Verzückt von einem „Vincerò!“

Eine etwas andere Perspektive auf die Musik

Yasin Cakir

Alles hatte mit einem Video einer populären britischen Castingshow begonnen, das nicht unbedingt direkt etwas mit Spiritualität zu tun hatte. Ähnliche Versionen dieser Show laufen auch in vielen anderen Ländern der Welt. Tatsächlich war es „Britain’s Got Talent“. An der Reihe war ein Taxifahrer, der die Zuschauer äußerlich anfangs kaum beeindruckte. Auch ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukam. Obwohl Musik eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben spielt, hatte ich bis dahin kaum Berührungspunkte mit der Art von Musik gehabt, die der Kandidat präsentieren wollte; jedoch hatte er mein Interesse geweckt.

Schon immer faszinierten mich die klassischen Makamen der Sufi-Musik sowie viele weitere musikalische Stilrichtungen. Diese Begeisterung führte mich während meines Studiums in einen Chor für klassische Sufi-Musik. Geleitet wurde er damals von Fatih Koca, der heute als Professor für religiöse Musik an der Universität Ankara lehrt. Während die westliche Klassik durch ihre architektonische Mehrstimmigkeit fesselt, weckt die östliche Musik durch feine Vierteltöne tiefe Sehnsucht – zwei grundverschiedene, aber gleichermaßen faszinierende Klangwelten. Trotz meines Interesses hatte ich bislang noch nicht mit dieser speziellen Musikart zu tun gehabt.

Eine staunenswerte Szene

Zurück zum Kandidaten: Einige aus der Jury belächelten ihn anfangs ein wenig – vielleicht aufgrund der Wahl seiner Musikart und weil er wie ein ganz gewöhnlicher Taxifahrer aus London schien. Er begann. Alle hörten aufmerksam zu und gaben sich der Musik hin. Und dann passierte es …

Als Paul Potts die klassische Arie „Nessun dorma“ (Niemand schlafe) aus Puccinis Oper „Turandot“ anstimmte, öffneten sich erst langsam die Augen der Anwesenden, dann fassungslos die Münder. Die Stimme wuchs, füllte den Saal, riss alle mit nach oben, bis dieser scheinbar gewöhnliche Taxifahrer mit reiner, strahlender Wucht den Spitzenton traf, der alle überwältigte: „Vincerò!“ Der triumphierende Ruf durchdrang den Raum wie der Klang einer Posaune, der hell, kraftvoll und unaufhaltsam in die Höhe stieg – und hinterließ eine so fassbare Ergriffenheit, dass ein Teil der Jury und Zuschauer unweigerlich in Tränen ausbrachen.

Dieser Augenblick rief bei mir Erstaunen und Fragen auf. Was war passiert? Warum haben die Menschen geweint? Was hatte sie so tief bewegt? Ich dachte nach: Die Veranstaltung wurde im britischen Fernsehen ausgestrahlt, wobei der Solo-Gesang der Oper, die Arie, in italienischer Sprache gesungen wurde. Deshalb war anzunehmen, dass die meisten Anwesenden die gesungenen Worte nicht verstehen konnten und auch nicht wussten, dass die Oper von einer eiskalten Prinzessin, die tödliche Rätsel aufgibt, und von einem Prinzen handelt, der es wagt, sein Leben für die Liebe zu riskieren, und bei Sonnenaufgang mit dem leidenschaftlichen Ausruf „Vincerò!“ schwört: Ich werde am Ende siegen! Und trotzdem weinten sie.

Dieses Ereignis war für mich eine länger anhaltende Reflexion wert. Ich habe versucht zu verstehen, was die Menschen so bewegt hatte, dass selbst ihre Tränen nicht mehr zu bremsen waren, und wie die Gelehrten der Wahrheit (Ehl ul-Haqiqa) dieses Ereignis interpretieren würden, die mit Gottes Führung immer eine Perspektive der Weisheit auf die Dinge finden.

Eine Verknüpfung mit den schönen Namen Gottes

Ich erinnerte mich an die schönen Namen Gottes. Den koranischen Aussagen und Überlieferungen des Propheten zufolge hat Gott viele Namen, die schöne Namen Gottes genannt werden. Neunundneunzig dieser Namen sind die bekanntesten, jedoch gibt es über diese hinaus noch viele weitere Namen, die im Koran und in den Hadithen genannt werden. Gott selbst bleibt unbegreiflich, doch Seine schönen Namen dienen als Brücke. Sie machen Sein Wesen durch greifbare Eigenschaften nahbar, erfahrbar.

Diese Namen, die auch als Attribute verstanden werden können, spiegeln sich überall in der Schöpfung wider: Der Regen, der die Erde belebt, zeigt uns den „Allversorger“ (Er-Rezzāq). Wenn wir einander verzeihen, erleben wir Manifestationen des „Allvergebende“ (El-Ghafur). Bei der Geburt des Menschen den „Allbeleber“ (El-Muḥyi) und bei seinem Tod den „Todverursacher“ (El-Mumīt). Diese Namen sind keine abstrakten Titel, sondern Gottes spürbares Wirken in der Schöpfung und dienen zugleich als Hinweise auf den Schöpfer.

Auch in diesem Ereignis der Oper waren die Namen Gottes zu erkennen. Man beachte, dass für viele, ohne die Bedeutung des Gesungenen zu kennen oder zu verstehen, der bloße Gesang ein Widerspiegelungsort der schönen Namen Gottes geworden war. Beim hingebungsvollen Operngesang Potts manifestierten sich viele schöne Namen und erinnerten mich:

durch seinen Gesang und die Melodie an den Schönen (El-Djemīl) und den Allkünstler (Eṣ-Ṣāniʿ), die Quelle aller Schönheit und Ästhetik,

durch seine gefühlvolle musikalische Darbietung und seinen persönlichen Ton an den Formgebenden (El-Muṣawwir) und den Feinfühligen (El-Laṭīf),

durch die Wucht und Gewalt der Stimme des Sängers an den Erhabenen (El-Djelīl) und den Überwältigenden (El-Qahhār),

durch die Erweckung der Gefühle sowie das Sichöffnen der Herzen der Anwesenden, das sich durch ihre Tränen und ihr Lächeln zeigte, an den Ewiglebendigen und zum Leben Erweckenden (El-Ḥayy) und den Liebenden und Allgeliebten (El-Wedūd), den Allöffner (El-Fettāḥ), den Wahrhaftigen (El-Ḥaqq) und viele weitere schöne Namen des erhabenen, überwältigenden Allschöpfers.

All diese schönen Namen manifestierten sich in Potts atemberaubendem und bewegendem Gesang – wenn auch wahrscheinlich nur unbewusst. Das gilt eigentlich für alle Melodien und Musikstücke, nämlich immer dann, wenn Musik im Einklang mit den universellen Werten der Menschheit steht und die Seele, das Gewissen und die Psyche positiv berührt.Mit schönen Musikstücken kann sich das Herz für die Manifestationen von Gottes schönen Namen, für erhabene Trauer und göttliche Begeisterung öffnen und sich von den üblen und unschönen Dingen wie düsterer Trauer und niederen Begierden fernhalten.

Nursis Haltung zur Musik

Bei weiterer Reflexion erinnerte mich dieses Musikereignis an eine Interpretation von Lehrmeister Said Nursi, der die Musik im oben genannten Rahmen verstand:

Eines Tages fuhr einer seiner Schüler diesen großen Denker und Herzensmenschen Said Nursi im Auto, als im Radio Musik ertönte. Besorgt wollte der Schüler das Gerät sofort ausschalten, um die Konzentration des Meisters nicht zu stören. Doch Nursi hielt ihn sanft zurück und bat ihn, die Klänge zuzulassen. Nursi erläuterte, dass man diese Töne mit der auf den Schöpfer hinweisenden Bedeutung hören müsse. In der Ordnung der Melodie erkannte er das Wirken des majestätischen Schöpfer-Künstlers. Für ihn waren die Schwingungen der nicht sichtbaren, aber hörbaren Atomteilchen ein klarer Widerspiegelungsort der göttlichen Namen. An dieser Stelle weckte der Gesang beim Lehrmeister statt weltlicher Vergnügungen eine erhabene Trauer (Ulvî Hüzün), die die Seele direkt zu ihrem Ursprung führte.

Letztlich machte mir diese Erfahrung aus einer neuen Perspektive klar, dass Musik nicht einfach nur Musik ist. Stimmbänder, Atem, Atome in der Luft und im Körper, Melodien, das Gehör, die Gefühle und das Herz sowie viele weitere Dinge um uns herum sind Widerspiegelungsorte der schönen Namen Gottes. Wenn diese Namen auf unser Herz und andere Dinge gespiegelt werden, können sie eine erhabene Wirkung in unserem Innern und für unsere gesamte spirituelle Geisteswelt entfalten.  

Literatur

Said Nursi: Ischarat el-Idjaz, Exegese der Sure El-Baqara, 2:6.

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