Unsere Privatsphäre schützen – oder was davon übrig ist

Fast alle von uns nutzen Facebook, Twitter oder andere soziale Medien. Aber nur selten halten wir inne und denken: Welche Informationen geben wir von uns preis? Und wie viel ist zu viel?

Müssen wir unsere Privatsphäre für mehr Sicherheit aufgeben? Dies wurde auf dem Capitol Hill, dem Sitz der amerikanischen Legislative,langedebattiert.[i] Die Diskussion hat ihre Ursachen in den Methoden der Massenüberwachung, die im Namen der nationalen Sicherheit von zahlreichen staatlichen Behörden eingesetzt werden. Die meisten von uns waren von den Snowden-Enthüllungen überrascht. Damalshörten wir das erste Mal vom wahren Ausmaß des globalen Überwachungsprogramms der USA. Einige fühlten sich wie Rotkäppchen und riefen aus: „Was für große Ohren sie haben! Was für große Augen sie haben!“ Die alten Wölfe der Drei-Buchstaben-Behörden erwiderten immer wieder, dass sie solche großen Ohren und Augen brauchen, „damit wir euch besser dienen können“.

Massenüberwachung durch die Regierung

Als einige Regelungen des Patriot Acts ausliefen, wurde der neue USA Freedom Act („Gesetz zur Vereinigung und Stärkung Amerikas durch die Erfüllung von Rechten und die Beendigung von Abhöraktionen, Rasterfahndung und Online-Überwachung“) nach einigen Monaten der Diskussion in beiden Häusern des Kongresses ins Gesetz geschrieben (Juni 2015). Das Argument, das die politischen Führer vorbrachten, war das altbekannte: „Diese Gesetzgebung ist entscheidend, um Amerikaner vor Terrorismus zu bewahren und ihre bürgerlichen Freiheiten zu schützen.“

Jedoch kaufen viele Gruppen, die sich für den Schutz der Privatsphäre einsetzen, diese Behauptung immer noch nicht ab. Sie glauben, dass der Gesetzesentwurf die Bürgerrechte nicht wirklich schützt. Die Electronic Frontier Foundationstellt fest: „Wir haben klar herausgestellt, dass wir die Massenüberwachung in allen Überwachungsbehörden beenden müssen. Wir sind enttäuscht, dass dieser Entwurf nicht mehr tut für dieses Ziel, aber der neue USA Freedom Act ist ein willkommener erster Schritt und sollte als solcher betrachtet werden.“[ii] Die American Civil Liberties Union widersetzte sich einem früheren, ähnlichen Entwurf (dem CISPA) mit den Worten: „Er erlaubt Unternehmen immer noch, sensible und persönliche Kundeninformationen an die Regierung weiterzugeben, und dem Militär, die Internetdaten von Durchschnittsamerikanern zu sammeln … Wir drängen unsere Mitglieder, für ‚Nein‘ zu stimmen.“[iii]

Robin Koerner von WatchingAmerica.com argumentiert, dass Privatsphäre versus Sicherheit eine falsche Dichotomie ist: „Entweder ist die Mathematik falsch oder die Moral. Oder beides.“[iv] Er besteht darauf, dass die beste Strategie nicht darin besteht, irgendwelche Freiheiten aufzugeben – was auf die oft zitierte Regel von Benjamin Franklin zurückgeht: „Jene, die wesentliche Freiheit aufgeben können, um ein wenig temporäre Sicherheit zu erlangen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.“

Die Überwachung durch Unternehmen ist sogar noch einschneidender

Aber neue Gesetzesentwürfe des Kongresses sind nicht das Einzige, was unsere Privatsphäre bedroht. Da ist auch die Austauschbeziehung zwischen Privatsphäre und personalisierten kommerziellen Dienstleistungen. Selbst wenn wir die Macht der Regierung begrenzen, sammelt die Geschäftswelt immer noch alle Arten von persönlichen Informationen, angeblich, um den Service zu erhöhen. (Da ist es wieder, das Argument vom „besseren Service“!)

Mehr noch, dank des Irrsinns der sozialen Medien teilen die meisten von uns willentlich persönliche Informationen. Eine Studie von Visa Sicherheit aus dem Jahr 2013 zeigt, dass bereits mehr als 58 % der Verbraucher Details über die sozialen Medien mitgeteilt haben, die sie dem Risiko des Betrugs und des Identitätsdiebstahls aussetzen.[v] Bei Digital Natives ist die Zahl sogar noch größer. Eine neue Studie des Meinungsforschungsinstituts PEW kommt zu dem Ergebnis, dass mehr als 90 % der Teenager ihre wahren Namen und Fotos „teilen“, 80 % teilen ihren Geburtstag und 20 % ihre Telefonnummer und persönlichen Videos im Internet.[vi]

Angesichts dieser Kultur des Teilens und des massenhaften Sammelns von persönlichen Daten seitens der Regierung und der Industrie argumentieren einige, dass es keinen Zweck habe, weiter darüber zu diskutieren, da die Privatsphäre, wie wir sie kannten, bereits tot sei. Es ist mehr als ein Jahrzehnt her, dass der Vorsitzende von Sun Microsystems den berühmten Ausspruch tat: „Sie haben sowieso null Privatheit … Finden Sie sich damit ab.“[vii] Der renommierte Zukunftsforscher David Houle behauptet das Gleiche in einem kleinen Buch, in dem er erklärt, dass sich die Definition der Privatheit gewandelt habe und wir die aktuelle Wirklichkeit akzeptieren sollten:

„Es ist scheinheilig, sich über den Mangel an Privatheit zu beklagen, wenn man Informationen über die sozialen Medien postet, die GPS-Funktion seines Smartphones nutzt, im Internet surft, und immer mehr gilt dies auch,wenn man auf Mautstraßen und in den Städten Amerikas Auto fährt. Beschweren Sie sich nicht, wenn Sie ständig den Komfort und die Coolheit der Technik über die Angst um ihre Privatsphäre triumphieren lassen.“[viii]

[i]Thorp, F. (June 2, 2015): Barack Obama signs ‘USA FREEDOM ACT’ to reform NSA Surveillance, nachzulesen auf http://www.nbcnews.com/storyline/nsa-snooping/senate-vote-measure-reform-nsa-surveillance-n368341.

[ii]Jaycox, M., Reitman, R. (2015):Nachzulesen auf: https://www.eff.org/deeplinks/2015/04/new-usa-freedom-act-step-right-direction-more-must-be-done.

[iii]Boorstin, J. (2013): Privacy vs. Cybersecurity: The Debate Heats Up, nachzulesen aufhttp://www.cnbc.com/id/100632315.

[iv]Koerner, R (2014): Privacy vs. Security: A False Dichotomy, nachzulesen auf http://www.huffingtonpost.com/robin-koerner/privacy-vs-security-a-fal_b_4698157.html.

[v]http://www.visasecuritysense.com/en_US/fraud-news.jsp#OMG2muchinfo.

[vi]http://www.pewinternet.org/2013/05/21/what-teens-share-on-social-media-2/.

[vii]Sprenger, P(1999): Sun on Privacy: Get over it!, nachzulesen aufhttp://archive.wired.com/politics/law/news/1999/01/17538.

[viii]Houle, David: Is Privacy Dead? The Future of Privacy in the Digital Age, nachzulesen aufhttp://davidhoule.com/books/is-privacy-dead.

 

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