Die Tragödie Amazoniens

Von M. A. Sayar

Die großen Brände im Amazonasgebiet 2019 haben die Weltöffentlichkeit aufgeschreckt und ihr die Wichtigkeit der Regenwälder für das Überleben der Menschheit einmal mehr vor Augen geführt. Langfristig schlimmer jedoch ist die anhaltende Vernichtung der Urwälder zum Zwecke der Landwirtschaft und des Abbaus von Bodenschätzen, eine Entwicklung, die unser Autor bereits vor 25 Jahren beklagte und die sich gerade unter der Regierung Bolsonaro noch einmal beschleunigt.

Der tropische Regenwald des Amazonas ist der größte der Welt. Er erstreckt sich über neun lateinamerikanische Länder – Brasilien, Peru, Ecuador, Kolumbien, Bolivien, Venezuela, Guyana, Französisch-Guayana und Surinam – und umfasst 5,5 Millionen km2 (550 Millionen Hektar), eine Fläche, die fast sechsmal so groß ist wie die der Türkei (Goldemberg und Durham, 1990, S. 25). Der durchschnittliche jährliche Niederschlag beträgt mehr als 2,5 m, buchstäblich Millionen von Pflanzen- und Tierarten leben dort, von denen die meisten endemisch sind, d. h. nur in dieser Region vorkommen. Ein Hektar Amazonas-Regenwald kann bis zu 230 verschiedene Baumarten beherbergen, in anderen Wäldern gibt es nur 10 oder 15 Arten auf der gleichen Fläche (The Ecologist 1989, Sonderausgabe über den Amazonas). Ein Bericht schätzte für eine typische 10 km2 große Fläche etwa 750 Baum-, 125 Säugetier-, 400 Vogel-, 100 Reptilien- und 60 Amphibienarten, wobei ein einzelner Baum wiederum Lebensraum für mehr als 400 Insektenarten bietet. Insgesamt gibt es 80.000 Pflanzenarten (davon allein 600 Palmenarten) und etwa 300 Säugetierarten (Linden, 1988, S. 45).

Aus diesem Grund stellt die Region ein riesiges natürliches Arzneibuch dar. Aus dem Regenwald gewonnenes pflanzliches und tierisches Gewebe wird zur Herstellung von Chemikalien mit nachgewiesener medizinischer Wirksamkeit verwendet. (Die Zutaten für viele bekannte Medikamente werden aus tropischen Pflanzen gewonnen.) Bisher wurden weniger als ein Prozent der Pflanzenarten Amazoniens auf ihre möglichen heilenden Eigenschaften untersucht (McGee, 1990, S. 516 f.).

Im Gegensatz zum Reichtum seiner Flora und Fauna ist der Boden des Amazonasgebietes nährstoffarm, und zwar so sehr, dass bei der Lichtung großer Flächen der Regenerationsprozess bis zu 300, teilweise sogar 1.000 Jahre dauern kann (Giamo, 1988, S. 539). Gleichzeitig ist der Wald reich an verschiedenen natürlichen Ressourcen: Mangan, Aluminium, Kupfer, Zinn, Nickel, Eisen, Gold und Erdgas wurden gefunden (McGee, 1990, S. 515).

Die Region als Ganzes ist für die Aufrechterhaltung der ökologischen Weltordnung von entscheidender Bedeutung; sie ist ein wichtiger Faktor für die Weltwetterlage. Fast die Hälfte des Sauerstoffs der Atmosphäre wird aus ihrer Vegetation freigesetzt und etwa zwei Drittel des Süßwassers der Welt werden im Amazonasbecken gespeichert.

Abholzung des Amazonasgebiets

Eines der schwerwiegendsten Probleme der internationalen Gemeinschaft ist heute die unkontrollierte Zerstörung dieser einzigartigen Umwelt. Die Abholzung des Amazonasgebiets erfolgt durch alle neun Staaten, die sich die Region teilen, wobei Brasilien, dessen Territorium zu 59 % im Amazonasbecken liegt, der aktivste ist. In den letzten Jahrzehnten ist das Ausmaß der Zerstörung untragbar geworden. Es gibt zwar keine exakten Zahlen, aber die Schätzung belaufen sich auf einem jährlichen Waldverlust von 13.000 km2. Die Gesamtzerstörung des brasilianischen Amazonas betrug bis Anfang der 90er-Jahre bereits 415.000 km2, eine Fläche, die etwa der Größe des Irak entspricht (Cerrill, 1992, S. 44). Das Tempo der Abholzung hat sich seither noch einmal erhöht.

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