Hurriya – Freiheit

M. Fethullah Gülen

Die Freiheit, die als Verwirklichung jedes rechtmäßigen Wunsches, ohne auf Hindernisse zu stoßen, oder als der Zustand, in dem man keinem Druck, keinem Urteil und keinem Joch ausgesetzt ist, oder als das Recht, gewählt zu werden, zu wählen und sich frei bewegen zu können, ausgelegt wird, ist ein Begriff, über dessen Sinngehalt – sei es nun aus ideengeschichtlicher oder rechtswissenschaftlicher Perspektive – ausgiebig geschrieben und gesprochen wurde.

Freiheiten, die als Grundrechte des Menschen akzeptiert werden, unterteilen sich in Personenrechte, politische und gesellschaftliche Rechte sowie in allgemeine Rechte. Im Einzelnen handelt es sich um die Glaubensfreiheit, das Recht der freien Religionsausübung, das Recht auf Obdach, auf Arbeit und auf Eigentumserwerb, die Meinungsfreiheit, das Recht der freien Meinungsäußerung, das aktive und passive Wahlrecht, das Beratungsrecht, das Recht auf Kontrolle durch verschiedene Mechanismen sowie das Auftrags- und Kündigungsrecht. Auch wenn diese Freiheiten die „smaragdgrünen Hügel des Herzens“ nicht direkt betreffen, sah man sie schon immer als die wichtigsten Angelegenheiten des Menschen an.

Die Freiheit ist eines der außergewöhnlichsten und wertvollsten Geschenke Gottes an den Menschen. Es gilt als die wichtigste Säule des menschlichen Gewissens und ist die grundlegendste Farbe des Willens, unerlässlichste Fakultät und lebenswichtigste Dimension.

In der islamischen Literatur wurde dieses große und außergewöhnliche Geschenk als die persönliche Aneignung und Wahrnehmung der Rechte durch das Individuum definiert. Um sich aber dieser persönlichen Freiheit in vollem Umfang bewusst werden zu können, muss man – zumindest bis zu einem gewissen Grad – auch ihr Gegenteil kennen. Das Gegenteil ist, wenn sich ein anderer die Rechte eines Individuums aneignet, was reine Sklaverei bedeutet.

Es ist Gott, der dem Menschen höchstpersönlich diese Rechte geschenkt hat. Demzufolge sind diese Rechte unveränderbar, unaustauschbar und unveräußerlich; das heißt niemand hat das Recht, diese Rechte zu verändern oder sie zu verkaufen. Wer auch immer eine der oben genannten Sünden gegen die Freiheit begeht, verliert ein Stück seiner Menschlichkeit und ist dafür in den Augen Gottes verantwortlich.

Allem voran ist solch ein Verständnis und eine solche Handlung eine Respektlosigkeit gegenüber den menschlichen Werten. Von dem, der solch eine Respektlosigkeit begeht, kann nicht gesagt werden, dass er sich seines Stellenwerts als Wesen bewusst ist. Und wer sich dessen nicht bewusst ist, hat keinen Anteil an der Wahrheit, Liebe, und Dienerschaft gegenüber dem Einen Wahren.

Wir können bisher festhalten, dass diejenigen, die Gott und die von Ihm geschenkten Rechte verkennen, bei der Wahrnehmung ihrer eigenen Menschenrechte nicht im wahrsten Sinne des Wortes frei sind. Frei ist auch nicht, wer sich andere außer Gott zum Herrn nimmt.

Alles bisher Gesagte ist im Hinblick auf den Freiheitsbegriff, der für die „smaragdgrünen Hügel“ wesentlich ist, lediglich Vorwissen und nicht zentral.

Die Freiheit im Sufismus bedeutet, dass der Mensch sich keiner Sache und niemandem unterstellt und folgt außer Gott. Dies gilt als eine der wichtigsten Früchte der Selbstdisziplin. Es ist eines der deutlichsten Zeichen dafür, dass das Herz zu einem glänzenden Spiegel geworden ist, welcher Gottes Reflexionen zeigt.

Ein Reisender der Wahrheit, der diesen Punkt durch tausendfache Selbstdisziplin und mit der Hilfe Gottes erreicht hat, unterbricht in seinem Herzen die Verbindung mit dem Sein und mit allen Dingen. Mit seinen Träumen, in denen er durch die Lüfte der Freiheit fliegt, mit seinem Herzen, das freudig im Takt seiner Sehnsucht nach Freiheit schlägt, mit seinen Gefühlen, die die Melodie der Freiheit summen, und indem er jede einzelne Barriere durchbricht, die sein Ego umschließt, wendet er sich der einzig wahren Quelle der Liebe und dem einzig wahren Freund zu, und im Sinne der Philosophie des ehrwürdigen Ḥāriṯ el-Muḥāsibī (gest. 857) webt er die feine Spitze seiner Gedanken auf den Tüchern des Jenseits weiter.

Ja, echte Freiheit ist nur möglich, wenn der Mensch sein Herz von weltlichen Sorgen sowie von Bürden wie Besitz und Eigentum reinigt und sich zum Wahren Einen hinwendet mit allen Besonderheiten der Welt der Schöpfung (ālem-i ḫalq) und mit allen Tiefen der Welt der Sei-Befehle (ālem-i emr, Welt der Sinngehalte).

Großen Seelen wie Mewlānā Djelāleddīn Rūmī äußerten diesen Gedanken mit den Worten: „Kind, löse deine Fesseln von der Sklaverei und werde frei! Wie lange willst du noch der Gefangene von Gold und Silber sein?“ Und der ehrwürdige Djuneyd el-Baghdādī drückte dieselbe Wahrheit als man ihn fragte, was Freiheit heißt, mit folgenden Worten aus: „Du wirst die wahre Freiheit erst kosten, wenn du dich von allen Bindungen, außer denen zu Gott, befreit hast.“

Da sich Freiheit proportional zur aufrichtigen Dienerschaft gegenüber Gott verhält – was immer sie verlangt –, kann schwerlich gesagt werden, dass Menschen, die ihr Leben im Schatten anderer verbringen, wirklich frei sind. Dies ist sogar unmöglich.

Ein Gottesfreund sagte dazu: „Wenn du die Trommel der Ehre schlagen möchtest, so gehe durch das Rad der Sterne, denn dieses Band voller Glöckchen ist ein Tamburin der Schande.“1

Die wahre Freiheit entfaltet sich in der vollkommenen Dienerschaft. Insofern können wir diese beiden Begriffe sogar als Synonyme betrachten.

In diesem Sinne kann gesagt werden, dass der Mensch in dem Maße frei ist, wie er Gott dient. So wie diejenigen, die keinen Anteil an der Dienerschaft gegenüber Gott haben, nicht frei sein können, so ist es ihnen auch unmöglich, die wahren menschlichen Werte zu verstehen. Denn sie werden sich nie aus dem Wirbel ihrer Leiblichkeit und Körperlichkeit befreien können und somit auch nicht den Horizont des Herzens und des Geistes erreichen und auch nicht ihre Essenz mit ihren besonderen Tiefen hören können.

Derjenige, der sein Leben im Netz leiblicher Gedanken und Interessen verbringt, der die Gunsterweise, die ihm beschieden sind, mit Hochmut anstatt in einer demütigen Haltung voller Dankesschuld entgegennimmt, der die Gottesgaben mit trüben Begierden auslebt, der seinen Anstand verliert, wenn er Erfolg erlangt, der immer wieder in tiefe Enttäuschung verfällt, wenn er verliert, und die ganze Zeit zittert aus Angst, das zu verlieren, was er besitzt, wird niemals frei sein, auch wenn er über Welten herrscht.

Ja, solange sich das Herz an verschiedene Wünsche, Sehnsüchte und Absichten klammert, kann es niemals frei werden. Wie kann jemand frei sein, der unentwegt darüber nachdenken muss, welchen Preis er anderen zu zahlen hat? Wie kann jemand frei sein, der sein ganzes Leben anderen verpfändet hat, um manche weltlichen Vorteile zu erzielen und körperliche Vergnügung zu erleben?

Dass Gott einen Menschen der Vielfalt verfallen lässt, sein Herz zur Arena für das Vergängliche und Untergehende werden lässt und ihn immerwährend im Strudel der Leiblichkeit aufwirbeln lässt, ist für solch einen Unglücklichen der Plan Gottes (mekr-i ilahi).2 Aber für den, der sein Inneres gegenüber den Seiten der Welt, die auf unser nefs und unser Verlangen abzielen, verschließt, der, mit anderen Worten, sein Herz von der Welt und die Welt von seinem Herzen entfernt, ist es das größte Geschenk Gottes – eine spirituelle Brücke, welche den Menschen zur wahren Freiheit trägt. 

Anmerkungen

  1. Wenn du bei Gott angesehen sein möchtest, dann sollst du von Sonstigem abwenden (Anm. d. Red.).
  2. mekr-i ilahi: Eine Versuchung Gottes, in der Er den Menschen gewissermaßen in seine eigene Falle tappen lässt. Siehe Sure 3:54 und 7:99 (Anm. d. Red.).
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