Den Menschen lieben

Von M. Fethullah Gülen

Die Liebe ist ein Lebenselixier. Der Mensch lebt, weil er liebt, Liebe macht ihn glücklich und mit Liebe macht er sein Umfeld glücklich.

Im Wörterbuch der Menschheit ist die Liebe unsere Seele; mit ihr fühlen wir einander, mit ihr hören wir einander. Gott hat kein stärkeres Band geschaffen, keine stabilere Kette, die Menschen miteinander verbindet als die Liebe. Eigentlich ist die Welt eine verfallene Ruine, es ist die Liebe, die sie frisch und lebendig macht. Die Dschinns, die Menschen haben Sultane, die Bienen, Ameisen, Termiten haben Königinnen. Diese Sultane und Königinnen haben Throne. Könige und Königinnen werden nach einem bestimmten Prozedere ausgewählt und inthronisiert. Es gibt aber einen Sultan, der von ganz allein in unserem Herzen seinen Thron aufgeschlagen hat: die Liebe. Je entschlossener unsere Zunge, unsere Lippen, Augen und Ohren die Flagge der Liebe hissen, desto mehr gewinnen sie an Wert. Das Herz, das Heim der Liebe, erreicht dank ihr einen immer höheren Wert. Die Liebe hingegen ist aus sich selbst heraus kostbar. Burgen wurden ohne Blutvergießen eingenommen, wenn im Heer der Eroberer die Flagge der Liebe wehte. Überall, wohin die Soldaten der Liebe kamen, wurden aus Sultanen gewöhnliche Soldaten.

Wir sind in einer Atmosphäre aufgewachsen, in der die Triumphe der Liebe in unseren Augen widerstrahlten, der Klang ihrer Trommel, ihrer Pauke unsere Ohren erfüllte. Unsere Herzen haben stets aufgeregt im Rhythmus ihrer Flagge geschlagen. Wir sind mit der Liebe so vertraut geworden, dass wir schließlich unser Leben vollständig mit ihr verbanden und ihr unsere Seele hingaben. Wenn wir jetzt leben, leben wir für die Liebe, wenn wir sterben, werden wir für die Liebe sterben. Mit jedem Atemzug, mit unserem ganzen Sein hören wir sie; wir wärmen uns an ihr in der Kälte und kühlen uns an ihr in der Hitze. In Zeiten des Kampfes ist die dröhnende Trommel der Liebe zu hören; in Friedenszeiten wird mit den Melodien der Liebe gefeiert.

Wenn es in dieser außerordentlich verkommenen Welt, in der tausendundeine Bosheit gemeinsame Sache machen, etwas gibt, was immer rein und sauber geblieben ist, ist es die Liebe. Und wenn es eine Schönheit gibt, die ihre Grazie und ihren Charme bewahrt hat, ohne sich zu verfärben, ist es die Liebe. Nirgendwo in der Welt gibt es etwas Realeres und Dauerhafteres als sie. Wo ihre Stimme, weicher und wärmer als ein Wiegenlied, vernommen wird, verblassen alle anderen Stimmen, alle Instrumente verstummen und tauchen mit ihren süßesten Melodien in die Stille der Selbstreflexion ein.

Aus Liebe sind die Universen entstanden

Die Existenz kam ins Dasein, als der Docht der Erkennung und Anerkennung, die Lampe der Liebe entzündet wurde. Hätte Gott nicht die Liebe zum Schöpfen, wären weder der Mond noch die Sonne noch die Sterne entstanden. Die Universen sind Gedichte der Liebe und die Erde ist der Reim dieser Gedichte. Im Buch der Natur und im Ökosystem sind stets die tiefen Atemzüge der Liebe zu hören. Ihre Flagge weht auch in zwischenmenschlichen Beziehungen. Wenn es unter den Menschen eine Währung gibt, die ihren Wert nie verliert, dann ist es die Liebe. Der Wert der Liebe liegt in ihr selbst. Liebe wiegt selbst schwerer als reinstes Gold. Gold und Silber können an den Börsen und Märkten jederzeit an Wert verlieren. Die Türen der Liebe sind jedoch gegenüber negativen Einflüssen aller Art verschlossen und kein Angriff von außen kann ihre innere Harmonie stören. Bis heute kam außer den monsterhaften Geistern, die in Groll, Hass und Feindschaft gefangen waren, keinem in den Sinn, sich gegen die Liebe aufzulehnen oder gegen sie anzukämpfen. Ich denke, das einzige Elixier, das diese Monstergeister zähmt, ist die Liebe. Außerhalb des Einflussbereichs weltlichen Reichtums gibt es so viele Probleme, die nur durch den magischen Schlüssel der Liebe gelöst werden konnten. Es gibt ohnehin keinen Wert auf der Welt, der es mit der Liebe aufnehmen könnte. Alle Gold-, Silber-, Devisen-, Scheck- und Aktienkartelle wurden praktisch bei jedem Marathon von den glühenden Patrioten der Liebe geschlagen. Ja, die Patrone des Materiellen sind trotz all des Lärms, der Aufregung, der Show und des Glamours am Ende ihres Kapitals angelangt, ihre Märkte sind geschlossen, ihre Öfen sind erloschen. Die Lampe der Liebe hat jedoch immer hell geleuchtet und ist als Licht in alle Herzen und Seelen geflossen.

Die der Liebe Gewidmeten

Die Glücklichen, die vor der Rahle1 der Liebe kniend ihr ihr Leben gewidmet haben, gaben in ihren Wörterbüchern Groll, Hass, Klatsch und Verschwörung niemals Platz und wurden selbst unter Lebensgefahr nicht feindselig – und werden das auch nicht. Ihre vor Liebe gebeugten Häupter begrüßten stets die Liebe und richteten sich vor niemandem als der Liebe auf. Und wenn sie sich wie Rösser der Liebe aufrichteten, begann das Gefühl der Feindseligkeit, sich ein Versteck zu suchen; der Hass ist vor Groll geplatzt; die Wut hat sich in tödliche Schluckbeschwerden verwandelt und die Verschwörung hat sich um den Hals ihres Urhebers gewickelt.

Wenn es einen Zauber gibt, der bis heute die gefährlichsten Tricks des Teufels zunichtemacht, dann ist es die Liebe. Die Propheten löschten die gierigen und wütenden Feuer der Pharaonen, der Nimrods und der Scheddads mit dem Kewthar2 ihrer Liebe aus. Alle Freunde des Wahren haben die hier und da verstreuten undisziplinierten und rebellischen Geister liebevoll zusammengebracht, wie die Seiten eines Buches, dessen Bindung aus dem Leim gegangen war, und sie im Austausch zwischenmenschlicher Beziehungen zusammengeführt. Die Kraft der Liebe war schon immer so mächtig, die Magie von Hārūt und Mārūt3 zu brechen, und so wirkungsstark, das Feuer der Hölle zu löschen. Daher glaube ich nicht, dass jemand, der die Waffe der Liebe besitzt, je eine andere Waffe brauchen wird. Ja, die Liebe ist so stark, sie könnte selbst Kanonenkugeln unwirksam machen.

Der Mensch ist der Spiegel des Menschen

Ob der Mensch andere liebt, für seine Umwelt sorgt und alle Lebewesen mit Mitgefühl umarmt, hängt davon ab, inwieweit er sich selbst findet und kennt, seine eigene Natur entdeckt und auf seine Beziehung zu seinem Schöpfer hört. Wenn er seine eigene Tiefe, die edle Natur seines Wesens bemerkt und fühlt, kann er das auch in anderen erkennen. Sowohl in Anbetracht des Schöpfers als auch im Gefühl der Wertschätzung gegenüber der edlen Natur aller anderen Wesen beginnt er, sie anders zu betrachten, anders wahrzunehmen, anders zu bewerten. Tatsächlich hängt die Tatsache, dass wir unseren Wert erkennen und einander Respekt zollen, eng mit dem Wissen um die potenziellen und verborgenen Schätze des anderen ​​zusammen. Wir können den Ausspruch „Der Gläubige ist der Spiegel des Gläubigen“, der in der Literatur auf den Propheten zurückgeführt wird, erweitern und im Kontext dieser Betrachtung sagen: „Der Mensch ist der Spiegel des Menschen.“ Dann weiß praktisch jeder, dass er durch das Objektiv der eigenen Schätze auch die Tiefe, die Weite und die Reichtümer der anderen wahrnimmt und spürt und all diese wichtigen Gaben außerdem mit ihrem wahren Besitzer zu verknüpfen weiß: Was immer es an Schönheit und Herrlichkeit in der ganzen Sphäre des Seins gibt, und alles, was mit Liebe und Zuwendung zusammenhängt, gehört Ihm. Eine Seele, die diese Feinheit wahrnehmen kann, trägt wie Mewlānā ein Epos in der Sprache des Herzens vor: „Komm, komm zu uns; wir sind Menschen der Liebe, die Gott dem Wahren ergeben sind! Komm zu uns und tritt durch die Tür der Liebe, komm herein und setz dich zu uns. Lass uns herzlich miteinander reden (lassen wir unsere Herzen sich miteinander verbinden). Lass uns heimlich mit den Ohren und den Augen reden. Lass uns wie die Rosen ohne Lippen still lachen, uns wortlos wie die Gedanken besprechen. Da wir alle eins sind, lass uns einander stumm von Herzen zurufen. Da unsere Hände verbunden sind, lass uns darüber reden. Hände und Füße verstehen die Bewegungen des Herzens besser, also komm, lass uns still sein und mit unseren zitternden Herzen sprechen.“

Der Islam betrachtet praktisch alle von uns als unterschiedliche Manifestationen eines Juwels, als verschiedene Gesichter einer Wahrheit. Tatsächlich sind Menschen, die sich – mit den Worten des Hadith „Du siehst, dass die Gläubigen, was ihre Barmherzigkeit und Liebe untereinander und ihre Freundlichkeit betrifft, einem einzigen Körper ähnlich sind, derart dass, wenn es einem Teil des Körpers nicht gut geht, der ganze Körper die Schlaflosigkeit (Insomnie) und das Fieber mit ihm teilt“4– um Gemeinsamkeiten wie die Einheit Gottes, die Einheit der Propheten, der Religion, der Sprache, des Landes und der Nation zusammengeschlossen haben, wie einzelne Glieder eines Körpers. Die Hand sollte nicht mit dem Fuß konkurrieren. Die Zunge die Lippe nicht verurteilen. Das Auge die Fehler des Ohrs übersehen. Das Herz sollte sich nicht mit dem Kopf anlegen. Wenn sie alle Elemente sind, die sich in einem Körper ergänzen, was soll dann die verdrehte Ansicht, in „Einem“ zwei zu sehen? Warum die Einheit zwischen uns zerstören, die doch ein wichtiges Mittel ist, damit unsere Welt zum Paradies werden kann, ein Mittel, das die Tore des Paradieses weit öffnet und uns darin willkommen heißt? Wenn Einheit und Solidarität ein Weg sind, um von Gott Erfolg beschieden zu bekommen, was sollen dann die ganzen Meinungsverschiedenheiten und Verleumdungen? Wann werden wir die Emotionen und Gedanken, die uns auseinandertreiben, aus unseren Seelen ausreißen und uns auf den Weg machen, uns gegenseitig zu umarmen?

Die Wege, die zu Gott führen, sind so vielfältig wie die Atemzüge der Geschöpfe, wie unterschiedliche Temperamente und Lebensgesinnungen. Jeder hat ein anderes Verständnis, einen anderen Blick auf die Dinge, läuft auf einem anderen Weg und überquert eine andere Brücke. Jeder steigt über eine andere Leiter auf, erreicht über andere Serpentinen seinen Gipfel. Jeder begeistert sich an anderen Melodien und spielt andere Instrumente; aber alle bemühen sich eifrig, Gott zu gefallen und die Welt in Paradiesgärten zu verwandeln. Wenn der Parcours also so breit ist und das Ziel für alle Wege so offen, wozu dann der ganze Zoff? Besonders wenn unsere Gegner Konflikte und Feindseligkeiten gegen uns verwenden …

Ich möchte meine Gedanken zu diesem Thema mit folgenden famosen Worten eines unserer Dichter beenden:

„Die Frau braucht den Mann, die Jungen die Alten, der Bogen den Pfeil,

Alles auf der Welt braucht einander, ist vom Ganzen ein Teil.“  

Anmerkungen

  1. Zusammenlegbares Lesepult und reich verzierter Buchständer aus Holz, auf dem der Koran beim Vorlesen im Schneidersitz auf dem Boden sitzend abgelegt wird (Anm. d. Red.).
  2. El-Kewthar: die Fülle. Name der 108. Sure des Korans. Kauthar ist der Name eines Flusses im Paradies und bezieht sich auch auf die Gesamtheit, die Fülle göttlicher Gunstbezeugungen (Anm. d. Red.).
  3. Zwei Engel, die gemäß dem Koran die Menschen in Babel in Zauberei unterrichteten. Siehe El-Baqara, 2:102 (Anm. d. Red.).
  4. El-Buḫārī, Edeb 71, Hadithnr. 6011
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