Maria als Frucht eines gesegneten Keims

Die ehrwürdige Maria wurde noch im Mutterleibe Gott gewidmet. Sie wurde von ihren Eltern dem Tempel übergeben, dort wurde sie von Rabbinern unterrichtet und ist zu einer jungen Frau herangewachsen.

Von Arhan Kardaş

Unsere Mutter, die ehrwürdige Maria, war eine reine, vollkommene Frucht des gesegneten Stammbaums des Hauses ʿImrān. Bevor der Koran uns erzählt, wer diese Frucht ist, geht er auf ihre Abstammung ein:

Gott hat wahrlich Adam und Noah und die Familie von Abraham und die Familie von Imran geläutert und vor den Menschen in aller Welt auserwählt (3:33).

Als Nachkommen (ḏurriya), die einen von ihnen (stammen ab) von den anderen, Gott ist hörend, wissend (3:34).

Alle Auserwählten der Menschengattung stammen von Adam ab. In diesem Sinne ist Adam ein gesegneter Keim der Schöpfung gewesen. Als der Garten der Menschheit verwelkte, hat der Gärtner alle Dornen beseitigt, nur noch der Keim des Hauses Noahs blieb bestehen. Ihm folgte das Haus von Abraham, aus dem zahlreiche Propheten hervorgingen. Und dann kam das Haus von Imran. Die Exegese spricht von zwei Häusern unter dem Namen Imran: das eine Haus von Imran ist das, in dem Mose und Aaron aufkeimten. Das andere ist jenes, in dem Maria und Jesus aufkeimten.

Da Hanna, Maria und Jesus (F. s. m. i.) letztendlich auch aus dem Hause Aarons – und damit auch aus dem Hause Imran stammen –, deutet der Koran mit dem Ausdruck Haus Imran auch auf Mose, Miriam und Aaron (F. s. m. i.) hin. Dem obigen Vers folgt allerdings folgender Satz, welcher besagt, dass hier die Familie von Jesus Christus (Familie Isais) gemeint ist:

(Gedenke) als die Frau (aus dem Hause) von Imran flehte: „O mein Herr, ich habe Dir gelobt, was in meinem Leib ist. Es soll ganz dem Dienst an Dir geweiht sein. So nimm es von mir entgegen, denn wahrlich, Du bist der Hörende, der Wissende“ (3:35).

Gemeint ist Ḥanna, Joachims Frau und Marias Mutter, die von dem Hause Aarons abstammt. Der Name von Marias Vater wird in den anerkannten Evangelien nicht explizit erwähnt.1 Der Koranexegese zufolge wiederum heißt er ʿImrān Ibn Achim bzw. Joachim2 und war ein Heiliger sowie ein Lehrmeister aus dem berühmten Stamm Benū Mathan, der sowohl die weltliche als auch die geistliche Führung unter den Israeliten innehatte.3 Zacharias und „Achim“4 (ʿImrān) heirateten aus demselben Haus zwei Schwestern, nämlich Ḥanna und ihre Schwester Elisabeth. Beide waren unfruchtbar.5

Der Exegese zufolge saß Hanna eines Tages unter einem Baum und sah einen Vogel, der seine Küken fütterte, weshalb sie in dem Moment so von mütterlichen Gefühlen erfüllt war, dass sie bei Gott vorsprach: Sollte Gott ihr ein Kind bescheren, würde sie es ganz und gar Gott weihen. Daraufhin wurde sie wunderbarerweise schwanger und weihte wie versprochen das Baby in ihrem Leib dem Tempel, ausgehend von ihrem Wunsch, dass es ein Junge sein sollte. Als sie ihrem Mann Joachim (laut der Exegese Imran) von ihrem Gelübde erzählte, sagte Joachim zu ihr: „O weh, was ist, wenn das Baby ein Mädchen wird? Ist das religiös legitim?“ Deshalb waren beide besorgt, ob es ein Junge oder ein Mädchen sein würde. Bedauerlicherweise verstarb Joachim, bevor seine Frau Hanna das Baby zur Welt brachte.6

 Und als sie es zur Welt gebracht hatte, sagte sie: „Mein Herr, wahrlich, ich habe ein Mädchen zur Welt gebracht.“ Und Gott wusste am besten, was sie zur Welt gebracht hatte, der Knabe (den sie erwartete) konnte nicht gleich (dem) Mädchen sein. – „Ich habe ihr den Namen Maria gegeben, und ich erbitte für sie und ihre Nachkommen Deinen Schutz vor Satan, dem auf ewig aus Gottes Barmherzigkeit Verworfenen“  (3:36).

Sie meinte, sie habe zwar ein Mädchen zur Welt gebracht, jedoch wusste der Allwissende bereits, was zur Welt gebracht wird. Der Grund, warum sie einen Knaben erwartete, lag darin, dass Mädchen dem Tempel damals nicht geweiht werden durften. In diesem Sinne waren beide Geschlechter nicht gleichberechtigt. Hanna nannte das Mädchen Maria, was in ihrer Sprache „Dienerin und Helferin (Gottes)“ bedeutete.7 Sie erbat für Maria und ihre Nachkommen, nämlich für Jesus (F. s. m. b.), den Schutz vor Satan. Ein Hadith (Ausspruch des Propheten) überliefert den Sinngehalt dieses Verses: „Es gibt kein Adamskind, während dessen Geburt der Satan es nicht berührt hat, außer Maria und ihrem Sohn.“ Maria wurde im Jahre 17 oder 18 (v. Chr.) geboren.8

Maria als Auserwählte Gottes

 Ihr Herr nahm sie auf das Gnädigste an und ließ sie auf das Schönste heranwachsen, und Er vertraute sie der Obhut von Zacharias an. Jedes Mal, wenn Zacharias in ihre Gebetskammer (miḥrāb) trat, fand er bei ihr Nahrung. „O Maria“, fragte er, „woher bekommst du dies?“ „Es ist von Gott“, antwortete sie, „denn Gott versorgt, wen immer Er will, ohne zu rechnen“ (3:37).

Dieser Vers bedeutet, dass ihre Weihe von Gott akzeptiert wurde, obwohl sie ein Mädchen war. Sie war schon als Baby sehr schön.9 „Auf das Gnädigste annehmen“ heißt, dass Gott zwar das Bittgebet von Hanna nicht so in Erfüllung gehen ließ, wie sie es sich gewünscht hatte, Er es allerdings auf das Gnädigste annahm, indem Er ihr ein Mädchen wie Maria bescherte, das bei Gott höhergestellt ist als Milliarden von Söhnen. Gott erhört jedes Bittgebet, aber Er antwortet auf verschiedene Art und Weise, je nachdem was für den Diener am besten ist.10

Berichten zufolge wickelte Hanna ihre Tochter Maria in ein Tuch und brachte sie zum heiligen Tempel zu den Rabbinern aus dem Stamm Aarons, Banū Mathan, und sprach: „Gebt Acht! Hier ist ein Mädchen, das dem Tempel geweiht wurde.“

Die Rabbiner, unter ihnen Zacharias, nahmen diese Weihe mit Freude an, weil Maria die Tochter ihres Meisters Joachim (Imran) war. Zacharias war sofort bereit, das Mädchen in seine Obhut zu nehmen, weil er mit der Tante des neugeborenen Mädchens verheiratet war. Die anderen Rabbiner wollten aber auch die Obhut des Mädchens übernehmen, weil sie dieses Argument aufgrund ihrer Eifersucht auf Zacharias nicht plausibel fanden. Deshalb schlugen sie vor, Lose zu werfen. Sie gingen mit Zacharias zu einem Fluss und warfen ihre Schreibgeräte, mit denen sie die Torah abschrieben, in den Fluss. Der Stift Zacharias blieb an der Stelle stehen, wo er hingeworfen wurde, während die Stifte der anderen Rabbiner weiterflossen.11 Zu dieser Zeit war Zacharias Oberrabbiner und der Prophet aller Israeliten, anstelle von Joachim (Imran). Maria wurde im Haus ihrer Tante großgezogen und im Tempel von den besten und rechtschaffenen Rabbinern, u. a. dem Propheten Zacharias, unterrichtet. So ließ Gott sie auf das Schönste heranwachsen.

Als Maria aber das Alter der Pubertät erreichte, baute Zacharias für sie eine Gebetskammer im Tempel, deren Tür nur über eine Leiter erreicht werden konnte. Er versorgte sie mit Essen und Trinken sowie mit Öl, allerdings war er jedes Mal überrascht von den Früchten, die er bei Maria vorfand. Der Grund seines Erstaunens lag darin, dass Maria im Winter Sommerfrüchte und im Sommer Winterfrüchte bei sich hatte. Wie konnte das sein? Sie antwortete, dass die Quelle dieser Früchte der Schöpfer aller Dinge sei. Das war das Zeichen für Zacharias, dass Maria nun spirituell als eine Gottesfreundin (welīye) bzw. Prophetin (nebīye) herangewachsen war.12

War die ehrwürdige Maria eine Prophetin oder eine Gottesfreundin?

Laut der islamischen Theologie ist die Prophetenschaft eine öffentliche Aufgabe und eine besondere Berufung bzw. Erwählung durch den Schöpfer. Während Gottesfreunde von Gott individuell inspiriert werden, empfangen Propheten deutliche Offenbarungen, die auch öffentliche Verbindlichkeit haben. Propheten genießen besonderen Schutz vor Sünden und sind unvergleichbar höher gestellt als Gottesfreunde. Die Mehrheit der Gelehrten stimmen bei der Gottesfreundschaft Marias überein. Bei einigen Exegeten wie Al-Qurṭubi und Ibn Ḥazm gilt Maria sogar als Prophetin. Sie führen als Argument für ihre Prophetenschaft unter anderem ihre Gebetskammer im Tempel an: Hätte Maria keine öffentlichen Aufgaben als Prophetin im Tempel zu erfüllen, hätte sie – gemäß gültigem Recht der Israeliten – zum Tempel nicht zugelassen werden und dort nicht vorbeten dürfen. Ihr zweites Argument betrifft den folgenden Vers:

Und als die Engel sagten: „O Maria, Gott hat dich wahrlich auserwählt und rein gemacht und dich über die Frauen in aller Welt erhoben bzw. vor den Frauen in aller Welt erwählt“ (3:42).

Dieser Vers besagt, dass Maria gewiss eine Auserwählte Gottes war.

 O Maria, sei deinem Herrn demütig ergeben, und wirf dich nieder, und verneige dich (im Gebet und in Hingabe an Ihn) mit denen, die sich verneigen (3:43).

Bei dem Ausdruck „mit denen, die sich verneigen“ handelt es sich um eine maskuline Form im Plural. Das würde heißen, dass Maria mit Männern betete, was wiederum nur zulässig war, wenn die Frau eine öffentliche Berufung wie die Prophetenschaft ausübte.13

Der Engel frohe Botschaft an Maria

Die Engel verkündeten Maria die Botschaft eines Sohnes, und das schon vor ihrer Empfängnis. Die Verse 3:45 und 3:46 stellen klar, dass die jungfräuliche Geburt von Maria bereits vor ihrer Empfängnis mehrmals durch Engel kundgetan wurde. So wie der Prophet Jesaja diese frohe Botschaft verkündet hatte, haben es die Engel getan, lange bevor der Geist der Heiligkeit es der ehrwürdigen Maria deutlich machte.14 Diese Nachricht wiederholt sich sowohl bei der frohen Botschaft der Engel als auch kurz vor der Empfängnis durch den Geist der Heiligkeit, wie unten im Detail geschildert wird.

Marias Empfängnis und Befruchtung durch Widerspiegelung

Maria ging eines Tages weg an einen Ort im Osten.15 Die Exegese liefert uns verschiedene Erklärungen, warum sie dorthin ging. Manche meinen aufgrund ihrer Menstruation, andere aufgrund einer Askese. Wieder andere meinen, sie ging zum Wasserholen. Dieser Ort war nicht weit vom Tempel weg, er lag im Osten des Tempels. Sie hatte sich mit einem Schleier bedeckt. Plötzlich sah sie den Geist Gottes in Gestalt eines vollkommenen Mannes, woraufhin sie sich erschreckte. Sie suchte laut Zuflucht bei Gott dem Allerbarmer und appellierte an die Gottesfurcht des Geistes in Gestalt eines Mannes.16

Hier handelt es sich um den Geist der Heiligkeit, obwohl die Koranexegeten diesen Geist überwiegend als Erzengel Gabriel identifizieren.17 In den Koranversen (19:17; 21:91; 66:12) wird der Geist Gott zugeschrieben, ähnlich wie bei ʿabdenā (unser Diener), amrunā (unser Anliegen) oder rūḥanā (unser Geist). Somit ist dieser Geist nicht identisch mit Gott. Er ist der heiligste und höchste Geist, der allen beseelten Dinge ihre jeweilige Seele einhauchte; er ist kein Engel.18 Der Geist der Heiligkeit sprach über sein Anliegen:

 Ich bin Gesandter deines Herrn (rasūl Rabbiki) nur,

Dass ich dir schenke einen reinen Knaben.

Sie sprach: Wie soll mir werden

Ein Knabe? Da mich hat berührt

Kein Mann, und ich bin keine Sünderin.

Er sprach: So hat dein Herr gesprochen:

Das ist für mich ein Leichtes,

Und dass wir machen ihn zum Zeichen

Den Menschen, zur Barmherzigkeit,

Schon ist es fest beschlossen (19:19–21).

Somit meinte der Heilige Geist, dass dieses Anliegen für Gott ein Leichtes sei. In der Exegese wird angeführt, dass Gott Adam erschaffen hat, ohne dass dabei ein Mann und eine Frau eine Rolle gespielt hätten. Eva wiederum wurde aus dem Mann erschaffen, aber ohne Beteiligung einer Frau. Der Rest der Menschheit wurde dann aus Mann und Frau erschaffen. Jesus wiederum wurde ohne Mann erschaffen. Somit zeigte Gott der Allmächtige die Kunstfertigkeit seiner Allmacht und Unabhängigkeit von der menschlichen Ursächlichkeit. Jesus war ein Zeichen v. a. für die Israeliten, die damals im Sumpf des Materialismus versanken und alles materialistisch ausdeuteten. Im Gegensatz zu ihrem Materialismus zeigte Gott die transzendentalen und verborgenen Dimensionen des Seins anhand des Hauses von Imran. Sowohl die Geburt von Maria als auch die von Johannes dem Täufer und von Jesus, dem Sohn Marias, geschahen auf eine Weise, die man mit den bekannten Naturgesetzen nicht erklären kann. Besonders Jesus und sein Wunderwirken im Namen des Schöpfers des Allmächtigen zeigte ihnen, dass Gott der Himmel und der Erde zu allem fähig ist.19

Wie bereits erwähnt, wurde die frohe Botschaft von der Empfängnis Jesu durch Maria – Friede sei mit beiden – überbracht. Allerdings konnte sie nicht mit so einem Wunder rechnen und dachte höchstwahrscheinlich, dass dies durch einen anderen Akt erfolgen würde. Angeblich weil dieses Ereignis an dem Tag geschah, an dem Maria aus dem Tempel vorübergehend auszog – vermutlich aufgrund ihrer Menstruation – und vielleicht während sie ihre Ganzkörperwaschung im Fluss/Mikwe vollzog, dichteten ihr die Übeltäter im Nachhinein zahlreiche abscheuliche Geschichten über das tatsächliche Wunder an, welches bereits in der Offenbarung von Jesaja kundgetan worden war: „Einer Jungfrau wird einen Sohn geboren, ihn wird man Emmanuel nennen …“

Und sie empfing ihn und sie ging,

Mit ihm zu fernem Orte (19:22).

Bei der Empfängnis Jesu Christi gibt es drei Empfängnisphasen. Gott der Erhabene sendet Seinen Diener, den Geist der Heiligkeit, zu Seiner Dienerin, der ehrwürdigen Maria, um ihr einen anderen Seiner Diener zu bescheren. Der Geist der Heiligkeit hauchte den Atem Gottes in den Mutterleib der ehrwürdigen Maria ein. Sie wurde durch diesen spirituellen Akt schwanger und empfing Jesus Christus, den Geist Gottes (rūḥ Allāh).20 Da Jesus Christus aus dem Atem des heiligen Geistes durch den Atem Gottes erschaffen wurde, wird er sowohl in den Hadithen des Propheten als auch in der Offenbarung von Jesaja berechtigterweise Geist Gottes genannt.21 Weil er ohne materiellen Geschlechtsakt erschaffen wurde, konnte der Satan weder Maria noch Jesus selbst während der Geburt berühren.

So wird nun auch die ehrwürdige Maria in dieser Begebenheit in gewisser Hinsicht zu einem Mittel, damit sich dieser Geist, dieser Sinngehalt, im Bauch der ehrwürdigen Mutter Maria materialisiert und Gestalt annimmt. Sollten die Christen dies meinen, wenn sie Jesus Heiligkeit zusprechen und ihn ohne Vater unmittelbar durch die Widerspiegelung befruchtet begreifen – einer Fertilisation bzw. Befruchtung durch die Widerspiegelung (et-telqīḥ bʾ it-tedjellī) würde wohl keiner von uns widersprechen. Denn derjenige, der den Geist hauchte, war ebenfalls ein Geist.22

Die Geburt des ehrwürdigen Jesus Christus erfolgte vermutlich in einer gewöhnlichen Geburtsphase. Die ehrwürdige Maria wurde schwanger, sechs Monate nach der Schwangerschaft ihrer Tante Elisabeth.23

 Da kamen ihr die Wehen am Schaft der Palme;

Sie rief: O wär’ ich eh’ gestorben,

vergangen und vergessen (19:23).

Die Situation, als Sünderin bezeichnet zu werden, sorgte für dermaßen großen Kummer, dass sie sich den Tod wünschte.

 Da rief derjenige zu, der unter ihr ist:

Betrüb’ dich nicht! Gemacht hat unter dir dein Herr ein Bächlein

Auch rüttle gegen dich den Schaft der Palme!

So lässt sie auf dich fallen reife Datteln.

Iss, trink und mach dein Auge frisch!

Doch wenn du siehest nun der Menschen einen,

So sag: Gelobt hab’ ich dem Allerbarmer

Ein Fasten, darum red’ ich heut’ mit keinem (19:24–27).

„Da rief derjenige zu, der unter ihr ist“ könnte laut der arabischen Leseart auf verschiedene Weise verstanden werden. In einer Leseart bezeichnet dieses „er“ (min taḥtihā) den Geist der Heiligkeit, in einer anderen Leseart ist mit dem „neugeborenen Baby“ (men taḥtehā) Jesus gemeint. Die zweite Leseart erscheint mir kontextbezogen passender, denn in dem Moment, in dem die verwirrte Mutter Trost sucht für ihre Heimsuchung, beginnt das neugeborene Baby zu sprechen, tröstet seine Mutter mit sanften Worten und gibt ihr das Vorzeichen, auf wunderbare Weise sprechen zu können. Es machte seiner Mutter deutlich, dass sie das Sprechen ihm überlassen sollte.

Sie kam mit ihm zu ihrem Volk, ihn tragend.

Sie sprachen: O Maria!

Du fandest Wundermähre.

O Schwester Aarons, war dein Vater doch kein Wicht,

und deine Mutter keine Sünderin.

Sie deutete auf ihn, Sie sprachen: Sollen wir

Mit diesem reden, der ein Kind in den Windeln? (19:27–29).

Sie machte ihnen mit Gesten deutlich, dass sie ein Schweigefasten bei Gott dem Allerbarmer gelobt habe, weshalb sie mit ihnen nicht sprechen dürfe, aber sie sollten mit dem Baby sprechen. Der zweite Grund, warum die zweite Leseart (men taḥtehā)24 zutreffender ist: Woher wusste die ehrwürdige Maria überhaupt, dass sie auf das Kind deuten müsste, als ihr Volk sie einer Übeltat bezichtigte? Es musste bereits ein „Probewunder“ geschehen sein, sodass sie sicher sein konnte, ihr neugeborenes Baby würde auf wunderbare Art und Weise sprechen. Aus dem Probewunder und den Äußerungen des Babys geht hervor, dass das Baby die Beweisführung für sein Prophetentum selbst in die Hand nimmt und seine Mutter vor einer möglichen Steinigung gemäß dem geltenden jüdischen Recht rettet.25

Auf wunderbare Art und Weise fing das Baby an zu sprechen und erzählte von seinem zukünftigen Auftrag.

Da sprach er: Ich bin Gottes Knecht,

Der mir das Buch gab und mich machte zum Propheten

Und machte mich zu einem

Gesegneten, wo ich mag seyn,

Und wies mich zu Gebet an und Almosen, weil ich lebe,

Und zu Liebreichheit an der Mutter

Und machte mich zu keinem unglückseligen Gewaltmann.

Fried’ über mich tags da ich geboren wurde,

Tags da ich sterb’ und tags da ich werd’ auferweckt zum Leben.

Derselb’ ist Jesus, Sohn Marias, nach dem Wort

Der Wahrheit, über den sie zweifeln (19:30–34).

Diese Worte sind ein Trost für Jesu Mutter, aus denen hervorgeht, dass Jesus ein liebreicher Mensch für seine Mutter sein wird, leben, sterben und wiederauferweckt werden wird. Aus diesen Versen können überaus feine Details über die Beschaffenheit, die Mission, den Lebenslauf und die Offenbarung Jesu Christi entnommen werden. Der erste Satz „Ich bin Diener Gottes“ (ʿabd Allāh) weist auf den hohen Rang von Jesus Christus hin, denn der Koran benutzt die Bezeichnung ʿabd nur an Stellen, wo Menschen verehrt und gelobt werden oder mit Barmherzigkeit umarmt werden. Zweitens ist Jesus das Wort Gottes bereits während seiner Geburt eingegeben worden: „Der mir das Buch gab.“ Dieses Buch Jesu soll ein Buch sein, welches durch den heiligen Geist in sein Herz eingegeben wurde, gleich beim ersten Atemzug. Somit unterscheidet sich das Buch Jesu von den Büchern der anderen, denn sein Buch wurde von Anfang an eingegeben als eine Kernoffenbarung, weshalb es an anderen Stellen des Korans als „Ein Wort von Gott“ bezeichnet wird.26 Die Kernmissionen seiner Religion sind das Gebet und die Zedeqa bzw. spirituelle Reinheit sowie Sanftmut und Liebe. Er deutet darauf hin, dass sowohl der Tag seiner Geburt als auch der Tag seines Todes und der Tag seiner Wiederauferstehung mit Frieden ausgezeichnet werden. Er würde also all diese Stationen in seinem Leben durchlaufen. Der Ausdruck wulidtu („als ich geboren war“) weist eindeutig auf seine Natur als Geschöpf hin, und amūtu („ich sterbe“) beweist, dass er wie jedes andere Geschöpf sterblich erschaffen wurde, denn die Geborenen und Sterbenden können nicht mit dem erhabenen Schöpfer gleichgesetzt werden.27

Maria als Wendepunkt in der Geschichte der Frau

Vermutlich hat die Frauenwelt mit Maria einen Wendepunkt erlebt, da durch sie zum ersten Mal in der Geschichte Israels die männliche Herrschaft des Oberrabbinats relativiert wurde. Sie war Vorbild für alle gottgeweihten Frauen und ermöglichte ihnen, ihre Religiosität im Tempel zu leben, sich zusammenzuschließen und in der Öffentlichkeit eine Stimme zu werden. (Gott weiß es am besten.)  

Anmerkungen

1. Vgl. http: //www. alrahman. de/wieso-wird-maria-im-koran-die-mutter-von-jesus-schwester-aarons-genannt (abgerufen am 18. 9. 2019), vgl. Lukas 1:5. Einige Bibelgelehrte gehen davon aus, dass der in Lukas 3:23 genannte Heli der Vater Marias war und der Stammbaum in Lukas Kapitel 3 die Genealogie Jesu Christi über Maria darstellt. Joseph werde in Lukas 3:23 genannt, weil „es sich nicht [ziemte], die Mutter als Glied der genealogischen Kette zu nennen“ (Frédéric Godet: Commentar zu dem Evangelium des Lucas, 1872, S. 98, 99).

2. Manchen Koranexegeten unterliefen ab und zu Schreibfehler, wenn es sich um die Punktierung hebräischer oder griechischer Namen handelte. Beispielsweise werden die Namen der Siebenschläfer Maximilian fälschlicherweise als Maxelina oder Custodianus als Kefestetayusch wiedergegeben. So soll es sich auch beim Namen des Großvaters Jesu um einen Schreibfehler handeln. Die Exegeten nennen in der Genealogie von Imran zuerst den Namen ʿImrān Sohn von Ešhem (siehe El-Baġawī) oder Yāšem (Siehe El-Rāzī) – beides wahrscheinlich fehlerhafte Formen von „Achim“ und „Joachim“. Des Weiteren gibt es im Hebräischen oft Titulierungen oder Bezeichnungen im übertragenen Sinne wie אֲבִיָּה abi-ya (mein Vater ist Gott) oder אבים abi-yam (mein Vater ist das Meer) und בנימין ben-yamin (Sohn der rechten Hand, Held). Der Koran betitelt den Propheten David als ḏaʾl-ayd (Inhaber der Hände, kräftig), Jesus Christus an elf Stellen als el-Mesīḥ (Der Messias), den Propheten Jonas als ḏaʾn-Nūn (Inhaber des Fisches) usw.

3. Siehe Al-Baġawī, Ebū Muḥammed el-Ḥuseyn: Maʿālīm el-Tanzīl, Herausgeber: Al-Mahdī, ʿAbd al-Razzāq. 5 Bde. , Beirut, 1420. Vgl. El-Rāzī, Faḫruddīn: Mafātīḥ el- Ġayb ew Tefsīr el-Kebīr, Beirut, 1420 H.

4. Höchstwahrscheinlich hatten die klassischen Exegeten des Korans einen kleinen Fehler begangen, indem sie Imrān als tatsächlichen Namen von Marias Vater interpretierten.

5. Vgl. El-Razi und Lukas 1: 18–23.

6. Siehe El-Baġawī und El-Rāzī. El-Rāzī begründet das Ableben des ehrwürdigen Joachim mit dem Vers 3:36, denn die Namensgebung Marias erfolgte durch ihre Mutter. Falls der Vater noch am Leben gewesen wäre, hätte er diese laut der jüdischen Tradition selbst ausführen müssen. Siehe El-Razi.

7. Siehe El-Razi, Semmeytuhā Meryem. Vermutlich geht der Name der ehrwürdigen Maria auf מִרְיָם (Meerestropfen) zurück.

8. Yıldız, Muharrem: Kur’an ve Hadisler Bağlamında Hz. Meryem’in İffeti, S. 3 und 8.

9. Vgl. Tefsīr Djalāleyn zu Koran 3:36.

10. Vgl. Nursi, Bediuzzaman Said: Mektubat, Izmir 2008, S. 342.

11. Vgl. : „Dies ist eine Verkündigung des Verborgenen, das Wir dir offenbaren. Denn du warst ja nicht unter ihnen, als sie ihre Lospfeile warfen, wessen Obhut Maria anvertraut werden sollte; und du warst nicht unter ihnen, als sie sich (um die Angelegenheit) stritten (3:44).

12. Koran 3:37.

13. Vgl. Kardas, Arhan: Gleichstellung der Frau im menschenrechtlichen und islamrechtlichen Verständnis unter besonderer Berücksichtigung von Wahl- und Erbrecht; eine vergleichende Analyse, Erlangen 2018, S. 245. Imam El-Maturidi zufolge ist das Amt der Prophentenschaft lediglich Männern zu eigen.

14. Vgl. : „Darum so wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel“ (Jesaja 7:14).

15. Koran 19:16.

16. Vgl. Koran 19:17–18, Vgl. Lukas 1: 26–43.

17. Ünal, Ali; Aymaz, Abdullah; Kardas, Arhan: Der Koran, Sure 19, Fußnoten 2 und 3, Berlin 2019.

18. Vgl. Dewwānī, Djalaleddīn, Schawākil el-Ḥūr fī Scharḥ: Heyākil en-Nūr, Bagdad 2010, S. 196; Nursi, Bediuzzaman Said: Sözler, Izmir 2008, S. 274–275.

19. Vgl. Ibn Kethīr, Ebū el-Fidā: Tefsīr el-Qurʾān el-ʿAẓīm, Beirut 1419 H.

20. Was in Jesaja „ruacḫ Yahwe“ genannt wird, soll die Wiederkunft Jesu Christi als Messias bezeichnen (Jesaja 11:1–2).

21. Vgl. Koran 21:91, 66:12.

22. Vgl. Gülen, Fethullah, Tonband über Jesus Christus.

23. Vgl. Lukas 1:26.

24. Vgl. https: //corpuscoranicum. de/lesarten/index/sure/19/vers/24 (abgerufen am 18. 9. 2019).

25. Vgl. Göbel, Kathleen: Gottes geheimer Name, Berlin 2019, S. 301–302. „Probewunder“ könnten für einige in der Leserschaft fremd klingen, sind aber aus dem Koran an mehreren Stellen zu entnehmen. Die Wunder in Verbindung mit dem Stab und der Hand Mose wurden zuerst auf dem Berg Sinai mit Mose allein von Gott ausgeübt (20:17–22). Erst dann wurde Mose zum Pharao geschickt, also nachdem er die beiden Wunder gewissermaßen geprobt hatte. Die Beweisführung bei Wundern wurde also geprobt, was zeigt, wie Propheten mit Wundern umgehen sollten. Deshalb ist die zweite Leseart des oben erwähnten Verses zutreffender als die häufigere Leseart, weil der Lesefluss und die Schlüssigkeit der Geschichte dadurch Vervollkommnung finden.

26. Der Geist der Heiligkeit ist die Quelle der Offenbarung Gottes. Er unterstütze Jesus Christus sowohl bei seiner Mission als auch bei seiner Empfängnis und seiner Taufe. Die Koranverse 2:253, 5:110, 16:102 bringen den Geist der Heiligkeit immer mit der Offenbarung des Gotteswortes in Verbindung. Das bedeutet wiederum, dass der Geist der Heiligkeit Quelle der Offenbarung ist. Der Hadith von Hassān ibn Thābit deutet darauf hin, dass der Geist der Heiligkeit nicht mit Gabriel identisch ist. Das wiederum zeigt, dass die Gefährten des Propheten (zumindest Hassān ibn Thābit) wussten, dass der Geist der Heiligkeit nicht mit Gabriel identisch ist. Er sagt Folgendes: „Wa Djibrīlu Emīnullāhi fīnā, wa Rūḥulqudsi leyse lehū kifāʾu“ (siehe Muslim: Faḍāʾil aṣ-Ṣaḥābe, 157). „Und Gottesgesandter Gabriel ist bei uns, was aber den Geist der Heiligkeit angeht, gibt es nichts seinesgleichen“ (vgl. https://www.aldiwan.net/poem21 233.html, abgerufen am 18. 9. 2019). Vgl. Gülen, Fethullah, Kur’ân’dan İdrake Yansıyanlar, Izmir 2012, S. 68–69.

27. Vgl. Koran 112:1–4.

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