Muschahada (Kontemplative Schau) – Sufismus

Muschahada (kontemplative Schau) bedeutet, einsichtsvoll zu sein und in den Akten Gottes die Namen Gottes zu sehen, die Seinen Akten Existenz verleihen; und sich außerdem in der Manifestation der Namen den Einen bewusst zu machen, der mit diesen Namen benannt wird. In der kontemplativen Schau erreichen also Eingeweihte, denen Nähe zu Gott gewährt wurde, den Horizont, an dem sie die Sphäre des Körperlichen hinter sich lassen und wie geschliffene Spiegel, die die absolute Einheit Gottes reflektieren, bezeugen.

Kontemplativ zu schauen heißt, mit Einsicht zu sehen oder mit dem Auge des Herzens. Darin unterscheidet es sich vom bloßen Hinschauen. Ismail Haqqi Bursawibeschreibt diesen Unter- schied in seinem Buch Scharh-i Muhammadiya. Die kontemplative Schau ist ihm zufolge ein überaus wertvolles Geschenk Gottes. Sie ist ein Sehen mit Einsicht, nicht mit den Augen. Was die Augen erblicken, ist der Schatten und die Manifestation des Lichtes Gottes. Was aber mit Einsicht gesehen oder geschaut wird, ist die Wahrheit des Lichtes Gottes und die kontemplative Schau Gottes, der Verkörperung der Wahrheit, mit dem Auge des Herzens und abseits aller Modalitätskonzepte.

Kontemplative Schau ist auch nicht gleich Entschleierung. Entschleierung meint, dass der Eingeweihte mit bestimmten Bedeutungen und abstrakten Wahrheiten vertraut wird. Das Objekt der kontemplativen Schau hingegen sind Wesenheiten, was allerdings natürlich nicht für die Wesenheit Gottes gelten kann, die in keiner Weise fassbar ist. Mit anderen Worten: Wenn der Begriff in Bezug auf Gott als Objekt der kontemplativen Schau verwendet wird, dann ist darunter die Hinwendung zu Ihm mit erleuchteter und erleuchtender Einsicht zu verstehen; eine Hinwendung, die wiederum Gottes Aufmerksamkeit erregt. Im Gegensatz dazu bezeichnet der Begriff Entschleierung den Zustand, in dem man die Namen und Attribute Gottes wahrnimmt und sich daran erfreut.

Grundvoraussetzungen für kontemplative Schau sind ein unbeirrbares Herz mit einem scharfen Seh- und Hörvermögen. Diese beiden Sinne sind sehr empfindlich und aufnahmebereit, verfügen über Verbindungen zu den Sphären des Jenseits und fördern eine optimale Konzentration. Der Vers Hierin liegt wahrlich eine Ermahnung für den, der ein Herz hat oder zuhört und bei der Sache ist (50:37) darf als Beleg dafür gelten.

Geradeso wie bei der Entschleierung gibt es auch bei der kontemplativen Schau Abstufungen. Diese sprechen jeweils unterschiedliche Kräfte an, die das Schauen der Wahrheit ermöglichen. Die Reichweite der kontemplativen Schau entspricht der Tiefe des Glaubens, der Stärke der Gewissheit und dem Aufnahmevermögen des Herzens. Weiterlesen

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