Eiskalte Treue

Ganz weit hinter dem Horizont, zwischen den Bergen, wo die Häuser ihre weiße Farbe noch erhalten haben, sieht es auf den Straßen ganz anders aus. Die bunte Natur fließt noch in jeder Ecke und wurde nicht vom Autoabgas und der schwarzen Moral der Menschen verunreinigt. In den ersten Jahren meines Lehrerberufs habe ich neben der Schönheit dieses Ortes auch die Echtheit der Menschen untereinander gesehen. Oftmals aber war es hier kalt. Eisig würde man es im Westen sogar nennen

Als Mathematiklehrerin kam ich nach dem Referendariat in dieses Tal. Klein, strukturiert und lebhaft war es hier. Es gab nur eine Schule mit einer Klasse. Jedes Kind im Dorf besuchte sie, auch wenn es deutliche Altersunterschiede gab. Der Klassenlehrer und gleichsam der Lehrer für alle Fächer kam im Tal zur Welt und verbrachte seine Kindheit und Jugend bis zum Studium hier. Ein netter 50-jähriger Herr mit weißen Haaren begrüßte mich mit seiner ganzen Freundlichkeit. „Liebes Fräulein. Sie sind in der wärmsten Schule der Welt angekommen, Gratulation!“, sagte er lächelnd, auch wenn ich die Kälte des Schnees in mir spürte. Als ich mir die Schule anschaute, sah ich jedoch die Wärme aus den Wänden sprühen. Bunte, farbige Bilder der Kinder hingen im ganzen Klassenraum. Holztische, Stühle und eine grüne Tafel standen in dieser lebhaften Klasse: „Nur das Nötigste“, rechtfertigte sich der Lehrer, bevor ich ein Wort sagen konnte.

Schnell fühlte ich mich hier wohl und fing mit dem Unterricht an. Die Kinder schätzten die Schule sehr, hörten aufmerksam zu und nutzen jede Gelegenheit, etwas zu lernen. Dazu gehörte auch der kleine Jonas, der immer in der ersten Reihe saß. Ein braunhaariger, sehr gepflegter Junge mit blauen Augen. Er war anders als die anderen Kinder. Die anderen Kinder halfen zur Sommerzeit auf dem Hof der Eltern, Jonas jedoch nicht. Er war der Einzige, der keine Fehlzeiten hatte. Mit der Zeit bauten wir zueinander eine schöne Beziehung auf. Er mochte mich und ließ es mich spüren. Es gab noch etwas, was uns beide verband. 

Jede Woche brachte er mir einen Brief, damit ich ihn korrigiere. Er war an die eigenen Eltern adressiert. Er erzählte von seinem Alltag, seinen Erlebnissen und meistens von den Dingen, die er in der Schule gelernt hatte. Mich wunderte es, ich fragte mich jedes Mal, wo die Eltern dieses Kindes waren. Umso neugieriger las ich seine Briefe. „Es sollen keine Fehler im Brief sein. Sonst denken ja meine Eltern, dass ich nichts lerne.“ Ohne auf meine Fragen einzugehen, verließ er das Klassenzimmer. Deshalb ging ich eines Tages zu dem ehemaligen Klassenlehrer und fragte ihn: „Kennen Sie die Eltern von Jonas?“ Er antwortete: „Er lebt nicht bei den Eltern. Er wohnt bei seinem Patenonkel Peter oberhalb der Stadt. Über seine Eltern redet er nicht gerne, über seinen Onkel auch nicht.“ Er stand auf, holte sein Buch und schaute mich mit großen Augen an, womit er mir vermitteln wollte, dass er mit dem Unterricht anfangen will. Entschuldigend ging ich raus und hatte noch mehr Fragen im Sinn als vorher. 

In der vierten Woche brachte mir Jonas keinen Brief. Vorsichtig fragte ich ihn, ob er mir diese Woche keinen Text zum Korrigieren bringe. Er wartete einige Sekunden, schaute mich mit seinen tiefblauen Augen an und fing an zu weinen. Ich versank in seinen Augen und nahm ihn unbewusst in die Arme. Was wohl meine Eltern machen? Mutters Umarmungen kamen mir in den Sinn und ich versank in Gedanken. Als sein Weinen immer lauter wurde, kam ich zu mir und ließ ihn aus den Armen. Ohne ein Wort zu sagen, lief er aus dem Klassenzimmer.

Am nächsten Morgen kam er nicht zum Unterricht. Nach der ersten Stunde meldete er sich ab und ging nach Hause, wie ich später erfuhr. Ich hatte Schuldgefühle und machte mir sogar Sorgen. Warum hatte er geweint? Warum kam er nicht zum Unterricht? Dieses Warum nistete sich tief in meine Seele ein. Nach dem Unterricht besorgte ich mir seine Adresse. Ich war seine Lehrerin und trug dementsprechend Verantwortung für ihn. Vielleicht ging es ihm ja wirklich nicht gut. Ich verfolgte die Straßen, die durch enge Gassen liefen. Nach einer weiten Strecke sah ich auf einem leeren Feld ein großes, blaues und wunderschönes Haus. Es war kein anderes Haus zu sehen. Nur das meeresblaue Haus. Als ich mich ihm näherte, kamen mir Jonas Augen in den Sinn. Schüchtern durchquerte ich den Garten und stand vor der Eingangstür. Ich atmete tief ein und klopfte. Plötzlich öffnete sich die Tür und ein älterer Herr mit einer dunkelgrünen Jacke und einem Brief in der Hand eilte aus dem Haus, ohne mich zu bemerken. Erstaunt blickte ich ihm hinterher. Er richtete seine Jacke und lief in großen Schritten davon. Dann vernahm ich Jonas Stimme: „Ja, Frau Lehrerin?“ Ich wandte den Blick von der Straße, drehte mich wieder zur Tür und antwortete verwirrt: „Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“ „Mir geht es wieder besser. Jetzt muss ich aber wieder rein, sonst kriege ich noch Ärger von meinem Patenonkel. Ohne Erlaubnis kann ich niemanden reinholen. Schönen Tag Ihnen.“ Er wartete nicht auf meine Antwort und machte langsam und mit schüchternen Augen die Tür zu. Ich fand keine Worte. Mit noch mehr Fragen verließ ich den schönen Garten. Ein Paar Mal kam ich hierher und versuchte, mit dem Patenonkel zu reden. Entweder war er nicht zu finden oder er wollte nicht mit mir reden. 

Eines Tages aber näherte ich mich meinem Ziel. Als ich nach der Schule wieder zum blauen Haus ging, sah ich ein paar Schritte vor mir Jonas und seinen Patenonkel. Ohne ein Wort zu sagen, überreichte Jonas seinem Patenonkel einen Brief. Der nahm ihn an sich und ging fort. Ich verfolgte ihn, ohne dass er mich bemerkte. Er stieg einen Berg hoch, nahm den Brief aus seiner Tasche und las ihn laut. Danach ließ er den Brief mit dem Wind davonschweben. Er schaute sich die Sterne an und machte sich auf den Weg zurück. Was er wohl gelesen hat? Waren es die Briefe von Jonas? Aber warum liest man einen Brief auf einem menschenverlassenen Berg?

Es war ein kalter Wintertag mit Frost. Wieder verfolgte ich Jonasʼ Patenonkel. Ich hatte Schwierigkeiten beim Gehen, er kam trotz seines Alters besser voran als ich. Er stieg den Berg hoch, ich hinter ihm her. An der Spitze holte er den Brief aus seiner Jackentasche, las ihn laut und warf ihn in die Ferne. Ich versteckte mich hinter einem Baum, sodass er mich beim Runtergehen nicht bemerkte. Ich verfolgte ihn, bis er sich an einen Baum lehnte. Er atmete so laut, dass ich es hörte. Schnell lief ich zu ihm und griff ihm unter die Arme. Ich fragte, wie es ihm gehe. Mit einem Nicken bestätigte er mir, dass wir weitergehen können. Nach ein paar Schritten erreichten wir ein Café und traten ein. Ohne ihn zu fragen, bestellte ich zwei Tassen Tee. Er wiederum versuchte sich zu beruhigen und fing an zu reden: „Mein Vater war Lehrer und meine Mutter Schneiderin. Wir reisten sehr viel im Land, bis wir in dieses Tal kamen. Ich war zwölf Jahre alt, als ich hier zu Schule ging. Ich erinnere mich an meinen ersten Schultag. Damals gab es auch nur eine Klasse. Da mein Vater Lehrer war, gingen wir gemeinsam rein. Er, mit seinem vollen Optimismus, ließ mich neben einem Jungen sitzen und sagte: ‚Jetzt werdet Freunde.‘ Das hat er immer gesagt. Freunde sein? Ging das wirklich so leicht, wie mein Vater es gesagt hatte? Nur der Platz neben einem Jungen namens Daire war frei. Ein blauäugiger Junge, der in der Klasse zwar respektiert wurde, aber nicht viel Kontakt zu den anderen Kindern hatte. Mich wunderte es, warum er mit keinem redete. Trotzdem fingen wir an, uns zu unterhalten, und wurden nach einer Weile tatsächlich zu guten Freunden. Je besser ich ihn kannte, desto mehr verstand ich, warum er keine anderen Freunde hatte. Sein Name Daire kam aus dem Irischen und bedeutete neben ‚fruchtbar‘ auch ‚Wut‘ oder ‚Rage‘, was ihn genau beschrieb. Ah, Daire, mein lieber Daire. Dieses aufbrausende Wesen wurde ihm zur Last und seine Auswirkungen spürten wir in vollen Zügen. Daire war das auch bewusst und daher versuchte er sich von Menschen fernzuhalten. Nun, die anderen Kinder haben auch nicht versucht, sich ihm zu nähern. Sie sahen nur einen wütenden, aggressiven Jungen. Mehr konnten und wollten sie nicht sehen …“ 

In diesem Augenblick kamen die Tassen, er nahm einen Schluck. Bevor er weitererzählte, fiel ich ins Wort: „Aber was ist mit Ihnen?“ „Ich? Ich habe es natürlich auch zu spüren bekommen. Jedoch hatte unsere Freundschaft was anderes, was Unzerstörbares. Sie ging zwar in Flammen auf, jedoch wurde sie nie zu Schutt und Asche. Will man einen Schatz entdecken, muss man immer tiefer. Die wertvollsten Dinge liegen immer ganz tief unten, Liebes. Alles Wertvolle liegt im Herzen und das siehst du erst, wenn du dich auf diese Tiefe einlässt. Ach, und weißt du, Liebes, woraus unsere Freundschaft bestand? Aus Treue und Echtheit. Ich entdeckte den wahren, liebevollen Daire. Dies machte ihn so besonders. Entdeckt man dieses eine Wunder in einem Menschen, dann verletzen die weiteren neun schlechten Eigentümlichkeiten nicht … Wir liefen den Berg jeden Tag hoch und runter. Er wollte unbedingt Pilot werden. Ganz oben träumten wir gemeinsam von einer Welt zwischen den Sternen. Ich hörte ihm gerne beim Träumen zu. Eines Tages, als wir wieder oben waren, sagte er mir: ‚Peter, auch wenn uns die Zeit trennt und wir auf anderen Hügeln sitzen und die Sterne anschauen, werden wir im Herzen zusammen sein und füreinander beten. Egal, wo wir landen, wir werden unter demselben Himmel atmen.‘ Dies waren sehr unerwartete und für ihn ungewöhnliche Worte. Ich konnte es aber leider nicht ahnen …“

Dem alten Herrn kamen die Tränen. Nach einer Weile erzählte er weiter: „Am nächsten Tag verschwand er plötzlich. Keiner wusste, wo er war. Von seiner Familie kamen nur leere Blicke. Mich überkam eine tiefe Traurigkeit. Jeden Abend schaute ich zum Himmel hoch und betete für ihn. ‚Sterne sind die schönsten Wegweiser‘, so sagte ein älterer Herr, ‚sucht man jemanden, muss man nur die Sterne richtig lesen.‘ Das dauerte aber nicht lange. Nach ein paar Wochen ging mein Leben wie zuvor weiter. Ich heiratete nach einer Weile, jedoch lebte meine Frau nicht lange. So ließ ich mich in dieser Kälte nieder und blieb in meiner Einsamkeit, bis zu dem Tag, an dem mein Leben wieder aufblühte: Ich bekam einen Brief, er war von Daire, der mir schrieb: ‚Lieber Peter. Du bist mir bestimmt böse. Jedoch konnte ich es Dir nicht erzählen. Der Geheimdienst kam zu mir und hat mich zum Piloten ausgebildet. Ich durfte keinem etwas sagen. Alles war unter strenger Kontrolle. Für meinen Traum musste ich schweigen. Nach meiner dreijährigen Ausbildung musste ich in den Krieg ziehen. Ich lernte meine Frau Lara kennen und heiratete sie. Wir bekamen einen Jungen. Er ist gerade sechs Jahre alt. Jedoch erkrankte meine Frau an einem Virus und starb. Jetzt ist der Krieg schlimmer geworden, sodass ich meinen Jungen nicht beschützen kann. Voller Verzweiflung bete ich jeden Tag für ihn. Aber dann kamst Du mir in den Sinn. Ich werde ihn zu Dir schicken, denn Du bist der einzige Freund, den ich habe. Dir kann ich vertrauen. Weißt Du noch, was ich Dir an dem Abend zuvor unter den Sternen sagte? Seit dem Tag habe ich keine Nacht verbracht, ohne für Dich zu beten. Lehre meinen Sohn, wie schön das Leben wirklich ist, was Lieben bedeutet und das Geheimnis einer wahren Freundschaft: Echtheit und Treue. Wenn ich überleben sollte, werde ich zu euch kommen. Bis dahin ist Jonas Dein Sohn. In Liebe, Dein Freund unter den Sternen.‘“

Als Peter das erzählte, kamen ihm wieder die Tränen. „Nach ein paar Wochen kam Jonas. Ich hatte Daire vergessen, er mich aber nicht. Er zeigte mir noch einmal, was Vertrauen und Freundschaft wirklich sind. Da habe ich mir versprochen, Jonas das schönste Leben zu schenken.“ „Und was ist mit den Briefen?“ Lächelnd antwortete er mir: „Die schreibt Jonas für die Eltern. Ich steige jede Woche hoch, lese seinen Brief laut unter dem Himmel. Denn wenn Daire noch am Leben ist, wird er es vernehmen. Können Sie sich an den Tag erinnern, an dem Jonas weinend nach Hause kam und ihnen keinen Brief brachte? Da konnte ich nicht auf den Berg steigen. Mit dem Alter und dieser Kälte wird es jedes Mal schwieriger.“ In diesem Moment wurde es still. Bevor er etwas sagen konnte, erwiderte ich: „Ich würde gerne die Briefe von Jonas lesen. Geben Sie mir bitte die Möglichkeit, einer solchen Freundschaft zu dienen. Sie haben mir mehr beigebracht, als ich jemals aus Büchern erfahren werde.“ Von da an unterstützte ich ihn. Es war mir eine Ehre und es machte mich glücklich, dass Freundschaften so glänzen können. Denn nur durch solche Freundschaften und Bindungen wird die Welt ihren Zusammenhalt finden.

Please follow and like us:
error
error

Gefällt Ihnen der Artikel? Dann abonnieren Sie die Fontäne als Print-Ausgabe.

0

Your Cart