Die schönen Namen Gottes – 2


Die göttlichen Namen als Schlüssel zur Erkenntnis und als spiritueller Weg


Fethullah Gülen

Der Kosmos als Spiegel der göttlichen Namen

Einige Sufi-Gelehrte [Mutesaw­wifūn] und Gelehrte der Glaubensthemen [Mutekellimūn] haben die göttlichen Namen als die Grundlage der Wahrheit des Kosmos, der Dinge und des Menschen betrachtet und sogar die Ansicht vertreten, dass die wirkliche Wahrheit der Dinge ausschließlich aus den göttlichen Namen besteht, womit sie den schönen Namen Gottes (esmāʾ ul-ḥusnā) eine ganz eigene und besondere Deutung gegeben haben.

Nach ihrer Auffassung sind das gesamte Sein und alles, was es in sich birgt, nichts anderes als Widerspiegelungs- und Durchgangsorte, ebenso wie das willentliche und unwillentliche Verhalten des Menschen und anderer Wesen – wobei auf der Ebene der gewöhnlichen Voraussetzungen Ort und Existenz von Absicht und Entschlossenheit gewahrt bleiben – lediglich aus unterschiedlichen Manifestationen der Namen Gottes bestehen. Aus ihrer Sicht stellt die Körperlichkeit bloße eine Materieanhäufung dar, wohingegen die Namen [Gottes] gleichsam als Geist und Seele dieser Materie fungieren. Sie sind Seine Namen, und das gesamte Sein ist das Widerspiegelungsfeld und die Erscheinungsstätte dieser Namen innerhalb verschiedener Manifestationen.

Die Grenzen der menschlichen Vernunft

Was die Bestimmung und das Erkennen dieser Manifestationen und Erscheinungen betrifft – und erst recht die Betrachtung des Höchsten und Erhabensten Wesens, für welches diese gesegneten Namen jeweils wie ein schützender Schleier und eine Verhüllung wirken –, so obliegt es uns dort, in tiefem Gefühl der Vorsicht innezuhalten und – wie es die Gelehrten der Ehl es-Sunna sagen – zu bekennen: ‚Was immer dir in den Sinn kommt, Gott ist anders als das‘, oder in der Ausdrucksweise von Imām Rabbānī: ‚Er ist jenseits von allem, was dir in den Sinn kommt – jenseits des Jenseitigen … und selbst jenseits davon.‘

An diesem Punkt bleibt uns nur, in einen tiefen ehrfürchtigen Gedanken des Staunens einzutauchen. Auch wenn in dieser Hinsicht Anstichelungen, die dem bloßen Empfinden, der Willkür oder dem ‚aql ul- meāsch‘ (nicht aufgeklärten Verstand) – ein Begriff von Imām el-Ghazāli – entspringen, die Atmosphäre unseres Herzens und unserer Seele stören und trüben mögen, sagen wir:

„Das Erfassen des Erhabenen ist für diesen kleinen Verstand nicht bestimmt denn diese Waagschale vermag eine solche Last nicht zu tragen.“ (Ziya Paşa)

Deshalb bemühen wir uns stets, innerhalb der Grenzen unseres eigenen Erkenntnisatlasses zu verweilen.

Die Notwendigkeit der Offenbarung

Im Grunde genommen hätten wir, wenn der Erhabene und Allmächtige sich nicht durch Seine schönsten Namen beschrieben und uns bekannt gemacht hätte, allein durch den Blick auf die Welt der Handlungen niemals mit Gewissheit zur Wahrheit dieser Namen gelangen und auch den Allerheiligsten Namensbesitzer (el-Musemmā el-Aqdes) nicht erkennen können. Erst dadurch, dass Er uns mittels dieser Namen Sein Wesen, Seine wesensmäßigen Potenziale und Seine erhabenen Eigenschaften kundgetan hat und erkennen ließ, konnten wir – wenn auch unvollkommen und mangelhaft – einen Einblick in die Wahrheiten gewinnen, die wir heute zu erkennen vermögen.

Nun glauben wir, dass diese Namen die Titel Seines Wesens sind; durch sie versuchen wir, die Wahrheit des Gottseins Silbe für Silbe zu erfassen. Wir bringen unsere Bitten vor Seiner allen offen stehenden Tür zu Wort und verweilen in der beständigen Schau dieser Namen – stets in der Gewissheit, dass unseren Anliegen entsprochen wird, sofern wir Seinen Willen als das maßgebliche Ziel anerkennen. Wir sind davon überzeugt, dass unsere vielfältigen Leiden und Probleme, unsere unterschiedlichen Bedrängnisse und Sorgen überwunden werden können, indem wir uns Ihm zuwenden und diese Namen – von denen jeder die Wirkung eines einzigartigen Elixiers entfaltet – als Fürsprecher anrufen. Wir glauben fest daran, dass wir uns auf diesem Wege von der Unruhe und Zerrissenheit mehrerer Jahrhunderte befreien werden.

Die koranische Wahrheit und der Schutz vor Abweichung

Was die schönen Namen bei dem Ehrwürdigen Wahren bedeuten und wie der ehrwürdige Geist des Herrn der Schöpfung (vollkommenster Friede und Segnungen seien auf ihm), sie wahrnimmt und deutet, genau so akzeptieren auch wir sie und betrachten gegenteilige Auffassungen und Überlegungen als Abweichungen. Wie könnten wir sie nicht als solche ansehen, wenn doch der Edle Koran das Leugnen der Namen oder einer Leugnung gleichkommende Interpretation oder die Übertragung ihrer allein Gott vorbehaltenen Inhalte auf andere als Ilḥād (Abweichung/Gottesleugnung) einstuft?

Ja, das offenkundige Buch, der Koran, erklärt: „Gott ist der, außer dem es keine Gottheit gibt, der der einzig Anbetungs- und Dienstwürdige und der einzig Wahre ist, der es verdient, als wahrhaftiges Ziel betrachtet zu werden, und Ihm allein gehören die schönsten Namen“, und verknüpft damit den Menschen, das Sein, den Kosmos und alle Potenziale mit den schönen Namen Gottes.

Die Brücke zwischen Schöpfer und Geschöpf

Tatsächlich ist für jeden Verantwortlichen die Bezugnahme auf die göttlichen Namen ein wesentlicher Aspekt, um Gott umfassend zu erkennen und sich Ihm im inständigen Bittgebet flehend zuzuwenden. Zugleich ist dies das entscheidende Element, um die Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf zu verdeutlichen: Mit Seinen Namen wird jede gute Tat begonnen und unter ihrer schützenden Obhut jeder Dienst weitergeführt.

Man ist davon überzeugt, dass jedes Unterfangen, das ohne Bezugnahme auf sie [die Namen] begonnen wird, letztlich fruchtlos bleiben wird. Insbesondere wird unter Verweis auf die Bedeutung der Namen ‚Allah‘ und ‚Rahmān‘ deren erhabene Stellung vor Gott hervorgehoben; es wird verdeutlicht, dass sie im Gebet und im innigen Flehen das erste Wort sind – die erste Tür, die es zu durchschreiten gilt.

Theologische Perspektiven: Ehl es-Sunna und Sufismus

Auch wenn einige Philosophen sowie manche unter ihrem Einfluss stehende Kalām-Gelehrte hinsichtlich der Attribute unterschiedliche Auffassungen vertreten und ebenso in der Frage der schönen Namen Gottes verschiedene Gedanken vorbringen, haben die Gelehrten der Ehl es-Sunna neben Aufmerksamkeit, Vorsicht, Besonnenheit und dem demütigen Überlassen der letztgültigen Wahrheit an Gott versucht, diese Frage mit einer Haltung tiefer Ehrerbietung zu lösen: Mal erklärten sie, die Namen seien mit dem Benannten identisch, mal seien sie von Ihm verschieden. In Bezug auf die erhabenen Attribute jedoch äußerten sie – mit zutiefst bewegtem Herzen und um es erklären zu können – die feinsinnige Formel: Sie seien ‚weder identisch noch verschieden‘.

Einige Sufi-Gelehrte wiederum haben sich den göttlichen Namen in folgender Weise angenähert: Die uns bekannten und aufgezählten schönen Namen seien die Namen der Namen; die Wirklichkeit der Namen liege jedoch jenseits dieser. In Anlehnung an den Ausspruch Yunus’ „Es gibt einen Süleymān tief im Süleymān“ haben sie sich den göttlichen Namen genähert und, in Analogie zur Beziehung des körperlichen Herzens zum spirituellen Herzen und des Körpers zur Seele, dieselbe Betrachtung auch zwischen den uns bekannten Namen und den hinter dem Schleier des Seins verborgenen göttlichen Namen zur Sprache gebracht und hervorgehoben, dass diese nur durch zevk-i huzurī, also durch ein unmittelbares Erschmecken im Zustand des Bewusstseins der Gottesgegenwart, vernommen und empfunden werden können.

Das spirituelle Finale: Zeitlose Wirkung des Handelns

Wie dem auch sei: Die schönsten Namen, die uns der Ehrwürdige Wahre in Seinem ‚Offenkundigen Buch‘ gelehrt hat, sind für uns geheimnisvolle Schlüssel und wundersame Worte, die – sobald sie ausgesprochen werden – gewiss Gehör finden. Sie ermöglichen es uns, eine tiefgreifende herzliche und geistige Verbindung zu Ihm aufzubauen, unsere eigene Ferne zu überwinden und jener Nähe teilhaftig zu werden, die wir in unserem Gewissen stets in gewissem Maße verspüren.

Wer diese Schlüssel besitzt und diese lichtvollen Worte zum ständigen Bittgebet auf den Lippen macht – selbst wenn er mit diesen [Namen] Welten fordern würde, blieben seine Bittgebete nicht unbeantwortet; und wenn er nach dem Jenseits streben würde, kehrte er nicht mit leeren Händen zurück. Die schönen Namen in ihrer ganzen Tiefe zu vernehmen und zu erkennen, ist für den Diener eine göttliche Gabe. Sie ist ein spiritueller Genuss, der seine Seele zutiefst bereichert. Für die äußeren sowie die inneren Sinne ist es jene Erkenntnis, die darin besteht, Ihn zu sehen, Ihn zu kennen, Ihn zu spüren und sich stets bewusst zu sein, dass man selbst von Ihm gesehen und gekannt wird.

Wer diesen Horizont verinnerlicht, handelt stets im Bewusstsein des ‚billāh‘ (durch Gott), beginnt jedes Vorhaben mit dem ‚bismillāh‘ (im Namen Gottes) und knüpft all sein Tun an Ihn. Gemäß dem Leitgedanken Bediuzzamans vermag er [der die Erkenntnis der Namen erlangt hat] es, im Kreis des göttlichen Wohlgefallens – allein ‚lillāh‘ (für Gott), ‚li-wedschhillāh‘ (für Gottes Antlitz) und ‚li-edschlillāh‘ (allein aufgrund Gottes) – durch all sein Wirken und Ruhen die flüchtigen Sekunden seines Lebens in den Rang von Jahren zu erheben.

Der Diener ist Sein Diener, die Namen sind Seine Namen, derjenige, der mit diesen Namen angerufen wird, ist Er, und die Tür, der man sich zuwendet, ist Seine Tür, warum sollte das nicht möglich sein!   

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