Ein Gespräch unter Blättern

Die Angst vor einer ungewissen Zukunft beschäftigt uns Menschen. Aber nicht nur uns allein.

Es war ein weiterer eiskalter Abend. Dichter, gespenstischer Nebel lag über den Landschaften. Plötzlich riss mich der Wind aus meinem schläfrigen Zustand, und ich fing langsam an, hin und her zu schaukeln. Auch die anderen Blätter in meiner Nähe begannen, schwerelos mit dem Wind zu tanzen. Ein Rascheln hob an. In einer synchron abklingelnden Bewegung baumelten wir noch eine Weile, bis wir schließlich wieder unsere alten Plätze einnahmen. Allgemeine Aufregung machte sich breit, und erst als alle wieder ruhig waren und weiterschliefen, bemerkte ich, dass einige meiner Freunde und Geschwister fehlten und nicht mehr an ihrem Ast hingen. Besorgt schaute ich mich um und sah dass mehrere von ihnen auf dem Boden lagen, andere sanken gerade wie Federn ungebremst hinab.

Schweigend schaute ich eine Weile zu ihnen herunter. Der helle Mondschein machte es möglich, sie zwischen den braunen und löchrigen Blättern zu erkennen. Mit ihren wunderschönen, prächtigen gelben und roten Farben leuchteten sie am Erdboden. Der Anblick schmerzte. Sie waren so nah und doch so fern. Mit den ersten Sonnenstrahlen würden sie kaum mehr zu unterscheiden sein, dachte ich mir. Ihre Farbe würde, wie die Farbe aller anderen losen Blättern auf dem Boden, rasch verblassen. Mit jedem weiteren Tag würden sie mehr Löcher bekommen, bis sie auf dem kalten, nassen Gras verfaulten. Der Gedanke, wer ihnen wohl als Nächstes nachfolgen wird, schlich sich langsam an und ließ mich erstarren. Mein Baum, der im Sommer in sattem Grün erstrahlte und dessen Äste bis zur Baumkrone mit schönen Blättern geschmückt waren, ähnelte inzwischen einer schwachen, gebrechlichen alten Dame. Die Herbstwinde zerrten an seinen Blättern. Wie sehr sie sich auch festklammerten – der Wind war stärker.

Nicht ein einziges von all den Lebewesen auf dieser Welt ist entbehrlich.

„Worüber denkst du schon wieder nach?“, flüsterte mir ein kleines Blatt zu, das nur einen Ast unter mir hing. Da ich es zu dieser späten Stunde nicht mit meinen trüben, sorgenvollen Gedanken belasten wollte, entgegnete ich: „Über nichts Wichtiges.“ „Ach was, ich sehe doch, dass das nicht stimmt! Was bereitet dir so viel Kummer und Sorgen, dass es dich die ganze Nacht wach hält?“, fragte es mit seiner leisen, zierlichen Stimme. Ohne auf seine Frage zu antworten und um von dem Thema abzulenken, brummte ich: „Wieso bist du selber denn noch wach, müsstet du nicht auch längst schlafen?“ „Doch, das müsste ich. Aber der Windstoß hat mich geweckt, und dann konnte ich nicht mehr einschlafen. Stattdessen habe ich nach oben geschaut und den wunderschönen Vollmond betrachtet: wie er mit seinem hellen Schein die ganze Landschaft hier in einen magischen, schimmernden Ort verwandelt und gleichzeitig so vielen Lebewesen Trost spendet. Weiterlesen

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