Veganismus und Islam – Rückkehr zu Gnade und Barmherzigkeit

„Ar-Raḥmān Ar-Raḥīm“. Wir beginnen unsere guten Handlungen mit diesem Ausspruch, dem im Deutschen die ungefähre Bedeutung „Im Namen Gottes, des Gnadenvollen, des Barmherzigen“ zukommt. Von über 99 überlieferten Namen Gottes werden dabei die Attribute Gnade und Barmherzigkeit besonders hervorgehoben. Wir sind nicht nur auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes angewiesen, sondern finden auch selbst alle Attribute Gottes in kleinen Anteilen in uns.

Allah ließ die Barmherzigkeit aus 100 Teilen entstehen, behielt davon 99 Teile bei sich und sandte nur einen Teil davon auf die Erde hinab. Aus diesem Teil üben die Geschöpfe Barmherzigkeit untereinander aus. Dies ist der Fall, wenn etwa eine Pferdestute ihren Huf von ihrem Fohlen hochhebt, damit sie es nicht verletzt!“ (Buhârî, Adab, 19).

Der Mensch ist ein Wesen, das barmherzig und gnadenvoll handeln kann. Wie stark diese Eigenschaften ausgeprägt sind, hängt vom jeweiligen Menschen ab. Wir können auch daran arbeiten, dass diese Eigenschaften mehr in unseren Charakter übergehen und sich in uns manifestieren. Im Folgenden möchte ich darlegen, in welcher Beziehung die beiden erwähnten Attribute mit dem Konsum von Tieren und Tierprodukten stehen, und Wege aufzeigen, wie wir in diesem Bereich ein neues Bewusstsein erreichen und barmherzig handeln können.

Auch unsere Mahlzeiten beginnen wir mit dem segensreichen Ausspruch „Ar-Raḥmān Ar-Raḥīm“. Dabei blenden wir oft aus, woher die Nahrung stammt und unter welchen Umständen, ja auch unter welchem Leid die Tiere herangezüchtet wurden, die wir essen. Gnade und Barmherzigkeit sind wahrscheinlich nicht die Worte, die uns bei diesem Thema als erste in den Sinn kommen. Oft vergessen wir, welche Aufgabe Gott uns als Mensch gegenüber der Schöpfung, zu der auch die Tiere gehören, gegeben hat, und vernachlässigen diese unbewusst. Respektlosigkeit gegenüber der Schöpfung ist gleichzeitig Respektlosigkeit gegenüber dem Schöpfer.

Die Beziehung zwischen Gott, Mensch und Tier

Um den Zusammenhang zwischen Veganismus, Vegetarismus und Barmherzigkeit zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf die Beziehung zwischen Gott, Mensch und Tier zu werfen. Gott hat den Menschen als Statthalter auf Erden (ḫalīfa) eingesetzt, was bedeutet, dass der Mensch als Stellvertreter Gottes über die Erde mitsamt der Schöpfung als ihm anvertrautes Gut (amana) wachen soll. Auch Tiere gehören dazu und haben ein Recht auf Schutz und Fürsorge durch den Menschen.

Die Tiere in der Natur versorgt Gott mit Nahrung und Wohnraum. Bei Haustieren und Nutztieren kommt dem Menschen diese Aufgabe zu. Zugleich erlaubt Gott uns den Nießbrauch an den Tieren und Dingen, die aus ihnen gemacht sind, wie z. B. Leder, Wolle oder Fell (En-Nahl 6:80). Die Tiere werden am Tag des Jüngsten Gerichts Zeugnis darüber ablegen, wie der Mensch sie behandelt hat. Unsere Stellung als Statthalter ist nicht nur eine Aufgabe, die wir von Gott bekommen haben. Sie ist eine große Ehre für uns, da wir diejenigen sind, denen Gott die gesamte Erde und alle Geschöpfe auf ihr anvertraut hat.

Wie sehr werden wir uns schämen und traurig über unser eigenes Verhalten sein, wenn die Tiere am Tag der Abrechnung sprechen werden und Gott erzählen, dass wir sie misshandelt und ihre Rechte nicht beachtet haben? Ein Mensch, der seine Aufgabe als Statthalter Gottes ernst nimmt, muss also jemand sein, der seine Mitgeschöpfe unter seine schützende Obhut nimmt, sich für ihr Wohlergehen einsetzt und dafür sorgt, dass er sie so behandelt, dass Gott damit zufrieden ist.

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