Zwei Worte, die den Welt Frieden bringen

Die Rolle des Einzelnen für das große Miteinander

Hikmet Işık

Der ehrwürdige Bediüzzaman zitiert in der „Abhandlung über die Geschwisterlichkeit“ (Uhuvvet Risalesi) ein Wort von Hafidh Schirazi:

„Der Frieden und das Wohlergehen in beiden Welten hängen von zwei Dingen ab: einem edelmütigen Umgang mit Freunden und einem versöhnlichen Verhalten gegenüber Feinden.“1

Der Begriff „guter Freund“ sollte hier im weiten Sinne verstanden werden. In diese Kategorie fallen auch Menschen, die als Geschwister, Freunde, Unterstützer, Sympathisanten bezeichnet werden. Es gibt sogar Menschen, die in guten Zeiten an eurer Seite stehen, doch wenn die schwierigen Zeiten anbrechen, erliegen sie ihren Schwächen und kehren euch den Rücken. Selbst in diesen Situationen sollte man lernen, sie zu verdauen, sie geduldig zu ertragen und ihnen mit Nachsicht zu begegnen – und, wie Hafidh Schirazi sagt, die Haltung der Edelmütigkeit beibehalten.

Wie kann man mit feindlich gesinnten umgehen?

Außerdem sollte ein Mensch auch die Fähigkeit entwickeln, mit feindlich gesinnten Menschen umgehen und mit ihnen in Frieden leben zu können.

In einem von Hz. Aischa überlieferten Hadith sagt der Gesandte Gottes (Fsmi):

„Gott hat mir geboten, den Menschen mit Nachsicht und Takt zu begegnen, so wie Er mir geboten hat, die religiösen Pflichten zu erfüllen.“2

Der Prophet (Fsmi) macht hier deutlich, dass die Leitung der Menschen eine ebenso verpflichtende Handlung ist wie das Hauptgebet, das Fasten, die Abgabe der Zekat oder die Pilgerfahrt. Diese Aussage lässt sich auch im Zusammenhang mit dem Prinzip des „Gebietens des Guten und Verbietens des Schlechten“ (El-Emru bi’l-ma’ruf we en-nehyu an el-munkar) verstehen. Eigentlich nennt man das Politik. Auch wenn der Begriff heute stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, bedeutet das ursprünglich aus dem Arabischen stammende Wort siyaset: die Kunst des Regierens und Leitens.

Diese Kunst des Regierens erfordert eine umfassende Kenntnis und Erfahrung. Jemand, der seine Epoche nicht richtig analysieren kann und die Sichtweise der Menschen in seiner Umgebung nicht korrekt einschätzt, wird kaum in der Lage sein, angemessen auf die Umstände zu reagieren oder mit feindselig eingestellten Menschen umzugehen.

Wer sich in der Politik – in der Kunst der Führung – auskennt, macht Nebensächlichkeiten nicht zum Anlass für Auseinandersetzungen. Er kennt jeden Menschen sehr genau – entsprechend seinem Charakter, seinen Fähigkeiten und dem kulturellen Umfeld, in dem er herangewachsen ist – und richtet sein Verhalten danach aus. Selbst wenn ein wilder Strom auf ihn zuströmt, vermag er es, einen neuen Lauf zu öffnen und ihn so von einem schädlichen Weg abzubringen. Mehr noch: Er kann ihn nicht nur unschädlich machen, sondern sogar dazu beitragen, dass er sich in etwas Nützlichem verwandelt, indem er ihn in einem Damm sammelt und anschließend mit der Erde in Kontakt treten lässt.

Die Politik – das heißt: die Kunst der Führung – ist nicht nur eine Angelegenheit, die den Staat betrifft. Sie ist ebenso im Bildungswesen, in der Familie, in den zwischenmenschlichen Beziehungen und in gesellschaftlichen Fragen wirksam. Zweifellos wird es umso schwieriger, Menschen zu führen, je weiter der Kreis wird.

Probleme mit Vernunft und Diplomatie zu lösen und gegenüber Oppositionellen ein richtiges, wohlüberlegtes diplomatisches Geschick zu zeigen, ist das Grundprinzip. Doch Führungspersonen, die nicht über die nötige Ausstattung verfügen und der ihnen anvertrauten Stellung nicht gerecht werden, greifen sogleich zu roher Gewalt und Brutalität und erfüllen weder die Erfordernisse diplomatischen Geschicks noch die des angemessenen Umgangs mit Menschen und Gegebenheiten.

Menschen, die nicht Stufe um Stufe verdient zu ihrer Position aufgestiegen sind, sondern plötzlich auf eine bestimmte Stellung hinaufgesprungen sind bzw. hinaufgehoben wurden, können den Verpflichtungen der Position, die sie innehaben, nicht gerecht werden. Auch wenn sie ein hohes Amt bekleiden, bleiben sie in ihrem Empfinden und Denken weit hinter dem Stand zurück, den sie innehaben. Sie geraten angesichts der Schwierigkeiten, denen sie begegnen, oder angesichts der Ränke und Täuschungsmanöver von Widersachern schnell in Erregung, unterliegen ihren Gefühlen und vermögen nicht einzuschätzen, wann und wie sie handeln sollten.

Aus diesem Grund können sie die Pflichten, die mit der Stellung, die sie innehaben, verbunden sind, nicht in gebührender Weise erfüllen. Jene, die ein höheres Potenzial besitzen, ihrer Stellung gerecht zu werden, sind Menschen, die zunächst kleinere Aufgaben übernehmen und sie mit Erfolg ausführen, im Laufe der Zeit ihre Kompetenz unter Beweis stellen und allmählich heranreifen und aufsteigen. Wo immer sie eingesetzt werden, begehen sie – mit Gottes Erlaubnis – keinen Fehltritt.

Auf krummen Wegen gelangt man nicht zu Gott

Die Aussage des Hafidh von Schiras [, ganz am Anfang des Textes] hat für die Muslime unserer Zeit eine noch größere Bedeutung gewonnen.

In einer Welt, in der Meinungsverschiedenheiten und Konflikte niemals abreißen und in der Gewalt und radikale Haltungen das leuchtende Antlitz des Islams beflecken, besteht ein dringendes Bedürfnis danach, sich wie Mevlânâ, Yunus Emre und Bediuzzaman zu verhalten: dem, der schlägt, nicht mit der Hand vergelten; dem, der schmäht, nicht mit der Zunge erwidern; und dem, der das Herz verletzt, mit Sanftmut und ohne Groll begegnen.

Muslime müssen sich die Kompetenz aneignen, jeglicher Grobheit und jedem Angriff standzuhalten, Schwierigkeiten und Mühsal zu ertragen. Auch wenn in den letzten Jahrhunderten mehrheitlich von Muslimen bewohnte Länder besetzt, ihr Land geraubt, ihre Verwaltungssysteme angetastet und ihre Ressourcen ausgebeutet wurden, darf all dies sie dennoch nicht dazu verleiten, sich reaktiv oder radikal zu verhalten.

Im Bewusstsein der Werte, die sie vertreten, sollten sie die islamische Denkweise auf ihre eigentliche Stellung zurückführen und überall auf der Welt Brücken des Friedens errichten, Inseln der Güte erbauen. In dieser Hinsicht werden heute derart schwerwiegende Fehler begangen!

Einige beginnen eigenmächtig und ohne jede Bindung an den Staat einen sogenannten Unabhängigkeitskampf. Andere nennen es „Dschihad“, wenn sie als Selbstmordattentäter, ohne Rücksicht auf Kinder, Alte oder Frauen, unschuldige Menschen töten. Da keine Einigung darüber erzielt wird, was Gerechtigkeit ist, begibt sich jeder auf seine eigene Suche nach einer vermeintlichen Gerechtigkeit und legt sich seine ganz eigene Form des Kampfes zurecht. Selbst wenn sie Unabhängigkeit und Freiheit anstreben, erreichen sie niemals ihr eigentliches Ziel. Im Gegenteil – das Ergebnis sind Durcheinander und Anarchie.

Groll und Hass werden angefacht, und letztlich wird dadurch der Islamfeindlichkeit ein Nährboden gegeben. Auf solchen krummen und schiefen Wegen kann man die Wahrheit, den Einen Wahrhaftigen, nicht erreichen.

Wie der verehrte Großmeister Bediuzzaman sagt:

Wenn nicht jedes Mittel, das zur Wahrheit führen soll, selbst rechtmäßig ist, und wenn man versucht, ein wahrhaftiges Ziel auf unrechtmäßigen Wegen zu erreichen, dann sind alle Anstrengungen zum Scheitern verurteilt. Obwohl eigentlich auch die Wege, die zur Wahrheit führen, wahr und rechtmäßig sein müssen.

Wenn wir uns die Wahrheit – den Einen Wahrhaftigen – zum Ziel gesetzt, unseren Blick auf die Erhöhung der Botschaft Gottes in den Augen und Herzen der Menschen gerichtet und uns das Zusammenfinden der gesamten Menschheit in einer Atmosphäre der Liebe zum höchsten Ideal gemacht haben, dann müssen wir klar erkennen, dass wir dieses Ziel mit machiavellistischen Gedanken niemals erreichen können.

Einigung auf gemeinsamen Grundwerten

Jene universellen gemeinsamen Grundwerte herauszuarbeiten, auf die sich die Menschheit geeinigt hat, und sich um diese herum zusammenzufinden, stellt – wie zu allen Zeiten – auch heute eine bedeutende Umgangsform dar, der nachgegangen werden sollte.

So wie der Koran in seiner Ansprache an die Besitzer des Buches (ehl el-kitab) zu Wort bringt, sollten auch wir mit den Menschen, die unterschiedliche Empfindungen und Denkweisen haben, gemeinsame Punkte herausarbeiten und „Kommt, lasst uns in diesen Punkten zusammenkommen!“ vorschlagen können.

Eben dies ist eine sehr wichtige Form von Leitung und Umgang, die im Namen des Friedens und der Versöhnung auf Weltebene verfolgt werden sollte.

Im Koran steht:

Sage [zu ihnen, o Gesandter]: „O ihr Besitzer des Buches, kommt herbei zu einem Wort, das uns und euch gemeinsam ist, dass wir niemandem dienen außer Gott und dass wir Ihm keine Teilhaber zur Seite stellen und dass nicht die einen von uns die anderen zu Herren nehmen anstelle von Gott.“ Doch wenn sie sich [immer noch] abwenden, dann sagt: „Bezeugt, dass wir [Gott allein ergebene] Muslime sind.“3

Bediuzzaman, möge Gott mit ihm zufrieden sein, deutet den im edlen Vers vorkommenden Ausdruck „Ehl el-Kitab“ – die Besitzer des Buches – als „Ehl el-Mekteb“, das heißt als Menschen der Schule und Bildung. Demnach wird in diesem Vers darauf hingewiesen, dass die Christen und Juden das ihnen herabgesandte Buch lesen und verstehen – und dass ihnen damit in gewisser Hinsicht eine Form göttlicher Wertschätzung zuteilwird.

Zugleich aber enthält dieser Ausdruck eine ernste Mahnung:

Wenn ihr ein Buch in Händen haltet und es lest, dann solltet ihr euch nicht – wie manch andere – mit bloßem Hörensagen begnügen, sondern euch wie gebildete, verantwortungsbewusste Menschen verhalten.

Im Anschluss daran erklärt der Erhabene Eine, dass man sich um ein gemeinsames Wort versammeln kann, bei dem sich beide Seiten einig sind. Und was ist dieses gemeinsame Wort? Es bedeutet: allein Gott zu dienen.

Der Vers betont diesen Gedanken, ohne irgendjemanden anzuklagen, und richtet den Blick ausschließlich auf den positiven Aspekt der Sache, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Denn je mehr man sich in Einzelheiten verliert, desto eher entstehen Meinungsverschiedenheiten.

Solange es die Möglichkeit gibt, sich bei den grundlegenden Prinzipien (ummuhat el-kitab) zu einigen, ist es nicht richtig, sich in Bezug auf Einzelheiten zu zerstreiten. Es ist natürlich, dass Menschen, die verschiedenen Religionen und Kulturen angehören, in vielen Punkten Schwierigkeiten haben werden, miteinander übereinzukommen.

Doch solange man Themen vermeidet, die zu Streit und Konflikt führen, ist es möglich, sich mit den gemeinsamen Punkten zu verständigen. Daher ist es nicht richtig, dem Gegenüber sofort die eigenen Überzeugungen ins Gesicht zu rufen, ohne seine Gefühle und Gedanken zu berücksichtigen.

Reine Gewissen und gesunde Vernunft widersetzen sich Aufrufen wie dem des Korans nicht. Deshalb ist es von großer Bedeutung, dass Menschen, die eine wichtige Mission vertreten, stets in diesem Sinne handeln. Die Verwirklichung einer geistigen Einheit, die Schaffung einer Einigkeit der Herzen, hängt davon ab.

Eine Festung, die seit Jahren geschädigt ist und Einbruchstellen aufweist, kann man nicht von einem Tag auf den anderen wieder reparieren. Beschädigen ist leicht – doch etwas im Einklang mit seinem ursprünglichen Wesen wiederherzustellen, ist äußerst schwierig.

In unserer Zeit sind die Herzen, die Gewissen und die Vernunft zutiefst verletzt worden; die Zerstörung ist gewaltig. Das Vertrauen der Menschen zueinander ist fast nicht mehr vorhanden. Dieses Vertrauen wiederzugewinnen und zugleich selbst erneut vertrauen zu können – das heißt: eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Menschen einander wieder unbeschwert und vertrauensvoll den Rücken zukehren können –, hängt von ernsthafter, aufrichtiger Anstrengung ab.

Eine Botschaft für die Welt

Wenn ihr glaubt, dass ihr eine Botschaft habt, die es der Welt zu überbringen gilt, dann solltet ihr damit beginnen, euch zuerst mit euren Nächsten und dann Schritt für Schritt nach außen hin mit den anderen Menschen auf Basis gemeinsamer Grundlagen zu verständigen.

Ihr solltet nirgends Anlass zu Problemen geben, euch nicht in weltliche Auseinandersetzungen verwickeln und euch von Themen fernhalten, die zu Streit und Spaltung führen könnten. Denn die Welt sehnt sich nach geschwisterlichem Zusammenleben, nach Teilen, innerer Ruhe und Frieden.  

Anmerkungen

Bediüzzaman, Mektubat, S. 302

Ali el-Müttaqi, Kenzu’l-Ummal, 3/407

Sure Âl ʿImrân, 3:64

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