Das Recht der Geschwisterlichkeit und der Altruismus im Glauben

Die Haltung eines idealen Gläubigen

Hikmet Işık

Frage: Die Schwächung der sozialen Beziehungen unter den Menschen macht sich von Tag zu Tag spürbarer, und so laufen auch wir Gefahr, uns allmählich voneinander zu entfernen. Welche Haltung sollte ein idealer Gläubiger angesichts dieser Dynamik einnehmen?

Antwort: Der Koran und die Sunna betonen so nachdrücklich, dass die Gläubigen Geschwister sind und einander beistehen müssen, dass es eigentlich keiner weiteren Worte bedarf. Aus dieser Perspektive ist es völlig undenkbar, dass ein Gläubiger, der der göttlichen Offenbarung von ganzem Herzen verbunden ist, den materiellen und spirituellen Nöten seiner Geschwister gegenüber gleichgültig bleibt; erst recht kann niemals die Rede davon sein, dass er tatenlos zusieht, wie sie zu Boden gehen.

Die eindringliche Mahnung unseres Propheten  „Wer sich nicht der Sorgen der Muslime annimmt, gehört nicht zu ihnen“ bringt diese Wahrheit unmissverständlich zum Ausdruck. Ein wahrer Gläubiger kümmert sich weit mehr um die Probleme seiner Geschwister als um seine eigenen; er teilt ihren Kummer, ihre Sorgen sowie ihr Herzensleid und fühlt all dies als tiefen Schmerz im eigenen Inneren. Er versäumt es nicht, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, reicht den Bedürftigen die Hand, besucht die Kranken, spendet den Trostlosen Trost und ist stets darum bemüht, die seelische Kraft seiner Geschwister zu stärken.

Der Gläubige in der Gesellschaft

Auch der Vergleich unseres Propheten , in dem er die Gläubigen mit den „Bausteinen eines fest ineinandergefügten, sich gegenseitig stützenden Gebäudes“ vergleicht, weist auf ebendiesen Zustand hin.

In einer Epoche, in der wir Spaltungen und inneren Zerrüttungen zum Opfer fallen, besteht mehr denn je ein dringender Bedarf an Menschen, die als verbindender Mörtel für den Aufbau einer gefestigten Gesellschaftsstruktur dienen und die versprengten Teile der Gemeinschaft wieder zusammenführen und vereinen. Dass der Prophet  die Gläubigen als ein „fest ineinandergefügtes, unerschütterliches Bauwerk“ beschrieb, weist uns auf ein Ideal hin, das es zu erreichen gilt. Für jene, die den emotionalen und seelischen Zustand ihrer Geschwister nicht nachempfinden und das Recht der Geschwisterlichkeit missachten, ist die Verwirklichung eines solchen Ziels gänzlich unmöglich. Daher sollte jeder Gläubige danach streben, die eigene Persönlichkeit zu einem lebendigen Baustein dieses Gefüges zu machen, und treu jene Pflichten erfüllen, die die Geschwisterlichkeit lebendig halten.

Es ist für einen Gläubigen undenkbar, nur an sich selbst zu denken und lediglich sein eigenes Leben zu leben. Neben der Bewahrung seiner eigenen Beständigkeit auf dem geraden Weg gehört es zu seiner Verantwortung, auch anderen dabei zu helfen, auf dem geraden Weg zu bleiben. Dieser Verantwortungsbereich erstreckt sich über ein weites Feld: von grundlegenden Glaubensfragen bis hin zu den feinsten Details der Religion. Je nach Situation ist es die Pflicht des Gläubigen, den Herzen mit einem bloßen Lächeln Trost und Zuversicht zu schenken, Menschen mit einem Geschenk glücklich zu machen, Trauer zu teilen oder Hindernisse auf dem Lebensweg für sie zu beseitigen. Auf der anderen Seite muss es zu den wesentlichen Lebensaufgaben eines Gläubigen gehören, Zweifel auszuräumen, falls seine Geschwister bezüglich des Glaubens ins Wanken geraten, nach Lösungen zu suchen, wenn sie an Glaubensschwäche leiden, und jene zu spirituellen Höhen emporzuheben, die wie an die Erde gefesselt feststecken.

Gelebte Nächstenliebe

Genau das ist die Haltung eines idealen Gläubigen: Er ist stets darum bemüht, seiner Umgebung von Nutzen zu sein. Dennoch muss man akzeptieren, dass ein solches Maß an Altruismus den Menschen gegenüber nicht jedermanns Sache ist. Insbesondere in unserer heutigen Zeit, in der Egoismus und Individualismus vorherrschen, ist es schwieriger denn je, den Erfordernissen des Rechts der Geschwisterlichkeit gerecht zu werden. Hierfür bedarf es zuallererst eines felsenfesten Glaubens. Darüber hinaus müssen wir unsere Empathiefähigkeit weiterentwickeln, um die Lage und die Gefühlswelt anderer nachempfinden zu können, und sensibler für die Probleme unserer Geschwister werden. Wenn wir in ihre Gesichter blicken, sollten wir imstande sein, ihre Sorgen zu erahnen und jenen Schmerz zu fühlen, den sie nicht offen aussprechen. Selbst wenn sie sich nicht mitteilen wollen, sollten wir mit der Achtsamkeit und Intuition eines Psychiaters agieren, als würden wir eine Psychoanalyse vollziehen, um Kenntnis von ihren inneren Nöten zu erlangen und die notwendige seelische Therapie einzuleiten. Wie bereits erwähnt: Dies ist wahrlich nicht jedermanns Sache; doch wer dies meistert, ist sowohl in den Augen der Menschen als auch in den Augen des Schöpfers ein wahrer Held.

Ein wahrhaftiger Gläubiger kann kein Leben führen, das nur um das eigene Selbst kreist. Er kann nicht bloß mit seiner eigenen Existenz beschäftigt sein. Er wächst über sich selbst hinaus, teilt die Gefühlswelt anderer und fühlt den Schmerz sowie das Leid ihrer Bedrängnisse tief in seinem eigenen Herzen. Sein Interesse und seine Fürsorge beschränken sich nicht nur auf jene, die denselben Weg wie er beschreiten oder sich derselben Gebetsrichtung zuwenden. Entsprechend der Tiefe seines Glaubens und der Weite seines Herzens öffnet er seine Brust der gesamten Menschheit. Er ist bestrebt, Menschen unterschiedlicher Denkweisen und Auffassungen mit offenen Armen zu empfangen und im Rahmen seiner Möglichkeiten auch deren Nöte zu lindern. Mit den Worten Bediuzzamans blickt er auf die gesamte Existenz mit dem Auge einer „Wiege der Brüderlichkeit“. Folglich betrachtet er alle als seine Geschwister, die mit ihm in derselben Wiege zu denselben Wiegenliedern herangewachsen sind. Daher kann er ihren Sorgen und Problemen gegenüber nicht gleichgültig bleiben. Erst recht, wenn es um den Glauben geht, also darum, den Weg zur ewigen Glückseligkeit zu weisen und die Begegnung mit Gott zu ermöglichen, ist es völlig undenkbar, dass ein Gläubiger dies auf die leichte Schulter nimmt.

Der Horizont der Barmherzigkeit des Gläubigen

Wir dürfen niemanden in unserem Umfeld von unserem Interesse und Beistand ausschließen. Entsprechend dem Grad ihrer Nähe zu uns sollten wir jeder Person die Hand reichen können. Gewiss gilt die größte Unterstützung denjenigen, die uns am nächsten stehen. Danach sollten wir die Menschen allerdings nach der Stufe ihrer Nähe zu uns einordnen und ihnen im Maße unseres Könnens Gutes erweisen. So gebietet der Edle Koran, nachdem er befiehlt, Gott zu dienen und Ihm nichts beizugesellen, an erster Stelle, den Eltern und sodann den Verwandten Gutes zu tun. Danach werden als diejenigen, denen Güte erwiesen werden soll, der Reihe nach genannt: die Waisen, die Bedürftigen, die nahen Nachbarn, die fernen Nachbarn, die nahen Gefährten, die Reisenden und die Sklaven (Sure en-Nisāʾ, 4:36).

Es ist bemerkenswert, dass Kinder in diesem Vers nicht ausdrücklich erwähnt werden, obwohl sie zu den Gruppen gehören, die am meisten auf Hilfe angewiesen sind. Denn Eltern schließen ihre Kinder ohnehin aus einer natürlichen Veranlagung heraus mit Liebe und Mitgefühl in ihre Arme, drücken sie an ihre Brust und kümmern sich um all ihre Belange, indem sie ihren eigenen Schlaf und Komfort opfern. Aus diesem Grund bedarf es keiner zusätzlichen Anspornung. Da hingegen die Wahrscheinlichkeit besteht, dass Kinder ihren Eltern oder Verwandten nicht im gleichen Maße zugetan sind, hat der erhabene Schöpfer es uns zur Pflicht gemacht, ihre Rechte zu wahren und ihnen mit voller Ehrung zu begegnen.

Es ist möglich, auch die Beziehungen zwischen den Gläubigen aus dieser Perspektive heraus zu betrachten. Es gibt Menschen, mit denen man im selben Umfeld herangewachsen und Kind derselben Kultur ist; Menschen, die man kennt und einschätzen kann. Möglicherweise teilt man sogar dieselben Gedanken, dasselbe Ideal und beschreitet denselben Weg. Die Gemeinsamkeiten und Interessen sind zahlreich. Naturgemäß empfindet man diesen Personen gegenüber eine tiefe Verbundenheit sowie Liebe und steht ihnen, wenn nötig, ohne Zögern mit Hilfe und Unterstützung bei. Doch Menschen gegenüber, die man nicht kennt, von denen man nichts weiß oder die eine völlig andere Weltanschauung teilen, dieselbe innige und natürliche Zuneigung zu empfinden, mag nicht leicht sein. Dennoch ist es unsere Pflicht, unserer Willenskraft gerecht zu werden, auch ihnen gegenüber unser Herz weit zu öffnen und das in unserer Macht stehende Gute zu tun.

Insbesondere ist es völlig undenkbar, dass wir den allgemeinen Umständen der Muslime oder Angelegenheiten, die das Schicksal des Islams betreffen, mit Gleichgültigkeit begegnen. Ganz gleich, an welchem Ort der Welt sich eine negative Entwicklung im Zusammenhang mit den Muslimen oder dem Islam ereignet: Unsere Gesichtsfarbe erblasst, uns stockt der Atem, unser Herz krampft sich zusammen, und wir halten sogleich Ausschau danach, ob es etwas gibt, das wir zur Besserung dieser Lage beitragen können. Wir bemühen uns, den Zustand unserer Geschwister zutiefst mitzufühlen und in uns nachzuempfinden. Gleichwohl ist es ein Ausdruck von hochherzigem Streben, den Kreis unseres Beistands und unserer Verantwortung noch weiter zu fassen und jedem die Hand zu reichen, der die gemeinsame Basis des Menschseins teilt, ohne danach zu fragen, ob jemand sich derselben Gebetsrichtung zuwendet oder nicht.

Das im Volk geläufige Sprichwort „Das Feuer brennt nur dort, wo es hinfällt“ mag von der Allgemeinheit akzeptiert sein. Dies ist jedoch eine egoistische Sichtweise, und ein Gläubiger kann eine solche Auffassung niemals gutheißen. Jemand, dessen Herz auch nur ein wenig für die Menschheit geöffnet ist, verbrennt nicht nur an dem Feuer, das das eigene Haus trifft, sondern leidet ebenso unter den Flammen, die in die Heime seiner Umgebung, seiner Freunde und Gefährten stürzen. Was jene vollkommenen Seelen anbelangt, die einen prophetengleichen Charakter in sich tragen und die gesamte Menschheit umarmen: Sie werden von jedem Feuer verzehrt, ganz gleich, wo auf der Welt es auch ausbrechen mag. Aus diesem Grund eilen solch edle Seelen sofort zu Hilfe, wenn in irgendeinem Winkel der Erde eine Katastrophe wie eine Überschwemmung, ein Erdbeben, eine Feuersbrunst oder ein Krieg ausbricht, und setzen alles daran, das Leid im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu lindern. Selbst wenn ihnen rein praktisch die Hände gebunden sein sollten, stehen sie den leidenden Menschen zumindest mit ihren Herzen, ihren Bittgebeten und ihrem tiefen Mitgefühl treu zur Seite.

Unsere eigenen Werte genügen uns

Im Laufe der Geschichte sind verschiedene Strömungen und Philosophien wie der Feminismus, der Humanismus oder der Liberalismus entstanden, um Rechte zu verteidigen, die in bestimmten Epochen verletzt wurden. Manchmal greifen auch wir, geleitet von einer Art Minderwertigkeitskomplex, auf ähnliche Begriffe zurück. Wir versuchen sogar, gewisse religiöse Themen, die von anderen hinterfragt werden, in einer Weise darzustellen, die den aktuellen Kritiken und Einwänden den Wind aus den Segeln nehmen und unsere eigenen Anhänger sowie Sympathisanten beruhigen soll. Dabei ist nichts von alldem vonnöten.

Erstens sind die Tyrannei, die Unterdrückung und die Rechtsverletzungen, die in anderen Gesellschaften stattfanden, in unserer Welt niemals in diesem Ausmaß erlebt worden. Gewiss mag es in bestimmten Phasen vereinzelte Fehlpraktiken gegeben haben, doch im Allgemeinen herrschte in der Gesellschaft eine Atmosphäre des Friedens und der Gerechtigkeit vor. Zweitens hat der Islam den Menschen, ob Frau oder Mann, auf jenen Rang gehoben, der ihm gebührt, und ihm alle Rechte zugestanden, die ihm zustehen. Geht man darüber hinaus, fügt man dem Menschen letztlich nur Unrecht zu. Drittens sind die besagten Ideologien als eine bloße Reaktion auf die in der Geschichte erlebte Unterdrückung und Tyrannei entstanden. Bei solchen Reaktionsbewegungen geht jedoch meist das gesunde Gleichgewicht verloren.

Es besteht daher keinerlei Anlass, in einen Komplex zu verfallen oder eine defensive Haltung einzunehmen. Unsere Aufgabe ist es, uns zu unseren eigenen Werten zu bekennen und die Gebote der Religion wie das Recht der Eltern, die Pflege der Verwandtschaftsbeziehungen, die Geschwisterlichkeit, das Reichen der Hand an Bedürftige und das Spenden im Leben praktisch umzusetzen. Denn der Wert, den der Islam dem Menschen beimisst, die Bedeutung, die er der gegenseitigen Solidarität zuschreibt, und die Rechte, die er jedem Menschen, ob Mann oder Frau, einräumt, liegen weit jenseits dieser Art von Ideologien.

In unserer Gedankenwelt gibt es nicht das Geringste, wofür wir uns schämen müssten. Aus diesem Blickwinkel schenke ich solchen von außen importierten Ideen keine allzu große Beachtung. Im Allgemeinen betrachte ich sie eher als eine Fantasie und empfehle, Abstand von ihnen zu halten. Gleichwohl bringe ich jenen Reden und Schriften, die mit aufrichtiger Absicht verfasst wurden, um Menschen, die diesen Begriffen und Ideen Wert beimessen, gewisse Wahrheiten näherzubringen, selbstverständlich meinen Respekt entgegen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir in der heutigen Welt, in der die Menschen in den Großstädten untergehen, die sozialen Kontakte schwächer werden und die Einsamkeit zunimmt, niemanden seinem eigenen Schicksal überlassen und der Einsamkeit überantworten dürfen. Der Mensch ist von seiner Natur her ein schwaches und unzureichendes Wesen. Seine Kraft und Macht sind begrenzt, seine Sorgen jedoch vielfältig. Aus diesem Grund ist es ihm unmöglich, ohne die Hilfe und den Beistand anderer auf den Beinen zu bleiben. Sollten wir in dieser Angelegenheit nicht das Unsrige tun, werden wir vor Gott zur Rechenschaft gezogen.

Demnach müssen wir uns, beginnend bei unserem engsten Umfeld, nach dem Befinden eines jeden erkundigen, uns seiner Sorgen annehmen und die Menschen nicht der Verlassenheit preisgeben. Wir sollten unsere Umgebung aufmerksam betrachten, voller Weitsicht handeln und aus den Blicken der Menschen, ihren Mienen, den Falten in ihren Gesichtern sowie ihrem Verhalten herauszulesen versuchen, ob sie unter einer Not leiden. Wenn sie der Hilfe bedürfen, müssen wir ihnen zur Seite stehen, ihnen unter die Arme greifen, sie stützen und ihren Leiden Linderung verschaffen. Wir sind dazu verpflichtet, im Rahmen unserer Möglichkeiten für jeden zu sorgen und sowohl unsere Hände als auch unsere Herzen weit geöffnet zu halten. Dies ist gewiss nicht leicht; doch für einen Gläubigen besteht das wahre Heldentum eben darin, diese Schwierigkeit zu meistern. Eine frohe Botschaft sei jenen verkündet, die diese steilen Klippen auf schönste Weise überwinden!  

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