Ein gelungener empathischer Dialog – Eine interreligiöse Summerschool über den Frieden

von Iclal Baki

Der Wunsch der ersten Teilnehmer letzten Jahres ging in Erfüllung: Dieses Jahr durften wieder Studierende unterschiedlicher Konfessionen und Konfessionslose an der interreligiösen Sommerschool in Albanien mit dem Thema “Friedengestalten. Muslimische und christliche Perspektiven” teilnehmen. Eine Zeit des Kennenlernens, des Näherkommens, der gegenseitigen Anerkennung, der Vielfalt, der Achtung, des Austauschs, der Freundschaft, der Selbstreflexion und des empathischen interreligiösen Dialogs. Eine wertvolle Gelegenheit, die nicht zu verpassen ist.

Die interreligiöse Summerschool, vom zweiten bis zum neunten September,wurde vom Forum Dialog Berlin in Kooperation mit der Universität Potsdam und Universität Flensburg organisiert. Im Vergleich zum Vorjahr setzte sich die Gruppe nicht nur aus Christen und Muslimen zusammen, sondern diesmal kamen auch ein Atheist und ein Buddhist dazu.

Wir kamen zum ersten Mal in Berlin in den Räumlichkeiten von Forum Dialog zusammen und konnten erste Eindrücke innerhalb unserer Gruppe sammeln. Ein kurzer Einstieg in den geplanten Ablauf der Summerschool und Erfahrungen vom letzten Jahr, eine kurze Vorstellungsrunde, die Verteilung der Referatsthemen und ein abschließendes Essen waren die ersten Berührungspunkte unter uns.

Wir haben alle unterschiedliche religiöse bzw. keine religiösenHintergründe. Ein Großteil der Gruppe wurde religiös erzogen. Viele von uns können sich auch im späteren Alter mit dem Glauben identifizieren und sind von eigenem Glauben bzw. nicht Glauben überzeugt.

Es herrschte unter uns eine buntgemischte Vielfalt, die sich dann auch in den Diskussionsrunden in Tirana widerspiegelte. Es kam zum Teil zu Meinungsabweichungen, aber auch zu Übereinstimmungen in unseren Gesprächen. Was den Frieden betraf, waren wir uns jedoch einig: der Frieden fängt bei jedem selbst an. Frieden hat mit der eigenen Wahrnehmung des Anderen zu tun. Mensch zu sein bedeutet, ausreichend anerkannt und liebevoll respektiert zu werden. Niemand ist wichtiger alsder Andere. Wenn wir uns dem empathischen Dialog– ein Dialog, in dem man die eigene religiöse Identität nicht verliert und dennoch Verständnis und Anerkennung der Religion des Gegenübers schenkt – mehr widmen würden und über die Unterschiede hinwegsehen würden, würde die Zukunft unserer Gesellschaft friedlicher aussehen. Wir waren zwar im Glauben bzw. Nichtglauben und in den Persönlichkeiten unterschiedlich, aber bei der Hoffnung und den Wünschen für den Weltfrieden waren wir auf der gleichen Wellenlänge.

Wir haben uns in der einen Woche intensiv mit dem Frieden auseinandergesetzt und gemeinsam viele wichtige Fragen und Probleme diskutiert: Was bedeutet der Frieden für mich? Gibt es einen gerechten Frieden? Ist der Frieden auch ohne Gott möglich? Was ist Toleranz, wo beginnt diese und wo endet sie für mich? Was bedeutet Pazifismus? Inwiefern trägt die Religion zum Frieden bei? Was können Kriegsgründe sein?

Wir haben den interreligiösen Dialog sowohl in den verschiedenen religiösen Einrichtungen erlebt, als auch unter uns genossen.

Die interreligiös und interkulturell gemischten Zimmer, das ständige Miteinander von morgens bis spät abends, die Unterhaltungen auf den langen Busfahrten, die Fortsetzungen der Diskussionsrunden beim Essen und die neu aufgefangenen Themenam Esstisch ermöglichten uns Freunde statt Fremde zu sein. Egal, ob mit oder ohne Konfession, wichtig ist es „Mensch zu sein“.

 

Warum Albanien?

Albanien war mit seinen heute drei Millionen Einwohnern ein Land, das schon immer fremdbestimmt war. Die Menschen litten erst unter den italienischen Besatzern, dann unter dem Kommunismus, dem autoritären Führer Enver Hoxha. Es war der erste atheistische Staat der Welt. Unter der Herrschaft des Kommunismus wurden die Religionen verboten. Menschen hatten Angst, ihre Religion auszuüben und fürchteten sich um ihr Leben. Die Geschichte Albaniens schweißte die Menschen zusammen. Die Opfer und Geschädigten des Kommunismus forderten nach der grausamen Zeit nach Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Dies war jedoch sehr schwer. Auch wenn es nicht gerecht war, musste die Ungerechtigkeit akzeptiert werden. Das Motto „Wir sind alle Opfer, wir sind alle verantwortlich!“ war ein guter Ansatz, um eine neue Seite zu öffnen. Die nächsten Generationen sollten die Taten der Vergangenheit betrachten und aus diesen lernen.

In diesem Land gab es keine religiösen Konflikte. Das Land war zwar religiös aufgeteilt, aber nie gespalten. Andere Länder identifizieren sich häufig mit einer bestimmten Religion. Als Albaner gehört man zwar einer der drei Religionen an, dies ist jedoch kein Grund sich zu einer Gruppe zugehörig oder von einer Gruppe abgespalten zu fühlen. Die Nationalität und die Sprache verbinden die Menschen, nicht die Religion. Die Identität Albaner zu sein, stand der religiösen Identität bis heute immer vor.

Das aktive Miteinander und nicht das bloße Nebeneinander von Christen und Muslimen ist ein unschätzbares Agieren für den Frieden. An dem Beispiel von Albanien wollten wir uns ein Vorbild nehmen und besuchten religiöse Einrichtungen, informierten uns über die Lage in Albanien durch Vertreter der religiösen Ämter, machten selbst Beobachtungen und hatten die Möglichkeit, albanische Studierende zu befragen. Es war sehr interessant zu hören, dass die Ehe zwischen Muslimen und Christen zur Normalität in Albanien gehört. Eine christliche Mutter kann selbstverständlich eine muslimische Tochter haben oder eine christliche Oma kann ihre muslimischen Enkelkinder zur Weihnachtsfeier einladen und gemeinsam die Feier verbringen. Somit ist in Albanien die Religion keine Debatte im Alltag.

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