Innere Erneuerung

Herz und Geist gegenüber weltlichen Bestrebungen priorisieren
Fethullah Gülen

Selbsterneuerung ist die erste Bedingung und das wichtigste Fundament dafür, dauerhaft bestehen zu können. Wer sich nicht rechtzeitig erneuern kann, ist – selbst wenn er stark ist – früher oder später dazu verurteilt, zu schwinden und zu vergehen.

Alles bleibt lebendig und kann seine Existenz nur dadurch fortsetzen, dass es sich erneuert.

Sobald diese Erneuerung jedoch aufhört, bleibt nur noch ein lebloser Körper zurück, dem seine Seele entzogen wurde – und er ist dann dem langsamen Verfall überlassen.

Im Frühling wird die Erde zu einer herrlichen Galerie, in der sich die göttliche Erneuerung aller Dinge in all ihrer Anmut offenbart. Gräser, Bäume und der Boden, der selbst in einem winzigen Teil von sich Millionen von Lebewesen beherbergt …

Geh hinaus und wandere ein wenig unter den Lebewesen, die im Frühling ihre neuen Gewänder anziehen, sich in tausend Stimmen erneuern und weiterentwickeln!

Sieh, wie scheinbar tote, starre Dinge – wie ein großes Orchester, das sich auf seinen Auftritt einstimmt und sich in Farben und Formen harmonisch ordnet – mit bunten Abzeichen und vielfältigen Zierden die Erde von einem Ende zum anderen erneuern und sie in ein Paradies verwandeln. So geben sie uns auf weltweiter Ebene nicht nur ein, sondern tausend- und millionenfache Beispiele gleichzeitiger Erneuerung.

Sieh dir dieses zuckende Lebewesen an – wie es auf dem Weg zum Leben erwachen versucht, Atem zu schnappen!

Sieh dir dieses verwesende Samenkorn an, das seinen Platz einer Hyazinthe überlässt – in welchen Erneuerungswehen es sich windet!

Und diese kleinen Samen, die wie feine Federchen in alle Richtungen verstreut werden, die sich an den Füßen der Insekten festhalten und zu ihren vorgesehenen Keimstätten getragen werden …

Ja, alles wird erneuert. Und jene, die sich nicht erneuern, verfallen, werden Staub und verschwinden für immer, ohne je wieder aufzuerstehen.

Wie alles andere ist auch der Mensch gezwungen, sich zu erneuern.

Staaten und Völker können sich nur in dem Maße weltweiten Verantwortungen stellen und sich der Welt öffnen, in dem sie sich in ihren Gefühlen und Gedanken sowie in ihrem Herzens- und Seelenleben erneuern und verjüngen.

Dies geschieht, indem man dem Wissen Herzenslicht verleiht, der Technik Glauben einhaucht und der Menschheit Botschaften der Wiederauferstehung vermittelt.

Im Gegenteil: Völker und Gesellschaften, die sich nicht erneuern, können sich nicht davor retten, in Unterwerfung zu erstarren und allmählich zerbröckelt zu werden.

Selbsterneuerung ist nicht zu verwechseln mit bloßer Schwärmerei für das Neue und auch nicht mit einer blinden Hingabe an Trends.

Das eine bedeutet nichts anderes, als ein in jeder Hinsicht zerfetztes und zerbrochenes Gebilde oberflächlich mit Farbe zu übertünchen und Risse notdürftig zu kaschieren.

Das andere hingegen gleicht dem Bestreben, eine Gesellschaft mit dem „Lebenselixier“ aus dem Brunnen des Khidr zu tränken und ihr so eine Art Unsterblichkeit zu verleihen.

Echte Erneuerung heißt, die Reinheit der eigenen Wurzeln und des innersten Kerns zu bewahren. Sie besteht darin, die durch das prophetische Vermächtnis geläuterten Werte der Vergangenheit mit den Strömungen des heutigen Denkens und der geistigen Erkenntnis in eine Synthese zu führen. So öffnen sich neue und klarere Horizonte geistiger Reflexion.

Neuerung und Tradition als ein angezogenes Jackett, einen Mantel, einen Frack oder brillantiniertes Haar – also als etwas Oberflächliches und Formales – aufzufassen, ist nichts als Selbsttäuschung. Dies als Erneuerung auszugeben, ist nichts als Illusion und Gauklerkunst.

Sich selbst zu erneuern, ist ein Ereignis, das vollkommen auf der metaphysischen Ebene passiert: eine Wiederbelebung auf geistiger Basis.

Wiederbelebung ist etwas, das aus tiefer Verbundenheit mit den eigenen heiligen Werten und der eigenen geschichtlichen Verantwortung erwächst.

Alles andere verdient den Namen Wiederbelebung nicht!

Echte Erneuerung bedeutet:

– die Entwicklung und Entdeckungen der Wissenschaften und die sich erneuernden Möglichkeiten der Technologie bestmöglich zu nutzen,

– das innere Vergrößerungsglas [unseres Geistes] immer wieder auf das eigene Herz zu richten und Überzeugungen, Gedanken und Vorstellungen zu überprüfen,

– dem Wabenbau der inneren Erkenntnis in unserem Herzen Tag für Tag neue Tropfen hinzuzufügen

– und mehrmals in jedem Augenblick das ganze Universum durch das Prisma unserer Seele gehen zu lassen, um den Verstand in geistiger Anstrengung zu trainieren.

Genau das ist wahre Erneuerung.

Ein Individuum, das auf diesem Weg zur Selbsterneuerung gelangt ist, wird zu einer unvergänglichen, unerschütterlichen Stütze seiner Gesellschaft.

Und eine Gesellschaft, die aus solchen Individuen hervorgeht, wird zu einem tragenden Element im weltweiten sozialen Gleichgewicht.

Doch eine solche Erneuerung, die die ganze Gesellschaft umfassen soll, bedarf zunächst eines Kreises von Menschen, die diese Erneuerung in sich selbst verwirklicht haben.

Eines Kreises von Menschen,

deren Herzen vor Glauben und Hoffnung strahlen,

deren Verstand sich jeden Moment mit unzähligen inneren Analysen flügelschlagend zu höheren geistigen Ebenen erhebt,

deren Augen die Vorstellung „lichter und hoffnungsvoller Tage“ tragen,

eines Kreises, der sich selbst erneuert hat –

der zu den Heiligsten unter den Heiligen zählt.

Darüber hinaus ist es von entscheidender Bedeutung, dass es auch eine Generation von „niveauvollen Nachfolgern“ gibt, die diese Gedanken und Überzeugungen wie eine Fackel in die Zukunft tragen und lebendig halten.

Die Umayyaden, die es nicht schafften, die von ʿUmar ibn ʿAbd ul-ʿAzīz vorgeschlagenen Gedanken der Erneuerung in der gesamten Gesellschaft zu verankern, konnten sich angesichts mächtiger Gegner und heftiger geistiger Strömungen nicht vor dem Untergang retten.

In Erniedrigung und Schmutz lösten sie sich auf und verschwanden.

Ähnliches lässt sich auch über die Abbasiden, die Umayyaden in Andalusien und sogar über die Osmanen nach dem siebzehnten Jahrhundert sagen, die anstelle einer Erneuerung von Geist und Herz eine Politik verfolgten, die verschiedenartigen Neuerungen und den die Seele zersetzenden Paradoxien Tür und Tor öffnete.

Diese großen Staaten, die auf derselben Linie göttlicher Bestimmung dahinschmolzen, suchten in einer Zeit, als sie unter den Schlägen ihrer Gegner ins Wanken gerieten, keine Erneuerung auf der geistigen Ebene, sondern riefen die griechische Gedankenwelt und die lateinische Philosophie zu Hilfe.

Dies führte jedoch zu nichts anderem als dazu, ihren Untergang zu beschleunigen.

Vor allem aber das Bemühen mancher osmanischer Intellektueller, sich im Namen der Erneuerung durch eine Reihe von fragwürdigen Neuerungen selbst lächerlich zu machen, brachte die türkische Gesellschaft völlig von ihrem eigenen Kurs ab und ließ sie zu einem Zerrbild ihrer selbst werden.

Weder die Idee der Neuen Ordnung1 noch das Massaker an den Janitscharen2 noch der von den unreifen „Karbonari“ des Gülhane3 verkündete sultanische Erlass konnten dem Osmanischen Gemeinwesen den Weg zu einer wirklichen Erneuerung ebnen. Es wurde nicht nur nicht ein neuer Weg eingeschlagen – im Gegenteil: Diese Bewegungen trafen die türkische Gesellschaft wie schwere Hämmer, raubten ihr die Lebenskraft und versetzten sie in ein Koma.

Dabei darf man allerdings nicht leugnen, dass es auch einige positive Regungen und Anstrengungen gegeben hat. Doch da diese Bemühungen fast ausnahmslos örtlich begrenzt und von abwehrender Natur waren, vermochten sie die erhoffte „Erneuerung“ nicht herbeizuführen. Ja, man könnte sogar sagen, dass die offen zutage getretenen Störungen und Probleme der türkischen Gesellschaft sich durch diese Strömungen verschlagener und verborgener gemacht und dadurch eine noch gefährlichere Gestalt angenommen haben.

Ja, diese unangebrachten Eingriffe gegen die vielfältigen Störungen und Probleme der Gesellschaft glichen dem Versuch, einem in Krämpfen liegenden Kranken ein Beruhigungsmittel zu geben, um sein Stöhnen zu unterdrücken, oder einen Bruch lediglich mit dem Anlegen eines Leibbands zu behandeln – Maßnahmen also, die nichts anderes bewirkten, als den Patienten vorübergehend zu beruhigen.

Im Grunde war alles, was diese orientierungslosen, geistig toten und betäubten Seelen bisher im Namen der Erneuerung versprochen haben, nichts als eine Täuschung und Irreführung der Massen.

Ach, diese immer und immer wieder getäuschten Massen – ich weiß nicht, ob sie je lernen können, was es heißt, sich im wahren Sinne zu erneuern!  

Anmerkungen

1. Die Neue Ordnung (Nizâm-ı Cedîd) war eine umfassende Reformbewegung des Osmanischen Reiches, die Verwaltung, Militär und Finanzen modernisierte, um Staat und Armee zu stärken.

2. Die Janitscharen waren ein bedeutender Eliteinfanterieorden des Osmanischen Reiches, der über Jahrhunderte militärisch und politisch prägend wirkte. Als ihre Macht zunehmend Reformen erschwerte und wiederholt zu Spannungen führte, löste Sultan Mahmud II. das Korps 1826 im Rahmen einer umfassenden Staats- und Militärerneuerung gewaltsam auf – ein Ereignis, das später als „Vernichtung der Janitscharen“ bezeichnet wurde.

3. Die Formulierung ‚unreife Karbonari des Gülhane‘ bezieht sich auf den sultanischen Reformerlass von 1839, der öffentlich im Gülhane Park verkündet wurde. Er entstand im Umfeld der Tanzimat-Reformer, die Militär, Verwaltung und Recht modernisieren wollten, dabei jedoch gesellschaftliche Akzeptanz und innere Tragfähigkeit unterschätzten. Der Erlass setzte erheblichen Reformdruck und Machtverschiebungen frei, ohne breite Unterstützung zu sichern. Spannungen, Machtkämpfe und ökonomischer Druck verhinderten die erhoffte Stabilisierung des osmanischen Staates. Die formale Autorisierung des Erlasses lag allein beim Sultan.

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