Das Rätsel Mensch (2)

Dem Menschen als Wesen der Sinnhaftigkeit, welches geschaffen wurde als Spiegel der Namen und Attribute des Schöpfers, steht es nicht gut, wenn er sein Ego in den Mittelpunkt stellt und sein egozentrisches Handeln in den Vordergrund tritt. Sein Herz als das Haus Gottes verliert nämlich seinen Glanz und seine Besonderheit als Ort der göttlichen Manifestationen, wenn es sich auf etwas anderes richtet als seinen Schöpfer.

von Fethullah Gülen

Gott der Wahre hat den Menschen als „Mensch der Sinnhaftigkeit“ und mit einem Potenzial erschaffen, mit welchem er alle Wahrheiten zu erfassen vermag. Mansūr el-Hallādj hatte tief bewegt den doppeldeutigen Ausspruch „Ich bin der Wahre“ (ene‘l-ḥaqq) getätigt und wurde für diese Anmaßung – ob es das war, muss letztlich eine andere Instanz entscheiden – hingerichtet. Aus Sicht der vollkommenen göttlichen Einheit gibt es hingegen weder ein Ich noch ein Du, denn Er (der Schöpfer) hat dies verhindert. Der Dichter sagt es so schön:

Oberflächlich betrachtet gibt es Du und Ich,
An und für sich gibt es aber weder mich noch dich.
(Niyazi-i Misrī)

Wenn jedes Wesen ein Ausdruck der aufeinander folgenden Widerspiegelungen Gottes ist – und daran besteht kein Zweifel –, dann gibt es keinen Platz für Egoismus und Ähnliches. Das zu ignorieren und stattdessen eine egozentrische Haltung einzunehmen würde einen nur immer weiter von Gott dem Wahren entfernen. Die Entfernung zu überwinden und die absolute Nähe zum Wahren zu erlangen hängt davon ab, ob man sich im Schmelztiegel der Gotteserkenntnis auflöst. Folgende wohlgesetzten Worte werfen Licht auf dieses Thema:

Bist du verständig, dann hör auf, Du und Ich zu sagen!
Stets sollst du deinen Blick senken und zu Ihm schauen!

Uns Menschen obliegt es im Grunde, als Schöpfung in bester und schönster Wertung (aḥsen-i taqwīm) wie ein polierter Spiegel die Namen und Attribute Gottes widerzuspiegeln. Daher wird beispielsweise das Herz, das gewissermaßen ein Haus Gottes ist, im Vergleich zur Kaabe sogar als ein erhabenerer göttlicher Spiegel betrachtet, gemäß dem Prinzip, dass manchmal das „Überwogene“, das  Überwiegende überwiegt“. Ein paar Beispiele, die dies sehr schön in Worte kleiden:

Reinige den Spiegel des Verständnisses von Schmutz,
Kommt der Sultan ins unreine Haus, schäme dich!
(Nābī)

Das Herz ist das Haus Gottes, reinige es von Schmutz,
Nachts komme der Barmherzige herab in Seinen Palast.
(Ibrahim Hakki)

Die Kaabe ist das Haus, das Abraham, der Sohn von Āzer, erbaute; das Herz des Menschen aber ist das Haus Gottes und der Ort, auf dem Sein Blick ruht.“ 

Mit diesen Aussagen belassen wir es, sie betonen ausreichend die Überlegenheit des Herzens, welches als Spiegelbild des Namens Samed nichts anderes begehrt als den Erhabenen.

Wird dieser polierte Spiegel jedoch auf Sonstiges (etwas anderes als Gott) gerichtet, verliert er seine Besonderheit als Ort göttlicher Manifestationen und verwandelt sich in ein finsteres Verlies und wird zu einem Ort, an dem die Satane ihr Unwesen treiben.

Es ist am gläubigen Menschen, den Schatten hinter sich zu nehmen und dem leuchtenden Horizont der Sonne entgegenzugehen, um die erhabene Stellung als Spiegel nicht zu verlieren. Die göttliche Feinheit ist ein besonderer Spiegel, der unser Fassungsvermögen übersteigt. In einem schönen Spruch, der fälschlicherweise als Hadith überliefert wurde, wird diese Bedeutung als Gedicht zum Ausdruck gebracht: „Der Wahre sagt: ‚Himmel und Erde können mich nicht fassen‘ / Aus der Mine des Herzens werde ich als Schatz erkannt.“ Statt sich also von seinem Ego und der eigenen Fleischlichkeit hin– und herwerfen zu lassen, sollte man stets respektvoll mit diesem Aspekt seines Daseins umgehen und die Aussage des Wahren berücksichtigen: „Ich habe ihm von Meinem Geist eingehaucht“ (El-Hidjr, 15:29; Sād, 38:72), also das Herz des Menschen als einen ehrenhaftes Mihrab (Gebetsnische) sehen.

Aber die meisten sehen sich nicht so. Sie schaffen es nicht, angesichts dieser großen Segnung eine angemessene, positive Haltung einzunehmen. Sie lassen sich vom Ego lenken; die Satane bohren Löcher in ihre Herzen, um von ihnen Besitz zu ergreifen. Sind sie zwischen ihren Begierden und Trieben eingeklemmt, flehen sie unablässig; werden sie aber mit Segnungen geehrt, werden sie schnell frech und übermütig (siehe u. a. Hūd, 11:10).

Verkenner des Wahren stöhnen unablässig angesichts von Unheil und Katastrophen; werden sie aber davon befreit, öffnen sie die Türen ihres Herzens den Satanen und überlassen sich deren Lenkung. Dass sie auf dem Weg offen sind für die Versuchungen durch böse übermenschliche Einflüsse sowie für Schlechtes und weltlichen Glanz und Gloria, lässt sie gewissermaßen zu Tieren werden. Der Koran warnt solche Personen mit diesen Worten:

„Jene, die nicht erwarten, Uns zu begegnen, und sich über das gegenwärtige irdische Leben freuen und sich damit zufriedengeben, und jene, die Unsere Offenbarungen und Zeichen unbeachtet lassen: Das sind diejenigen, deren letztendlicher Zufluchtsort das Feuer sein wird um dessentwillen, was sie erworben haben“ (Yūnus, 10:7–8). „Wer also immer (glauben) will, der möge glauben; und wer immer (ungläubig sein) will, der möge ungläubig sein“ (El-Kahf, 18:29) – Sie denken sich bitte alles Weitere … „Gott spricht die Wahrheit und leitet euch auf den rechten Weg“ (El-Aḥzāb, 33:4). Alles wird an eure Billigkeit und eurem Verständnis überlassen.

Hier können wir einen Semikolon setzen um den inneren Dynamiken von der Washeit des Menschen einen Überblick zu verschaffen. Der Mensch ist ein monumentales Wesen, dem sich Hunderte von Gelehrten und Geistesgrößen, fasziniert von seiner körperlichen und spirituellen Anatomie eingehend widmeten. Der Mensch als Schöpfung in bester und schönster Wertung (aḥsen-i taqwīm) hat aufgrund seiner inneren Dynamiken eigentlich das Potenzial, über den Engeln zu stehen. Auch in Zukunft werden noch viele sich mit der Entdeckung und Erforschung der eigentlichen Natur des Menschen beschäftigen. 

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