„Kind“ seiner Zeit sein

Eine Verantwortung heutiger Muslime (orig. İbnü’l-Vakt)

Hikmet Işık

Frage: Welche Verantwortungen müssen die heutigen Generationen beachten, die aus einer reichen Vergangenheit schöpfen und für eine unbekannte Zukunft Pläne und Projekte entwerfen, damit sie Schritte setzen können, die den Bedingungen ihrer Zeit entsprechen – also jeweils ein „Kind ihrer Zeit“ sein können?

Antwort: Ibnul‑waqt, ein besonders von Sufis verwendeter Ausdruck, bedeutet wörtlich „Kind seiner Zeit“. Im sufitischen Sprachgebrauch wird er für Menschen verwendet, die – neben ihrer Vertrautheit mit Koran und Sunna – ihre eigene Epoche sehr gut erfassen, die schöpfungsbezogenen bzw. kosmosbezogenen (tekwinischen) Befehle Gottes richtig gelesen und die Erscheinungen und Ereignisse durchdrungen haben.

Mit anderen Worten: Ibnul‑waqt ist jemand, der die Dinge und Ereignisse seiner Zeit mit einem ganzheitlichen Blick betrachtet und das Verhältnis zwischen Mensch, Schöpfung und Gott sehr gut begreift. Wer neben den normativen Geboten Gottes die schöpfungsbezogenen Gebote nicht kennt und über die Ereignisse und Entwicklungen seiner eigenen Zeit nicht im Bilde ist, kann den Koran nicht entsprechend den Bedingungen seiner Epoche verstehen oder auslegen.

Wer seine Zeit und die Geschehnisse, die in ihr stattfinden, richtig versteht, kann die offenen Bereiche des Korans – also jene, die für neue exegetische Schlussfolgerungen offen sind – nutzen und Auslegungen hervorbringen, die seiner Epoche entsprechen. Dies ist im Grunde eine der wichtigen Aufgaben jedes Menschen, der wirklich ibnul‑waqt ist.

Wissenschaft und Kulturverständnis

Etwas ausführlicher gesagt bedeutet die erste Bedeutung von ibnul‑waqt, dass der Mensch die Wissenschaft und Technologie seiner eigenen Zeit beherrschen muss. Es bedeutet, dass er sich das Wissen seiner Epoche in den positiven Wissenschaften wie Physik, Chemie, Biologie, Astronomie und Mathematik aneignet. Er soll die Übereinstimmung zwischen ihnen und dem Göttlichen Wort erkennen und insbesondere jene Verse, die auf wissenschaftliche Wahrheiten verweisen, mit den Möglichkeiten der modernen Wissenschaft interpretieren können.

Die zweite Bedeutung besteht darin, dass der Mensch mit der Kultur und Zivilisation seiner Zeit vertraut ist, gesellschaftliche Ereignisse richtig analysiert, die verschiedenen Ideologien und Strömungen gut kennt und über bestehende Wahrnehmungen und Theorien informiert ist. Muslime unserer Zeit müssen – sowohl in den Naturwissenschaften als auch in den Sozialwissenschaften – unbedingt das Wissen ihrer Epoche erwerben und jene Position einnehmen, die sie einnehmen sollten.

Andernfalls laufen sie Gefahr, in die Fesseln der Abhängigkeit zu geraten und ihren eigenen Handlungsspielraum vollständig an Dritte abzutreten. So wären sie gezwungen, unter Vormundschaft zu leben. Deshalb müssen wir die Wissenschaft und Technologie unserer Zeit im Namen unserer eigenen Ideale äußerst effizient nutzen. Dies ist selbstverständlich kein Ziel, das sich von heute auf morgen verwirklichen lässt. Doch wenn wir die heutige Welt richtig lesen, zutreffende Analysen durchführen, schon jetzt Experten für verschiedene Bereiche ausbilden und Laboratorien einrichten, kann die Angelegenheit in fünfzig Jahren an einen ganz anderen Punkt gelangen.

Terror- und Gewalthandlungen

Wer seine eigene Zeit nicht richtig zu lesen vermag, kann die Probleme seiner Epoche nicht lösen. Im Gegenteil: Jeder Versuch, eine Lösung zu finden, wird zu weiteren Ungleichgewichten und neuen Problemen führen. Während er meint, dem Islam dienen zu wollen, wird er ihm vielleicht sogar den größten Schaden zufügen.

Es ist ein Grundprinzip dieses Lebens, dass der Mensch für seine Religion, seine Heimat, sein Land, seine Nachkommenschaft und seine Zukunft kämpft. Wenn der Feind an die Tür klopft, stellt er sich – wenn nötig – ihm entgegen, um diese heiligen Werte zu schützen, und zögert nicht, dafür sein Hab und Gut und sogar sein Leben zu geben. Doch in einer Ära, in der hocheffiziente und zerstörerische Waffensysteme produziert werden, kommt es der Unterzeichnung des eigenen Todesurteils gleich, wenn man unter Berufung auf Rechtsansprüche oder aus geringfügigen Anlässen andere herausfordert, provoziert oder Grenzüberschreitungen begeht.

Wer zu Gewalt- und Terrorakten greift, mit Selbstmordanschlägen ohne Rücksicht auf Frauen und Kinder unschuldige Menschen tötet oder die Gotteshäuser anderer Religionsgemeinschaften angreift und deren Heiligtümer missachtet, kann nicht behaupten, selbst mit den grundlegendsten Werten des Islams in Beziehung zu stehen. Solche Handlungen stehen nicht nur vollständig im Widerspruch zum Geist des Islams, sondern bedeuten zugleich, die heute hervortretenden demokratischen Werte und humanitären Entwicklungen zu sabotieren.

Einer der Gründe solcher Entgleisungen ist, dass der Islam nicht richtig verstanden wird; ein weiterer Grund ist die Unfähigkeit, die Entwicklungen in der Welt mit einem ganzheitlichen Blick zu erfassen. Ja, für solche Terror- und Gewalttaten gibt es weder im Koran noch in der Sunna einen Platz. Wer sich auf solche Entgleisungen einlässt – sogar wenn er seine schulische Laufbahn abgeschlossen haben mag oder behauptet, einer Sache zu dienen –, lebt in Wahrheit ohne Kenntnis vom Islam.

Historische Vorbilder der Toleranz

Solche Handlungen stehen sowohl im Widerspruch zum Weg des Gesandten Gottes (Gottes Segen und Frieden seien auf ihm) als auch zu dem seiner treuen Vertreter, der rechtschaffenen Kalifen. Selbst in jenen Epochen, in denen unter Herrschern wie Yezid, Hadjjadj oder Saffah zahlreiche Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten verübt wurden, hat niemand hemmungslose Gewalttaten gutgeheißen, die nicht zwischen Frauen, Kindern und Erwachsenen unterschieden.

Ebenso stellt sich die Frage: Hat es in der sechshundertjährigen Geschichte des Osmanischen Reiches jemals einen Kirchenbrand gegeben? Wann haben sie Synagogen dem Erdboden gleichgemacht? Wann haben sie die heiligen Werte anderer Religionsgemeinschaften angegriffen? Es wird überliefert, dass Sultan Mehmed der Eroberer, obwohl er Macht und Stärke besaß, die Hagia Sophia nicht einfach übernahm, sondern aus seinem persönlichen Besitz kaufte und sie anschließend in eine Moschee umwandelte. Und auch dass in späteren Zeiten einige Kirchen, deren Gemeinden nicht mehr existierten, ebenfalls in Moscheen umgewandelt wurden. Doch wir kennen kein Beispiel für eine verbrannte oder zerstörte Kirche. Dass viele Kirchen aus jener Zeit bis heute erhalten geblieben sind, ist ein deutlicher Beweis dafür.

Respekt vor den Heiligtümern anderer

Die folgende Episode, die sich während der Eroberung Jerusalems zwischen dem ehrenwerten Umar und den Kirchenoberhäuptern ereignete, lässt keinerlei Bedarf für andere Worte in Bezug darauf offen, wie respektvoll man mit den Gotteshäusern anderer Religionsgemeinschaften umgehen muss:

Nachdem die Kirchenoberhäupter erklärt hatten, die Schlüssel der El-Aqsa-Moschee nur dem Kalifen persönlich übergeben zu wollen, machte sich Umar gemeinsam mit seinem Gehilfen von Medina aus auf den Weg, um sie entgegenzunehmen. Da er zwei Reittiere für Verschwendung hielt, nahm er nur eines mit, und beide ritten abwechselnd darauf. Als sich die beiden der El-Aqsa-Moschee näherten, war der Gehilfe an der Reihe zu reiten. Durch die lange Reise waren Umars Kleider zerrissen und geflickt. Als die Kirchenoberhäupter ihn in diesem Zustand sahen, sagten sie: „Das ist derjenige, über dessen Eigenschaften wir in unseren Schriften gelesen haben.“ Und sie übergaben ihm die Schlüssel.

Als die Gebetszeit eintrat, sagte der Patriarch zum ehrenwerten Umar, er könne sein Gebet im Inneren der Kirche verrichten. Doch er lehnte ab und sagte: „Wenn ich hier bete, werden die Muslime, die nach mir kommen, sagen: ‚Der Kalif hat hier gebetet‘, und diesen Ort in eine Moschee verwandeln; dann könntet ihr eure Kirche nicht mehr zum Gottesdienst nutzen.“ Daraufhin verrichtete er sein Gebet draußen.

Welch eine Weitsicht! Obwohl vierzehnhundert Jahre an zivilisatorischer Entwicklung vergangen sind, kann man heute sagen, dass die Menschheit über einen solchen Horizont verfügt? Genau jene waren es, die den Islam in seiner wahren Tiefe verstanden und die Welt, soziale Strukturen sowie gesellschaftliche Veränderungen richtig zu deuten wussten. Dank ihnen hat die Menschheit eine Phase des echten Friedens erlebt.

Der Kreislauf von Brutalität und Gewalt

Ja, wer auch immer aus welchem Grund zu Terror- oder Gewaltakten greift, befindet sich in einem schweren Irrtum. Weder die Behauptung radikaler Terrororganisationen, einen Unabhängigkeitskampf zu führen, noch ihr Wunsch, ihnen entrissene Rechte zurückzugewinnen, noch ihre Absicht, zugefügtes Unrecht zu vergelten, können Terror und Gewalt legitimieren. Ein auf illegitimen Wegen geführter Unabhängigkeitskampf bedeutet, die Unabhängigkeit mit Füßen zu treten. Dass grobe und rohe Handlungen, die angeblich zur Durchsetzung des Rechts dienen sollen, in Wirklichkeit eine Verletzung dieses Rechts darstellen, steht außer Zweifel.

Man darf auch nicht vergessen, dass solche Handlungen, die dem Islam, der Menschheit und universellen Werten widersprechen, bestimmten feindseligen Kräften in die Hände spielen. Genau das ist es, was sie wollen. Übertriebene und unausgewogene Verhaltensweisen werden ihnen die Arbeit erleichtern und Besetzungen sowie Interventionen den Weg bereiten.

Man darf ebensowenig übersehen, dass gewaltorientierte Handlungen wie das Abbrennen und Zerstören von Orten, das Töten unschuldiger Menschen oder das Umstürzen der gesellschaftlichen Ordnung kommenden Generationen Gefühle von Hass, Groll und Rachsucht hinterlassen werden. Die Aufgabe der heutigen Muslime besteht nicht darin, neue Konflikte zu entzünden, sondern vorhandenen Hass und bestehende Feindschaften zu begraben und große Felsblöcke daraufzulegen, damit sie nie wieder hervorkommen. Es gibt keinen anderen Ausweg, die Menschheit um den Begriff der Liebe zusammenzuführen und eine allgemeine Atmosphäre des Friedens zu schaffen.

Fazit: Die Verantwortung der Gegenwart

Muslime, die durch Radikalismus und Gewalt nach Lösungen für ihre Probleme suchen, verstehen leider weder die Wahrheit des Islams noch können sie ihre Epoche richtig lesen. Mit den Abscheulichkeiten und Niederträchtigkeiten, die sie begehen, erzeugen sie ein äußerst negatives Bild im Namen des Islams. Sie vergrößern die bereits bestehende Islamfeindlichkeit, vertiefen die gegen Muslime gerichteten paranoiden Vorstellungen und verstärken die negativen Wahrnehmungen gegenüber der islamischen Welt.

Brutalität gebiert Brutalität, Gewalt führt zu weiterer Gewalt. Wir müssen uns sehr bewusst sein, dass jede Handlung, die sich nicht mit der koranischen Vernunft und der Philosophie der Prophetenbiografie vereinbaren lässt, letztlich gegen uns wirken wird.

Wenn ein jeder von uns wirklich ibnul-waqt, Kind unserer Zeit sein will, müssen wir äußerst ausgewogen und geduldig handeln und mit Sanftmut auftreten. Statt durch unbedachte und unausgewogene Verhaltensweisen neue Probleme zu verursachen, dürfen wir nicht vergessen, dass es unsere Verantwortung ist, selbst Risse und Wunden zu heilen, die bis heute von gewissen skrupellosen Verbrechern zugefügt wurden. Wo immer wir hingehen und welchem Menschen wir auch begegnen, müssen wir erklären, dass der Islam keine Religion der Gewalt ist und in keiner Weise Terror unterstützt.   

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