Großforschungsprojekte, darunter astronomische Observatorien und geodätische Messungen zur Bestätigung der Erdkugel. Vgl. Dimitri Gutas: Greek Thought, Arabic Culture, London 1998.

Erdumfang-Messung: Im Auftrag von Kalif el-Me‘mūn maßen die Brüder Benū Mūsā (gest. 873) einen Breitengrad, um den Erdumfang präzise zu berechnen. Raymond Mercier würdigte dieses Unterfangen als die erste systematische geodätische Expedition der Wissenschaftsgeschichte. Vgl. Raymond Mercier: Geodesy, in: The History of Cartography, Chicago 1992.

Schule von Alexandria: Ihr Niedergang zwischen dem 4. und 7. Jahrhundert hinterließ ein gewaltiges intellektuelles Vakuum. Die exakte Astronomie wurde zunehmend von astrologischen Mythen verdrängt. Erst die islamische Übersetzungsbewegung rettete diese antiken Werke und rehabilitierte die Astronomie durch empirische Forschung. Vgl. David C. Lindberg: The Beginnings of Western Science, Chicago 2007.

Empirische Methoden: Was heute als „wissenschaftliche Methode“ bekannt ist, wurde maßgeblich durch muslimische Gelehrte wie Ibn el-Haytham (Alhazen, gest. 1040) durch systematische Experimente geprägt – lange vor Denkern wie Francis Bacon oder Galileo Galilei. Vgl. Roshdi Rashed (Hrsg.): Encyclopedia of the History of Arabic Science, London 1996.

Astrolabium: Dieser antike astronomische „Himmelscomputer“ zur Winkelmessung und Navigation wurde von Muslimen perfektioniert und war im europäischen Mittelalter bis zur Erfindung des Sextanten unverzichtbar. Vgl. David A. King: Astrolabes from Medieval Europe, Abingdon 2011.

Laplace und die islamische Astronomie: Der französische Astronom Pierre-Simon Laplace (gest. 1827) nutzte für seine bahnbrechenden Berechnungen zur Himmelsmechanik ganz konkret die historischen Finsternis-Beobachtungen von el-Bettānī und Ibn Yūnus, da deren jahrhundertealte Daten von unübertroffener Präzision waren. Vgl. Christopher M. Linton: From Eudoxus to Einstein, Cambridge 2004.

Anatomie des Auges und Optik: Hinter dem Namen el-Hazen verbirgt sich Ibn el-Haytham (Alhazen, gest. 1040). Er stürzte die antike „Sehstrahl-Theorie“ und bewies experimentell die Intromissionstheorie – dass Licht von Objekten in das Auge fällt. Er beschrieb die Anatomie des Auges in einer Detailgenauigkeit, die die Optik bis Johannes Kepler grundlegend prägte. Vgl. David C. Lindberg: Theories of Vision from al-Kindi to Kepler, Chicago 1976.

Andalusische Gärten und frühe Tierparks: Das „gestaltende Eingreifen in die Natur“ spiegelt ein islamisches Naturverständnis wider, bei dem der Mensch als Statthalter (khalīfa) die Schöpfung kultiviert. In El-Andalus entstanden hochkomplexe Anlagen, die Menagerien (Tierparks) und Volieren umfassten. Diese gelten als direkte Vorläufer der modernen Tier- und Pflanzenparks. Vgl. Dede Fairchild Ruggles: Islamic Gardens and Landscapes, Philadelphia 2008.

Kulturelle Anziehungskraft und friedliche Koexistenz: Die Pax Islamica schuf enorme wirtschaftliche und kulturelle Anreize. Das Prinzip der Convivencia in Andalusien und der rechtliche Schutzstatus (Dhimmi) führten dazu, dass sich viele Menschen freiwillig dieser Ordnung anschlossen und in die Forschungszentren strömten. Vgl. Maria Rosa Menocal: The Ornament of the World, Boston 2002.

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