Kriegs- und Friedensverse im Koran – Eine Analyse (Teil 1)

Islamistische Attentäter und der IS berufen sich bei ihren Gewalttaten auf den Koran und rechtfertigen sie als Kampf gegen die Ungläubigen. Zu Recht? Unser Mitarbeiter Samet Er unterzieht diese Begründung einer kritischen Prüfung.

Auf der einen Seite führen deutsche Rückkehrer aus den Kriegsgebieten zu Angst und Unsicherheiten der deutschen Bürger, auf der anderen Seite wird die Angst „in diesen Tagen salonfähig.Man könnte schon sagen: social-media-kompatibel oder stammtischwürdig.“[1]Es ist eine Herausforderung für Jedermann, wenn man weiß, dass kleinere Bürgerbewegungen wie Pro NRW von einer „Vergiftung des Landes von Seiten des Islams“ sprechen und „große“ Parteien im Grundsatzprogramm, den orthodoxen Islam die Erhebung eines „Herrschaftsanspruchs als allein gültige Religion“ vorwerfen bzw. von „Scharia-Richtern auf dem deutschen Boden“ bzw. „Verbot von Kopftüchern im öffentlichen Dienst“ sprechen.“[2]

Hinzukommt, dass wir in Deutschland auf versuchte und „erfolgreiche“ Attentate in den letzten Jahren zurückblicken müssen. Allein im letzten Jahr gab es 15 Anschläge in Europa, von denen 5 in Deutschland verübt wurden: der Anschlag auf einen Sikh-Tempel,das Attentat am Hauptbahnhof Hannover, der Würzburger Axt-Fall,der Sprengstoffanschlag von Ansbachund die Terrorfahrt eines Lastwagens auf einem Berliner Weihnachtsmarkt.

Der deutsche Politikwissenschaftler Peter R. Neumann spricht von einem Muster, „das wir in Zukunft öfters sehen werden“. Während bei mehreren Personen und Gruppen noch die Überwachungsmethoden der Polizei angewandt werden können, helfen diese bei sogenannten „einsamen Wölfen“ nicht weiter, weil sie […] nicht mit anderen kommunizieren und planen“.[3]Europol-Direktor Rob Wainwright spricht von der größten Terrorgefahr seit mehr als zehn Jahren. Er schätzt die Zahl der Europäer auf 3000 bis 5000,„die in einem Terrorcamp Kampferfahrung gesammelt haben und zum Teil nach Europa zurückgekehrt sind oder sich noch in anderen Staaten aufhalten“.[4]

Nach all den dramatischen Entwicklungen in den letzten Jahren ist es unangemessen weiterhin zu behaupten, der Islam bzw. die islamischen Quellen haben überhaupt nichts mit diesen Taten zu tun. Die aufgezählten „versuchten“ und „erfolgreichen“ Attentate gehen nun einmal auf das Konto von Muslimen, die sich auf islamische Quellen berufen. Leichtfertig werden Stellen aus dem Koran oder Ereignisse im Leben des Propheten Muhammad verwendet um die vermeintliche Aggressivität des Islams zu erklären. Es sind Koransuren, die Muslime täglich rezitieren und nicht wegradieren können.

So ist also wichtig genau diese Stellen genauer zu analysieren um weiterer Instrumentalisierung vorzubeugen. So widmet sich also der Beitrag möglichst kompakt der Untersuchung vom „richtigen“ Verständnis der Koranverse in Bezug auf den Kriegsaufruf. Vorneweg soll gesagt werden, dass der Koran sowohl von Frieden als auch vom Krieg spricht. Hierbei stellt sich die Frage, wie das Verhältnis von Aussagen über Frieden und Krieg zueinander ist. Zum Aspekt des Friedens im Koran soll im Teil 2 eingegangen werden.

Im Mittelpunkt des Beitrags steht ein Koranvers, der sich mit dem Kriegszustand beschäftigt und auf fast jeder neosalafistischer Homepage bzw. islamkritischem Beitrag, sei es eingebettet auf eine Fahne oder im Videohintergrund zu sehen bzw. zu hören ist.

„Und tötet sie, wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben. (…).“ (2/191)

Bevor in die Analyse dieses Koranverses eingegangen wird, gilt es als eine Voraussetzung, einen kurzen Einblick in den Koran zu machen. Der Koran gilt nicht nur wie behauptet, als Gesetz Gottes, sondern vielmehr auch als Buch der Weisheit, des Gebets, des Gottesdienstes, aber auch der Befehle und Empfehlungen. Muslime sind nicht damit beschäftigt, ähnlich wie in der christlichen Theologie, Menschenwort in Gotteswort zu suchen, sondern werden die „Menschenworte“, ergo die Meinungen der Menschen separat in Tafsirs aufgefasst. Ein Tafsir ist kein verbindliches Buch, jedoch wird darin das angehende Verständnis des Korans von sachkundigen „Mufassir“, Korankommentatoren, verfasst. Da der Koran nicht ex abrupto, sondern sukzessiv im Laufe von 23 Jahren offenbart wurde stellt dies für das koranische Verständnis eine besondere Pflicht dar. Dies bedeutet, dass es im Koran „allgemeine und spezifische“, „bedingte und unbedingte“, „eindeutige und mehrdeutige“ Verse gibt bzw. jeder Vers einen Anlass, einen Grund, eine Weisheit und ein Kontext besitzt. Es ist also fatal einen Vers oder gar einen Versteil aus dem Koran zu zitieren, ohne den gesamten Korpus an Koran und Sunna in Betracht zu ziehen.

Der Koran ist als Ganzes zu verstehen. Die „Pinzettenarbeit“, in dem man einen beliebigen Koranvers aussucht und somit Gewalt legitimiert, ist ungenügend. Selbst wenn man einen Roman liest stellt man sich für das bessere Verständnis des Textes die Frage, wer der Autor ist und welche Prägung er in seinem Leben erfahren hat. So ist es auch im Falle des Verses 2/191.

Philologisch lässt sich der Verteidigungskrieg der Muslime wie folgt erklären. Im Versteil 2/191 spricht Gott vom Verb „قاتل“, welches nach Hans Wehr (S.1001) „jemanden bekämpfen, kämpfen mit jemand gegen jemand“ bedeutet, und auf einen „gegenseitigen Krieg/Kampf hinweist (siehe hierzu auch folgende Verse: 2/191, 4/89, 9/14, 9/29, 9/36, 9/123 und 22/39). Das Verb „قتل“ hingegen (dt. kriegen, bekriegen) ruft zu einem totalen Krieg auf (Vgl. Hamdi Yazir 1/190).

Besser verständlich wird dieses Verb, indem die Anlässe der Herabsendung der Offenbarung näher betrachtet werden. Der Vers 22/39, welcher im selben Kontext offenbart wurde, zeigt, dass Gott den Gläubigen erlaubt (أذن), „die bekämpft werden (…) als Erwiderung darauf zu kämpfen“, da „ihnen Unrecht getan“ (22/39) wurde und sie „schuldlos aus ihren Wohnungen vertrieben“ (22/40) wurden.

[1]Trojanow 2015

[2]„Das Grundsatzprogram der Alternative für Deutschland“ (Mai 2016), S.46–50.

[3]„Das gefährliche Phänomen der Terror–Wölfe (2015).

[4]Trimborn 2016.

 

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