Die tiefe Reflexion

Ein unentbehrliches Mittel im Streben nach Vervollkommnung

M. Fethullah Gülen

Die tiefe Reflexion, die die Bedeutung von weitem, tiefem und systematischem Denken über ein beliebiges Thema in sich trägt, ist nach Ansicht der Kenner das Licht des Herzens, die Nahrung der Seele, der Geist des Wissens sowie das Blut, das Leben und der Glanz des islamischen Lebens. Wo die tiefe Reflexion fehlt, verfinstert sich das Herz, die Seele verfällt in Beklemmung, und das islamische Leben erstarrt zur Leblosigkeit. Die tiefe Reflexion ist ein solches Licht im Herzen, dass Gut und Böse, Nutzen und Schaden, Schön und Hässlich durch sie gesehen und erahnt werden.

Das Universum wird dank ihr zu einem lesbaren Buch, und die Verse des Korans erreichen durch sie eine ihnen eigene, besondere Tiefe. Die tiefe Reflexion ist die Leuchte, um aus den Ereignissen Lehren und vielfältige Schlüsse zu ziehen, der goldene Schlüssel zu den Erfahrungen, die Pflanzstätte der Bäume der Wahrheit und der Augapfel des Herzenslichts. Aus diesem Grund sagt der Mensch des Horizonts, der wie in jeder schönen Sache auch in der tiefen Reflexion die Gipfel einnimmt: „Es gibt keinen Gottesdienst, der der tiefen Reflexion gleichkommt. So kommt und betrachtet nachsinnend die Werke der Wohltat und Allmacht des erhabenen Schöpfers! Doch hütet euch davor, über das Wesen des Schöpfers selbst nachzusinnen, denn Er ist ein Thema, das das menschliche Denken übersteigt.“ Mit diesen Worten legt besagter Mensch die Grenzen des Bereichs fest, in dem wir denken können, und mahnt uns bezüglich der Grenzen unserer Kraft, Möglichkeiten und Macht. Um an diesen Umstand zu erinnern, drückt sich der Verfasser des Minhādj treffend aus:

„Über die Wohltaten nachzusinnen, ist die Bedingung dieses Weges. Doch über das Wesen des erhabenen Schöpfers nachzusinnen, ist offenkundige Sünde. Ja, das Denken über Gott ist eine Nichtigkeit; betrachte Ihn sowohl als unmöglich zu erfassen als auch als das bereits Erreichte, das wir nochmals anstreben wollen!“

Reflexion und Koran

Empfiehlt uns nicht ohnehin der edle Koran mit seinem sinngemäßen Vers „Sie denken über die Art und Weise der Schöpfung und Gestaltung der Himmel und der Erde nach“ (3:191) den nützlichsten Weg des Denkens, indem er uns das Buch des Universums, die Art seiner Niederschrift, die Besonderheiten seiner Buchstaben und Wörter, die Ordnung und Harmonie zwischen seinen Sätzen sowie die Festigkeit und Beständigkeit in seiner Gesamtheit vor Augen führt? Ja, sich bei jedem Gedanken, jeder Vorstellung und jedem Verhalten dem Buch der Wahrheit zuzuwenden, zu versuchen, es zu verstehen, das Leben nach dem daraus Verstandenen zu ordnen und zu führen; die göttlichen Geheimnisse im Buch des Kosmos zu entdecken und offenzulegen und mit diesen neuen Entdeckungen und Feststellungen, die für den Menschen in jedem Augenblick eine neue Glaubenstiefe und Farbigkeit spürbar machen, das gesamte Leben auf einem lichterfüllten Weg, der vom Glauben zur Erkenntnis, von der Erkenntnis zur Liebe und von der Liebe zu spirituellen Freuden reicht, in Genuss zu verwandeln und schließlich dem Jenseits und dem göttlichen Wohlgefallen entgegenzuschreiten – dies ist der lichterfüllte Weg, ein vollkommener Mensch zu werden!

Die tiefe Reflexion steht hinsichtlich ihres Forschungsfeldes allen Wissenschaften offen; doch die rationalen Wissenschaften und positiven Erkenntnisse sind für dieses große Ergebnis lediglich eine Einleitung, ein Mittel und ein Weg. Fast alle von ihnen sind in ihrem wahren Inhalt und Wesen auf das Wissen des einzigen Gottes ausgerichtet. Vorausgesetzt natürlich, der menschliche Verstand wurde nicht durch falsche Einflüsse in die Irre geleitet … Ja, das Betrachten und Nachsinnen über das Dasein wie über ein Buch trägt nur dann die erwarteten Früchte und wird nur dann zu einer segensreichen Quelle der Inspiration, wenn man akzeptiert, dass alle Dinge und die ihnen eigenen Merkmale von Gott erschaffen wurden.

Alles ist auf Gott zurückzuführen

Dies ist das Kennzeichen der Helden des herzlichen und geistigen Lebens, die durch Gotteserkenntnis, Gottesliebe und das Gedenken Gottes zur inneren Ruhe gelangt sind und die Abhängigkeit aller Dinge von Gott mit Gewissheit begreifen. Während ein Nachdenken, das am Anfang nicht auf der Grundlage der Rückführung aller Dinge auf den erhabenen Schöpfer systematisiert wurde, sich erst viel später Gott zuwendet und schließlich in Ihm endet, so setzt sich ein Nachdenken, das von Beginn an darauf ausgelegt ist, Schöpfung und Gebot an Ihn zu binden, bis in alle Ewigkeit mit immer neuen Dimensionen fort und erleidet niemals einen Abbruch.

Das heißt, da eine solche tiefe Reflexion mit den Namen „der Erste“ und „der Offenbare“ bei Gott beginnt und sich dann wiederum mit den Namen „der Letzte“ und „der Verborgene“ auf Gott ausrichtet, ist sie nicht endlich, sondern unendlich. Die Ermutigung zu einer solchen Reflexion, deren Ziel bereits zu Beginn festgelegt wurde, ist zugleich eine Wegweisung, die Methoden und Systeme der Naturwissenschaften zu erlernen und anzuwenden, welche versuchen, die Formen und Erscheinungsweisen des Daseins festzustellen.

Ja, da die Himmel und die Erde mit all ihren Teilen und Zusammensetzungen das Eigentum Gottes sind, bedeutet jedes Ereignis, jeder Zustand und jede Ordnung, im Buch des Daseins betrachtet, auch das Lesen der Bestimmungen und der Art des Wirkens des erhabenen Schöpfers im Gesetz der Natur. Der Weg dessen, der dieses Buch gebührend lesen kann und sein Leben nach dem Gelesenen ordnet, wird gewiss der Weg der Rechtleitung und Gottesfurcht sein, sein Ziel das Paradies und sein Trank die Quelle Kewther. Ja, im Gegensatz zu den Gefährten des Unglücks und des Verlusts, die in Achtlosigkeit gegenüber Gott, dem wahren Besitzer der vielfältigen Gaben und farbenfrohen Schönheiten dieser Welt, und unter der Führung des Teufels in den Tälern der Undankbarkeit umherirren, erkennt er den wahren Geber aller Gaben an, unterwirft sich Ihm mit Glauben und Bewusstsein und wandelt unter der Führung von Engeln, Propheten und Wahrhaftigen stets in den Kreisen von Dankbarkeit und Gaben. In denselben Tälern, in denen Massen zugrunde gehen, wird er den Gnadenbeweisen des erhabenen Schöpfers gerecht und verbringt sein Leben wie eine Turteltaube der tiefen Reflexion.

Sollte er einmal stolpern, so verleiht er seiner Gedankenwelt durch das Gedenken Gottes neue Dimensionen; er wechselt von der Vorsorge zur Ergebenheit, von der Besonnenheit zur völligen Hingabe, und dort, wo die Welt den Entfernungen zum Opfer fällt, erreicht er fliegend in den Himmeln sein Ziel … O Gott, mache uns zu jenen, die Deiner gedenken im Stehen, im Sitzen und auf ihren Seiten liegend und die nachsinnen über die Schöpfung der Himmel und der Erde … und schenke Segen und Frieden dem Herrn der Nachsinnenden sowie seiner aufrichtigen Familie.  

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