Telbīs (Verbergung)

Telbīs bedeutet, dass die vollkommenen Diener Gottes, die all ihre Errungenschaften und Tugenden auf Gott zurückführen, versuchen, als gewöhnliche Menschen wahrgenommen zu werden. Sie halten die besonderen Gunstbeweise und die außergewöhnlichen Taten, die der Ewige Freigebige Eine ihnen schenkt, vor ihren Mitmenschen verborgen und verraten ihnen auch nicht, zu welchen Zeiten sie mit ihnen beehrt werden. In diesem Zusammenhang von Vortäuschung falscher Tatsachen oder Irreführung zu sprechen, wäre jedoch völlig falsch. Das Bedürfnis, diese Dinge für sich zu behalten, erwächst in der Regel während der Gezeiten zwischen den beiden Erkenntnissen, dass sich zum einen alles in Gott auflöst (dschemʿ) und dass sich zum anderen die Existenz des wahrhaft Existierenden Einen fundamental von der relativen Existenz alles Übrigen unterscheidet (farq). Diejenigen, die um Verbergung ringen, bemühen sich ständig um Aufrichtigkeit; und um sicherzugehen, dass sie sich ihre Verehrung Gottes und ihre Ergebenheit Ihm gegenüber auch tatsächlich bewahren, überprüfen sie immer wieder ihre Motive. Es ist der Respekt vor Gott, der sie dazu veranlasst, Seine speziellen Gunstbeweise für sie, die ihnen auf unterschiedliche Art und Weise zufließen, vor anderen zu verschweigen. Sie betrachten diese Gunstbeweise und generell alles, was Gott ihnen gewährt, als heilige Geheimnisse zwischen ihnen selbst und dem Spender der Gunstbeweise. Welch Segen ihnen auch zuteilwerden mag, stets verweisen sie auf den Allmächtigen. Und sofern keine absolute Notwendigkeit vorliegt, die empfangenen Gaben offenzulegen, werden sie immer Mittel und Wege finden, sie zu verbergen – ganz ähnlich, wie der Prophet Abraham es tat, als er die Einladung zu einem religiösen Fest seines Volkes mit den Worten Ich fühle mich fürwahr krank (37:89) ablehnte und somit zum Ausdruck brachte, dass ihre Götzenverehrung ihn krank machte. Und auf die Frage, ob er die Götzenbilder zerstört habe, entgegnete er: (Irgendein Täter) muss es getan haben – dieser da ist der Größte von ihnen. (21:63)

Vor der Aussicht, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen, graut ihnen ähnlich stark wie anderen Menschen vor Schlangen und Ungeziefer.

Wahre Vorbilder der Verbergung achten sehr darauf, ihre inneren Reichtümer und ihre spirituelle Tiefe nicht zur Schau zu stellen. Selbst wenn sie irgendwann zu dem Schluss gelangen, tatsächlich zu spiritueller Tiefe gelangt zu sein, versuchen sie weiterhin, sich selbst von ihrer elementaren Bedeutungslosigkeit zu überzeugen. In ihrem Bemühen, auch ihren Mitmenschen vor Augen zu führen, dass sie keine außergewöhnlichen Tugenden besitzen, legen sie allerdings Wert darauf, dass sie sich nicht in solche Umstände begeben, wie die Melāmetīs, die sich bewusst erniedrigen lassen, wodurch der Eindruck entsteht, der Islam sei eine Religion, die Schmach und Schande über ihre Anhänger bringt. Andererseits vermeiden sie es zu prahlen, etwas zu sagen oder zu tun, was nahelegen würde, dass sie in der besonderen Gunst Gottes stehen. Fast immer sind sie Ihm stets treu ergeben. Sie würden es als Anmaßung betrachten, sich spirituelle Leistungen, für die andere Menschen sie loben, selbst zuzuschreiben. Auch zu Zeiten, in denen sie geradezu überschüttet werden von Gunstbeweisen Gottes, legen sie immer Wohlverhalten und Bescheidenheit an den Tag. Sie ermahnen sich selbst: „Du bist weder die Quelle noch der Besitzer dieser Gunstbeweise. Diese Geschenke, die kommen und wieder gehen, können dir gar nicht gehören. Da du ja eindeutig siehst, dass nicht du es bist, der sie herbeibringt und wieder fortschafft, musst du doch zugeben, dass du nicht ihr wahrer Besitzer sein kannst. Im Hinblick auf diese Geschenke bist du nichts anderes als ein dunkler Spiegel. Deshalb musst du sie auf den Ewigen Großzügigen Einen zurückführen und alles Lob an Ihn weiterreichen.“

Wenn der Strom der Gunstbeweise abreißt, versichern sie sich: „Du musst für dich behalten, welche Geheimnisse Gott mit dir teilt und wie Er dich behandelt. Nur dann wird deine Beziehung zu Ihm Bestand haben, und nur dann werden diese Gunstbeweise, die du dir selbst niemals verschaffen könntest, dich nicht zu dem Glauben verleiten, du seiest ihr Besitzer, was dich ins Verderben führen würde.“ Diese Menschen wirken nach außen hin wie ganz gewöhnliche Menschen. Sie verwenden viel Mühe darauf, ihre innere Welt rein zu halten, und in ihrer Anbetung Gottes sind sie von größter Aufrichtigkeit beseelt.

Diese Vorbilder der Verbergung folgen einem sicheren Weg zur Verwirklichung und suchen in allem die Zustimmung und das Wohlverhalten Gottes. Von anderen Menschen hingegen erwarten sie sich nichts, und sie streben auch nicht nach ihrer Anerkennung. Stattdessen versuchen sie, ihre Gefühle und ihre Anbetung immer weiter zu vertiefen und so auf immer höhere Stufen aufzusteigen. Weil sie sich unablässig selbst kontrollieren, werden sie auch dann von Gott begleitet, wenn sie unter Menschen sind. Sie bemühen sich, ihre Mitmenschen auf den Weg des Lichtes zu führen, auf den Weg der Gotteserkenntnis und der Liebe zu Gott, der einen Quell spiritueller Genüsse bildet, auch wenn man diesen Genüssen nicht nachjagen sollte. Denjenigen, die zögernd an der Kreuzung zwischen Paradies und Hölle stehen, zeigen sie den Weg ins Paradies, und den Fehlgeleiteten vermitteln sie erhabene Ideale. Sie unterhalten zu Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten gute Beziehungen, die weder von Problemen noch von Förmlichkeiten belastet sind.

Vorbilder der Verbergung sind also Muster an Bescheidenheit, die bei allem, was sie tun, darauf achten, dass nicht sie selbst dafür gepriesen werden, sondern Gott. Einige Gelehrte wie Herewī[1] und Ibn Qayyim[2] jedoch sind in dieser Hinsicht zu weit gegangen. Herewī war der Auffassung, es sei der Allmächtige selbst, nicht der Diener, der Seinen Diener vor anderen verbirgt, während Ibn Qayyim bestritt, dass es überhaupt einen Zustand des Verbergens gebe. Deshalb möchte ich an dieser Stelle noch einmal daran erinnern, was der Begriff Verbergung impliziert: dass nämlich Reisende zur Höchsten Wahrheit, die sich durch eine sorgfältige Verrichtung der obligatorischen religiösen Pflichten spirituell gereinigt haben, auch eine tiefere Neigung zu den freiwilligen Akten der Anbetung entwickeln werden. Durch diese erhoffen sie sich mit der Begleitung Gottes beehrt zu werden, und so verwandeln sie sich in geschliffene Spiegel, die Seine Manifestationen der Majestät und der Gnade reflektieren. Der Großzügige Eine wird zu den Augen und Ohren Seiner Diener, die diesen Punkt erreicht haben. Sie sehen und hören mit Ihm, und Er lässt nicht zu, dass sie Einsamkeit und Hilflosigkeit leiden, dass niemand nach ihnen ruft. Mit Hilfe der Maßstäbe, die Er ihnen eingibt, damit sie das Leben, die Dinge und die Begebenheiten auf angemessene Weise bewerten, sorgt Er dafür, dass sie die besten Resultate in dieser Welt und für das Jenseits erzielen. Er lässt sie Dinge sehen und hören, die andere Menschen nicht sehen und hören können. Er macht sie zu Werkzeugen Seines Willens in der Sphäre der Menschen. Und Er erklärt den Menschen durch sie, was Sein Wohlgefallen findet und was Er von ihnen verlangt. Die Koranverse Als du warfst, da warst nicht du es, der warf, sondern Gott warf (8:17) und Jene, die dir den Treueeid leisten (o Gesandter), haben niemand anderem als Gott Treue geschworen. Gottes ‚Hand‘ ist über ihren Händen. (48:10) spielen insofern auf diesen Punkt an, als dass diejenigen, die diesen Rang erklommen haben, zwar absolut von der Einheit Gottes überzeugt sind, doch manchmal alle Dinge aufgelöst in Gott sehen und manchmal zwischen der Existenz des wahrhaft Existierenden Einen und der relativen Existenz alles Übrigen zu unterscheiden vermögen. Zwar gebührt der Rang, auf den sich die Verse beziehen, in erster Linie den Propheten, die in ihrer Verbergung wie auch in all ihren anderen Tugenden unvergleichlich rein waren, aber auch andere Vorbilder der Verbergung haben ihren Anteil daran. Die Verbergung der Reisenden auf dem Weg zu Gott ist – darauf sei noch hingewiesen – mit den Attributen Gottes verknüpft und sollte allein auf sie bezogen sein, nicht jedoch auf die Essenz Gottes. Die Grenzen und die Form der Verbergung werden von den unabänderlichen Geboten der islamischen Religion definiert. Das in diesen beiden Versen thematisierte Werfen und Treffen, Sehen und Sprechen und die Erhöhung durch den Treueeid bestätigen, dass es Seine Attribute Majestät und Vollkommenheit sind, die die Wahrheit (Gott) in dem Propheten Muhammed, dem auserwählten, einzigartigen Wesen, manifestiert, und nicht Seine göttliche Essenz. Dies unterstreichen auch folgende Verse von Mewlana Dschelaleddin Rumi, wobei sie in gewisser Hinsicht auch von der Auflösung in Gott und vom Mit-Gott-Sein erzählen:

Noah sagte: Ihr Menschen, die ihr euch gegen Gott auflehnt, ich bin nicht ich selbst;
was meine Seele betrifft, so bin ich tot, für den Geliebten Einen aber lebe ich.
Ich starb und einige meiner Sinne Adams, des Vaters der Menschheit, lösten sich auf;
so wurde mir die Wahrheit (Gott) Hören, Sehen und Fühlen.

Von Anfang an haben die Menschen der Wahrheit betont, dass aus der Selbst-Auflösung das Sein hervorgeht und dass die Annahme einer eigenständigen Existenz in der Auflösung endet. Die beste und angemessenste Annäherung an diese Realität besteht darin, dass die Reisenden zur Wahrheit ihr sinnliches Selbst und ihr Ego auflösen und zu einem neuen Leben in Geist und Herz finden.

Unser Herr! Lass unsere Herzen nicht erneut abweichen, nachdem Du uns rechtgeleitet hast, und lass uns Gnade aus Deiner Gegenwart zuteilwerden. Wahrhaftig, Du allein bist der (Großzügige) Spender. Aller Segen der Erde und der Himmel sei auf unserem Lehrmeister Muhammed, auf seiner Familie und seinen Gefährten!

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[1] Abu Ismail Abdullah ibn Muhammed al-Herewī (1005-1089) wurde in Herat im heutigen Afghanistan geboren. Er gehörte der Rechtsschule der Hanbaliten an und war Koran und Sunna hingebungsvoll ergeben. Auch im Sufismus kannte er sich gut aus. Sein bekanntestes Buch zu diesem Thema war das Kitab al-Manazil as-Sa’irin. [Anm. d. Übers.]

[2] Ibn Qayyim al-Dschawziyya Schams ad-Din Abdullah Muhammad ibn Abi Bakr (gest. 1350) war der berühmteste Schüler von Ibn Taymiyya (gest. 1328), einem der rigorosesten religiösen Denker. Auch er gehörte der Rechtsschule der Hanbaliten an. Zu seinen bedeutendsten Werken gehört das Kitab al-Fawa’id al-Musawwiqa ila Ulum al-Qur’an wa ‘Ilm al-Bayan. [Anm. d. Übers.]

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