Der Sinn des Lebens
Entdecke die geheimen Fenster in unserem Innersten
Ob das Leben die Mühe des Lebens wert ist oder nicht, hängt in hohem Maße davon ab, ob man den Zweck der Existenz kennt oder nicht. Man kann sogar sagen, dass das Rätsel des Lebens, an das uns unsere Betrachtungen über das Dasein und den Menschen von Zeit zu Zeit erinnern, eher durch Fühlen, Empfinden und Erleben in gewissem Maße sowie behutsam und Schritt für Schritt an Klarheit gewinnt und Gestalt annimmt.
Das Ziel der Schöpfung
Eigentlich ist das erste und allgemeine Ziel der Schöpfung klar. Dieses Ziel besteht darin, im Angesicht der Wirklichkeit von Mensch, Universum und Gott den Horizont des Glaubens, der Erkenntnis und der seelischen Freude zu erreichen und dadurch die Besonderheit des Menschseins zu offenbaren.
Die Verwirklichung eines so großen und umfassenden Plans hängt jedoch ausschließlich von einer systematischen Denkweise und einer disziplinierten Umsetzung1 ab. Ein solch einfacher erster Plan und eine solche erste Bewegung, die für ein detailliertes Denken noch verschlossen ist, bildet den ersten Ring des „rechtschaffenen Kreises“ (fruchtbaren Kreislaufs) von Denken und Umsetzen; danach beginnen viele fruchtbare Kreise, sich zwischen dem heiligen Horizont des Herzens und den Aufgangsorten (Maschriq) der Weisheit des Verstandes zu entfalten.
Der Weg der Erkenntnis und Praxis
Mit der Zeit weitet sich die Umsetzung der Handlungen zu komplexeren Gedanken hin aus, die zu umfassenderen Perspektiven führen, und die Gedanken setzen sich fort, indem sie sich in größere Projekte verwandeln. Der großartigste Lehrmeister, der stärkste Mentor und das deutlichste Merkmal eines solchen Prozesses sind zweifellos:
ein standhafter Glaube,
bewusstes Praktizieren – also das Leben nach den Glaubenswahrheiten
und eine tiefe Selbstreflexion in jeder Handlung.
Eben diesem Umstand ist es zu verdanken, dass sich die überaus verlockenden Strömungen des gesellschaftlichen Lebens, in die sich jedermann in spiritueller Achtlosigkeit und gar mancher in rauschhafter Betäubung hineinziehen lässt, für jene – die diese Qualitäten in sich vereinen – in Observatorien verwandeln, die ihnen die Schau der eigentlichen Bedeutung des Lebens ermöglichen.
Denn sie denken, verwandeln ihre Gedanken in Taten, vertiefen diese durch neue geistige Mühsal und winden sich Tag für Tag in den Geburtswehen [neuer Einsichten]; sie sind nämlich überzeugt, dass nur ein von der Mühsal der Erkenntnis erfüllter Geist wahre Fruchtbarkeit erlangt. Ja, sie sind überzeugt, dass die Gedanken, die im Schoß der Seele heranreifen, umso kraftvoller, schlüssiger und eindrucksvoller sind, je unerbittlicher die Umstände, je unerträglicher die Schmerzen und je bedrückender das heftige Herzklopfen sind.
Das Dasein als Buch und Gnadengabe
In diesem Sinne verbringen sie ihren Alltag mit intellektueller Mühsal2; sie durchkämmen das Dasein Tag für Tag aufs Neue, lesen es bisweilen wie ein Buch, betrachten es andernorts wie eine Ausstellung und sticken ihre gewonnenen Erkenntnisse schließlich Faden für Faden in das Spitzenwerk ihrer Gedanken ein. Tatsächlich stellt die Weisheit, die im Innersten des Buches der Schöpfung liegt, genau dies dar, und der Zweck der Erschaffung des Menschen weist ebenfalls immer darauf hin.
Vor allem aber muss betont werden, dass das Dasein selbst eine bedeutsame Gnadengabe ist, deren Wert unbedingt erkannt werden sollte. Ja, da wir existieren und zusammen mit uns Welten voller Gaben existieren, die uns betreffen, obliegt es uns, diese Gaben zu sammeln, zu würdigen und sie zu Stufen weiterer Gaben zu machen. Daher müssen wir vor allem all unsere Fähigkeiten und Begabungen bis zur höchsten Stufe auf diesem Weg einsetzen und die Stimme unseres Willens als Einladung zum Willen des Allmächtigen vernehmbar machen. Es liegt an uns, eindeutig darzulegen, dass wir Wesen mit freiem Willen sind.
Unsere Verantwortung im Kosmos
Unsere Aufgabe besteht ohnehin darin, innerhalb dieses gewaltigen Stromes des Daseins unseren Platz, unsere Verantwortungen sowie unsere Beziehungen zum Universum und zum Jenseits des Universums zu bedenken und unsere geistige Vernunft zu einer Quelle der Weisheit zu machen, die die verborgenen Werte der Existenz erforscht. Wenn wir dies zu tun vermögen, werden wir uns anders wahrnehmen, anders sehen, tiefer fühlen und schließlich bezeugen, dass sich die Sprache des Seins und der Ereignisse uns erschließt und sie zu uns spricht und mit uns in einen Dialog tritt.
Wenn ich mich nicht irre, ist genau dies der Horizont, der im Namen des wahren Lebens erreicht werden sollte! Wir sind das wichtigste lebendige Schmuckstück des Universums, ja seine Seele, sein Wesen, seine Essenz. Die gesamte Existenz ist nichts anderes als die Entfaltung und Ausdehnung dieser Essenz. Somit lässt sich sagen, dass unsere eigentliche Verantwortung darin liegt, aus dem Blickwinkel, den unsere Stellung uns auferlegt, sämtliche Zeilen und Seiten des Daseins lesend zu deuten, um so das Wirken der Weisheit in den Tiefen unserer Seele zu entfalten.
Geistige Weite und wahre Glückseligkeit
Dabei gilt es, sich von den Wirren des rein physischen Daseins emporzuheben – welches sich äußerlich im Leiden zwischen Geburt und Tod erschöpft –, um in jenen geistigen Weiten, die dem Herz- und Seelenleben verheißen sind, nach göttlichen Widerspiegelungen und geistigen Genüssen zu streben. Tatsächlich ist es wohl genau das, was dieses leidvolle Leben lebenswert macht: in jeder Etappe dieser vergänglichen Reise eine neue Freude zu erreichen und einer anderen Gunst teilhaftig zu werden.
Wem dies gelingt, der ist in jedem Augenblick von immer neuen Widerspiegelungen überaus begeistert und entzückt; wie ein Gedicht oder ein Musikstück, das durch seinen eigenen Rhythmus mitreißend seinem großen Finale entgegenstrebt, eilen diese Seelen voller Begeisterung ihrem Ruhepunkt zu: In jedem Atemzug Genuss und in jedem Schluck tiefste Freude, streben sie unablässig Seiner Gegenwart entgegen.
In der Tat: Wahre Glückseligkeit ist für uns nicht jene äußere Zufriedenheit, die kommt und geht, die fließt und versiegt. Wahrhaftige Glückseligkeit ist für uns jene ewige Glückseligkeit, die aus den Tiefen unserer Seele emporquillt, in der Verbundenheit mit Gott an Tiefe gewinnt und im Paradies ihre Vollendung findet. Wahrlich, dieses Entzücken, das aus unserem Innersten überquillt und Welle um Welle unser gesamtes Dasein umfängt – das ist unsere spirituelle Heiterkeit.
Der Ruf an die neue Generation
Unser Innerstes ist ein Pfad göttlicher Widerspiegelungen3, unser Gewissen ein Jäger der Morgendämmerung, der diese Lichter einzufangen sucht; unser Leben verweilt in steter Lauer, und während unsere Augen am Horizont unserer Zuteilwerdungen selbst die kleinsten Anzeichen mit feierlicher Ehrerbietung als Zuwendungen empfangen, besingen unsere Seelen in fortwährenden Hymnen: „Du hast den Thron meines Herzens betreten, mein Herr, sei willkommen!“ (M. Lütfi) und lassen damit unsere Freude und Begeisterung erklingen.
Wir brauchen Mentoren, die die heutigen Generationen zu solch einem Glauben, solch einem Verständnis, solch einer Deutung und solch einer inneren Freude emporheben.
Die jungen Generationen werden ihre Jugend erst dann wahrhaft auskosten, wenn sie den Helden dieses Horizonts nacheifern und ihr Leben im Einklang mit dessen Zielen und Idealen führen.
An jenen Horizonten, wo ihre Seelen mit dem [Willen des] Unendlichen verschmelzen, werden sie die Auflösung und die Vergänglichkeit des Daseins als eine Form der Ewigkeit selbst empfinden.
Sie werden mit Staunen beobachten, wie ganze Welten in die Sekunden und selbst in das Sechzigstel einer Sekunde ihres Lebens passen; und indem sie im Antlitz eines jeden Dinges eine ganz eigene Färbung der Ewigkeit erblicken, werden sie zu einer besonderen Form des Fortbestehens gelangen und verstehen, dass dieses Leben wahrlich lebenswert ist.
Sie werden verstehen und beobachten, dass alles in ihrem eigenen Seelenhimmel auf- und untergeht; und gleich Reisenden zwischen Galaxien werden sie fortwährend in ihre eigenen Tiefen vordringen, zwischen den Fenstern der Unendlichkeit hin- und herwandern und versuchen, dieses vergängliche Leben in vielen seiner Dimensionen gleichzeitig zu erleben.
Anmerkungen
Der Begriff „aksiyon“ wird in diesem Kontext gezielt mit Begriffen wie „Umsetzung“, „Umsetzung der Handlungen“ oder der „Realisierung von Gedanken“ übersetzt, da er in der Gedankenwelt des Autors untrennbar mit dem Glauben verbunden ist. Diese Interpretation wurzelt in der koranischen Kopplung von „āmanū“ (Glaube) und „ʿamilu-ṣ-ṣāliḥāt“ (rechtschaffenes Handeln), wonach der Glaube erst durch seine tätige Umsetzung in der Welt an Vollkommenheit gewinnt. „Aktion“ ist hiernach keine isolierte Bewegung, sondern die notwendige, aus der inneren Überzeugung hervorgehende Frucht, die den Kreislauf zwischen Geist und Tat schließt.
Spitze (Dantela) – also ein sehr feines, kunstvolles und mühsam gefertigtes Gewebe. Ein Gewebe mit vielen filigranen Zwischenräumen, Mustern und Verknüpfungen. So wie eine Spitze aus unzähligen feinen Fäden besteht, bestehen die Gedanken dieser Menschen aus unzähligen feinen Beobachtungen und Verknüpfungen. Es ist kein „grober Klotz“, sondern ein hochkomplexes geistiges Gebilde.
Widerspiegelung (türk. Tecelli) beschreibt das „Sichtbarwerden, Offenbarwerden und Hervortreten“ göttlicher Lichter im Herzen. Es ist der Zustand, in dem durch göttliche Erkenntnisstrahlen göttliche Geheimnisse offenbart werden („ilâhî sırların ayân olması“). Der Mensch fungiert dabei als der klarste Spiegel(„en mücella bir ayna“), in dem sich Gottes Taten, Namen und Sein widerspiegeln.

