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Sprache Eine Tüte Türkisch

Veröffentlicht am Februar 4th, 2013 | von Mehmet Mert

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Eine Tüte Türkisch

Es gibt Sprachen, in denen man die Landschaft ausführlich beschreiben kann. Es gibt Sprachen, die über besonders viele Begriffe in der Philosophie verfügen. Es gibt Sprachen, in denen man seine Gefühle am besten ausdrücken kann. Es gibt Sprachen, die für die Wissenschaft besonders geeignet sind. Es gibt Sprachen, die über ein großes Wortfeld für Heldentum verfügen. Und es gibt Sprachen, die viele Ausdrücke für die Festigung zwischenmenschlicher Beziehungen in den unterschiedlichsten Situationen haben. Sprachen haben also auch einen Geist, der sich in allgemeinen und besonderen Formen zeigt. Die türkische Sprache ist eine Sprache, die einige der oben aufgeführten Besonderheiten aufweist. In diesem Artikel werde ich u.a. versuchen, einige Ausdrücke, die die zwischenmenschlichen Beziehungen enger machen sollen und im Deutschen nicht so gebräuchlich sind, zu behandeln.

Zunächst möchte ich einige Informationen über die türkische Sprache geben. Die Sprachwissenschaftler gehen davon aus, dass sie eine etwa 5000-jährige Geschichte hat. Die ersten schriftlichen Dokumente des Türkischen sind die Orhun Grabschriften in der Mongolei, die im 8. Jahrhundert im Namen der Bilge Kagan, Kültigin und Vezir Tonyukuk aufgestellt wurden. Nachdem ein Großteil der Türken im 10. Jahrhundert freiwillig den Islam angenommen hatte, wurde die türkische Sprache stark vom Arabischen und Persischen geprägt. So entwickelte sich das Osmanische als eine reiche Sprache des Osmanischen Reiches. Hunderte von arabischen und persischen Wörtern wurden übernommen und türkisiert. Daher ist die türkische Sprache sehr lebendig und produktiv.

Einige türkische Wörter wurden in europäische Sprachen übernommen, so auch in die deutsche. Beispiele finden sich  im deutschen etymologischen Wörterbuch:

Dolmetscher: Im Mittelhochdeutsch stehen nebeneinander älteres tolmetze, tolmetsche (13. Jh.) und jüngeres tolmetzer (14. Jh.). Zugrunde liegt türk. dilmaç ‚Vermittler, Mittelsmann zwischen zwei Parteien, die unterschiedliche Sprachen sprechen’.

Joghurt: ‚Durch bakterielle Gärung gesäuerte dicke Milch’. Übernahme (20. Jh.) von türk. yoğurt ‚gegorene Milch’; vgl. türk. yoğun‚ ‚dicht, kompakt, dickflüssig, steif’.

Schaschlik: ‚Am Spieß gebratene, scharf gewürzte Fleischstückchen’, Übernahme von einem turksprachlichen Lehnwort, vgl. krimtatarisch  şişlik, zu şiş  ‚Bratspieß’.

Kiosk: Im 18. Jh. aus franz. kiosque ‚Gartenpavillon’ entlehnt. Der moderne Gebrauch im Sinne von ‚Verkaufsbude’ setzt im 19 Jh. ein (zuerst Zeitungskiosk). Franz. kiosque geht über ital. chiosco auf türk. köşk ‚Gartenpavillon’ zurück.

Kaviar: ‚Fischrogen’, im 17. Jh. über venez. caviaro entlehnt von türk. havyar.

Tulpe: Im 16. Jh. aus dem Vorderen Orient in Europa eingeführte, zur Gattung der Liliengewächse gehörende Frühlingsblume. Der mit neulateinisch tulipan angegebene Name wird (um 1550) als aus dem Türkischen stammend erklärt. Die Bezeichnung gibt türk. tülbend wieder und beruht offenbar auf einem vergleichenden Gebrauch des Wortes im Hinblick auf die Farbe eines Turbantuches bzw. auf die Gestalt eines Turbans.

Kaffee: Im 17 Jh. werden franz. café wie auch engl. coffee ins Deutsche entlehnt, und bis ins 18. Jh. stehen Kaffee und Koffee nebeneinander. Die westeuropäischen Formen stammen aus türk. kahve, das seinerseits auf arab. qahwa beruht.

Türkis: Der Name des himmelblauen bis blaugrünen undurchsichtigen Edelsteins ist zunächst als mittelhochdeutsch turkoys, turggis, turkes bezeugt, dann im Frühneuhochdeutschen als türckiss, durckis (15. Jh.), Türkis (16. Jh.). Er ist entlehnt aus den gleichbedeutenden altfranzösischen turcois und später turquoise (türkisch). So benannt, weil der Edelstein zuerst aus der Türkei nach Europa kam.

Bergamotte: Eine Birnenart. Entlehnt aus dem französischen bergamote (18. Jh.); dieses aus dem italienischen bergamotta. Das italienische Wort ist in Anlehnung an den Ortsnamen Bergamo umgebildet aus türk. beg armudu ‚Herrenbirne’, zu türk. beg, heute bey (Adelstitel).

Horde: Zunächst für einen Trupp umher ziehender Kriegsleute gebraucht, vor allem für Tataren (15. Jh.). Das Wort ist entlehnt aus dem polnischen horda, das seinerseits auf türk. ordu ,Heer, Armee, Kriegslager’ zurückgeht.

Ulan: Ehemals ‚mit Lanze bewaffneter Kavallerist, Lanzenreiter’, Übernahme (18. Jh., unter August dem Starken) vom polnischen ulan ‚leichter tatarischer Reiter’ mit Lanze, Pistole (wie er im polnischen Heer diente), auch ‚tatarischer Fürst’. Das polnische Substantiv geht über das gleichbedeutende ukrainische ulan auf das türkische oğlan ‚Bursche, Junge’ zurück.

Die türkische Sprache gehört der ural-altaischen Sprachfamilie an und ist hinsichtlich ihrer Struktur eine agglutinierende Sprache. Der Wortstamm bleibt also gleich, und mit Hilfe von Endungen und eingeschobenen Silben werden neue Wörter abgeleitet. Ein weiteres Kennzeichen des Türkischen ist die Vokalharmonie.

Die türkische Sprache hat fast alle Laute, die das Deutsche auch kennt. Deswegen ist die Aussprache des Türkischen für einen Deutsch sprechenden nicht sehr schwer. Die folgende Erklärung einiger Buchstaben und Zeichen ist ein Wegweiser für die türkische Sprache:

â/î Längenzeichen, z.B. kâr (Gewinn) wie ‚Rasen’

c  wie ‚dsch’ in ‚Dschungel’; z. B. cuma  (Freitag)

ç  wie ‚tsch’ in ‚Tscheche’ (Çek)

e  kurzes ‚ä’ wie in ‚Äste’, z. B. elma (Apfel)

ğ  weiches ‚g’, nur schwach hörbar; steht nie im Anlaut; in der Umgebung von dunklen Vokalen hat es die Funktion einer  Dehnung (z. B.: ‚ağaç’ (wird gesprochen ‚ağatsch’, Baum); Bei hellen Vokalen wie deutsches  j (z.B.: ‚eğer’ wird ‚ejer’ gesprochen); Zäpfchen –r wie in ‚Rinde’

h  immer konsonantischer Hauchlaut, nicht Dehnungszeichen

ı  (ı ohne Punkt) kurzes dumpfes  ‚ı’; ı wird gesprochen wie das ‚e’ in ‚machen’, ‚kommen’, z. B. altı (sechs)

j  wie  in ‚Journal’; z. B. garaj  (Garage)

r  wie ein gerolltes ‚r’ im Deutschen; im Auslaut stimmlos, z. B. hayır (nein)

s  stimmlos wie das doppelte ‚s’ in ‚Wasser’ (su)

ş  wie ‚sch’ im Deutschen (Schande), z. B. beş (fünf)

v  wie das deutsche ‚w’, z. B. ev (Haus)

z  stimmhaftes ‚s’ wie im deutschen ‚Sahne’, z. B. zengin (reich)

In der türkischen Sprache, die an Sprichwörtern und Redewendungen sehr reich ist, gibt es viele Wendungen, die die zwischenmenschlichen Verhältnisse auf einer persönlichen Ebene beschreiben und fördern.
Was sagt man als Deutscher, wenn jemand ein neues Auto oder ein Kleid kauft? Die Türken sagen: „Güle güle kullan!“ Das ins Deutsche zu übertragen, ist schwierig. Wörtlich könnte man übersetzen: „Benutze es lachend!“, „Benutze es in guten Zeiten!“ oder „Viel Glück damit!“

Ein Ausdruck der Verwunderung oder des Erstaunens lautet „Maschaallah!“ Wörtlich bedeutet es „Was Gott will“.

Wenn jemand eine Prüfung besteht oder ein Kind bekommt, gratuliert man „Gözün aydın (olsun)!“, im Deutschen etwa: „Deine Augen seien leuchtend.“

Einen Besucher heißt man mit den Worten „Hoş geldin!“ (wörtlich: Du kommst gelegen) willkommen, worauf dieser erwidert: „Hoş  bulduk!“ (wörtlich: Wir haben einen angenehmen Empfang vorgefunden).

Wenn man mit jemandem ein Geschäft gemacht, ihm geholfen oder etwas angeboten hat, und sei es nur eine Kleinigkeit, sagt man bei der Trennung oder Verabschiedung „Hakkını helal et!“ Dieser Ausdruck bedeutet ungefähr: „Entlaste mich von all deinen Ansprüchen!“, d. h., man bittet einen Mitmenschen darum, dass er einem beim Jüngsten Gericht nicht die geringsten Vorwürfe machen soll. Mit anderen Worten: „Vergib mir, wenn ich dir etwas Böses getan habe!“, oder:  „Ich möchte mit dir im Reinen sein.“

Wenn man etwas Neues gekauft hat, z.B. ein Auto, ein Kleidungs- oder ein Möbelstück, freut man sich: „Hayırlı olsun!“ Es bedeutet „Es sei gesegnet (glückbringend, einträglich oder von guter Vorbedeutung.)“

Wenn man vom Friseur sein Haar hat schneiden und rasieren lassen, sagt man „Sıhhatler olsun!“ Wörtlich: „Ich wünsche dir Gesundheit!“

Wenn man bei einem Besuch Essen einnimmt oder Süßigkeiten isst und Tee oder Kaffee trinkt, sagt man „Ziyade olsun!“ Wörtlich bedeutet das: „Es sei Vermehrung!“ Darauf entgegnet der Gastgeber: „Afiyet olsun!“, „Guten Appetit!“

Wenn jemand sich mit etwas beschäftigt oder irgendwo arbeitet, wünscht man ihm: „Kolay gelsin!“, im Deutschen soviel wie: „Es sei Erleichterung“, oder „Es möge dir leicht fallen“.

Sogar in negativen Situationen bleibt man bei einer blumigen Ausdrucksweise. Wenn man z. B. der Auffassung ist,  jemand möge verschwinden, sagt man zu ihm: „Toz ol!“ – „Werde zu Staub!“

Das Türkische ist eine sehr natürliche Sprache. Besonders bei Verdoppelungen stößt man auf naturidentische Laute: „şarıl şarıl“, „tangur tungur“, „şangır şungur“. Dabei handelt es sich um Lautmalereien, die man allerdings nur in bestimmten Fällen gebraucht.

Z. B.: Es regnet – şarıl şarıl. Der Topf ist tangur tungur – (mit dumpfen Klang) gefallen. Diese Verdoppelungen sind nicht übersetzbar. Sie betonen nur das jeweilige Geschehen unter Berücksichtigung des verursachenden Geräusches.

Wenn deutsche Schüler einen Lehrer oder eine Lehrerin ansprechen, sagen sie „Herr Lindemann“ oder „Frau Meyer“, verwenden also den Nachnamen des Lehrers oder der Lehrerin. Im Türkischen verhält es sich ganz anders. Wenn türkische Schüler eine Lehrerin oder einen Lehrer ansprechen, sagen sie „Öğretmenim“, „Mein Lehrer“ oder „Meine Lehrerin“. Diese Wendung drückt Respekt vor den Lehrern aus. Einen Vorbeter spricht man mit dem Titel „Hodscham“ (mein Lehrer) an.

Eine Anekdote über Nasreddin Hodscha, den türkischen Till Eulenspielgel, verdeutlicht uns eine weitere Besonderheit der türkischen Sprache:

Nasreddin Hodscha will eines Tages umziehen. Er sucht einen Wagen und findet ihn. Er beginnt, mit dem Fahrer zu verhandeln. Der Fahrer verlangt für den Transport des Gepäcks 10 türkische Lira. Hodscha findet diesen Betrag zu hoch und sagt: „Du verlangst viel, mein Junge, darf man für diese wenigen Sachen so viel Geld verlangen?“ Daraufhin antwortet ihm der Fahrer: „Von wegen wenig, mein Hodscha, es sind so viele Sachen: Ofen-Mofen, Schrank-Mrank, Stuhl-Muhl, Tisch-Misch….“ Beeindruckt von dieser Auflistung akzeptiert der Hodscha den Betrag. Doch nach dem Tranport der Waren drückt er dem Fahrer nur 5 Lira in die Hand. Der verärgerte Fahrer fragt ihn deshalb: „Warum bezahlen Sie mir denn nur die Hälfte?“ Da entgegnet ihm der Hodscha: „Du  hast mir schließlich nur die Hälfte der Waren gebracht. Der Stuhl ist angekommen, aber wo ist der Muhl? Der Ofen ist angekommen, aber wo ist der Mofen? Der Schrank ist angekommen, aber wo ist der Mrank? Der Tisch ist an gekommen, aber wo ist der Misch?“

Ich weiß, niemand würde im Deutschen auf die Idee kommen, Tisch-Misch, Ofen-Mofen, Stuhl-Muhl oder Schrank-Mrank zu sagen. Das würde sich einfach komisch anhören. Im Türkischen aber sind solche Verdoppelungen üblich. Wie man sieht, wird der Anfangsbuchstabe der eigentlichen Wörter verändert, um dann (vorzugsweise mit dem Buchstaben ‚m‘) ein neues Wort zu bilden: soba moba – Ofen, oder auch dolap molap – Schrank.

Türkische Kinder werden oft von ihren Mitschülern dazu aufgefordert, „eine Tüte Deutsch“ zu kaufen. Vielleicht  wäre es aber gar nicht schlecht, wenn die Deutschen ihrerseits auch eine Tüte Türkisch genießen würden. Natürlich nicht nur diejenigen, die in Deutschland leben, sondern auch alle, die die Türkei irgendwann einmal besuchen wollen.

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