Peyami Safa

Eine Synthese aus Orient und Okzident

Türkische Schriftsteller wie Elif Shafak oder auch Ahmet Hamdi Tanpınar sind in Deutschland durchaus bekannt. Doch neben ihnen verdient auch Peyami Safa, der Ende des 19. Jahrhunderts in Istanbul geboren wurde, Erwähnung. Sein Thema waren vor allem die Auswirkungen des Verlusts von Tradition, Sprache und Kultur auf die Identität.

Peyami Safa wurde 1889 in Istanbul als jüngster Sohn des Dichters Ismail Safa geboren. Im Alter von zwei Jahren verlor er seinen Vater. Seine Kindheit verlief deshalb recht entbehrungsreich. Aufgrund der sehr begrenzten finanziellen Möglichkeiten seiner Familie blieb ihm nichts anderes übrig, als seinen enormen Wissensdurst autodidaktisch zu stillen. Bereits mit 16 Jahren erhielt er die Erlaubnis, an einer Schule zu lehren. Später widmete er sich ganz dem Schreiben und dem Journalismus. Er veröffentlichte zahlreiche Zeitungs- und Zeitschriftenartikel zu pädagogischen, kulturellen und philosophischen Themen. Zudem verfasste er unter dem Pseudonym Servi Bedri Unterhaltungsliteratur für eine breitere Leserschaft: an die 500 Bücher, deren Verkäufe ihm ein Einkommen sicherten. Weit mehr am Herzen jedoch lagen ihm seine Romane, die er unter seinem realen Namen veröffentlichte. Darin thematisierte er vor allem gesellschaftliche und kulturelle Fragen und Probleme, insbesondere die Beziehung zwischen Orient und Okzident sowie die Folgeerscheinungen der aufoktroyierten Modernisierung der Türkei.

Peyami Safa plädierte dafür, sich die eigene Identität bewusst zu machen und gleichzeitig offen zu sein für Neues.

Die seinerzeit von einem bürokratischen System verordnete Modernisierung und Europäisierung, die das Ziel verfolgte, den Entwicklungsrückstand des Osmanischen Reichs zu verringern, hatte die Gesellschaft in eine kulturelle und zivilisatorische Krise geführt, was vor allem der Konzeptionslosigkeit der sogenannten Tanzimat-Reformen geschuldet war.

Diese ‚Modernisierung von oben‘ brachte eine neue Elite von Künstlern, Schriftstellern und Politikern hervor, die ihrer eigenen Umwelt entfremdet waren und in der Nachahmung des Westens und Europas ihr Heil suchten. Dabei reduzierten sie Europa jedoch meistens auf bestimmte äußere Merkmale wie Kleidung oder Verhaltensweisen, für die es in der türkischen Kultur keinerlei Basis gab. In Peyami Safas Romanen beschwor dieses verzerrte und einseitige Bild von Europa immer wieder tragische und zugleich komische Situationen herauf. Und während die neue Elite händeringend nach Beweisen und Symbolen für die Minderwertigkeit der einheimischen türkischen Kultur suchte, hinterfragte Safa, welches Europa überhaupt gemeint sei. Er selbst kannte Europa sehr gut, daher wusste er genau wovon er sprach. Seine Kritik besaß nämlich durchaus autobiographische Züge. Auch er selbst hatte die Entwurzelung so vieler zeitgenössischer Akademiker und Künstler geteilt und ein Leben als Bohemien geführt. Auch sein einziges Leitbild war lange Zeit Europa gewesen.

Wenn diese neue Elite der damaligen Türkei Europa besuchte…Weiterlesen

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