Die Probleme der heutigen Jugend im Fokus
Ein Appell an die Allgemeinheit
M. Fethullah Gülen
Letztendlich zeigt sich: Weder das gänzliche Aufgehen in der Vergangenheit, um über das Alte nachzusinnen und zu klagen, noch der Eifer der Neuerung, um von oben bis unten alles zu zerschlagen, vermag zu helfen. Das Heilmittel liegt in einer neuen Synthese, einer neuen Wiedergeburt, gleich einer tief verwurzelten Platane, deren Zweige bis in den Himmel reichen.
Eine gespaltene Gesellschaft
Wenn von den Problemen der Jugend die Rede ist, zeigt eine Klasse der Bevölkerung kein Interesse und geht achtlos daran vorbei, im Glauben, dass ohnehin nur ein Dutzend Ratschläge aus den seit jeher wiederholten, nutzlosen Reden vorgetragen werden. Ein anderer Teil der Menschen hingegen beginnt, der Sache mit dem Gedanken nachzugehen: „Gibt es wohl etwas Neues?“
Nach Ansicht Ersterer ist die heutige zügellose Jugend eine seltsame Kreatur, bei der weder eine Reihe von gut gemeinten Ratschlägen noch Disziplin nützt. Darüber zu sprechen, sei daher überflüssig und komme dem Erklären des Offensichtlichen gleich. Wenn gegen diese grenzenlos wild gewordene und maßlos aggressive Meute überhaupt etwas unternommen werden soll, so müssen dies gewiss Zwangsmaßnahmen sein. Das heißt: „Ihrem Mund gehört ein Schloss, ihrem Herzen eine Schlinge und ihren Gedanken eine Fessel angelegt. Gerichte, Gefängnisse, Verbannungen, Entbehrungen und hin und wieder einige Zugeständnisse sind die geeignetsten Maßnahmen.“
Die Oberflächlichkeit und Haltlosigkeit solcher Maßnahmen und Lösungsansätze, die an die Urteile eines Richters erinnern, der eigentlich einem Hintergrund des Metzger- oder Kaffeeröster-Handwerks entstammt, liegen auf der Hand. Mit diesen Wegen lassen sich zwar ein vorübergehendes Zur-Vernunft-Kommen, scheinbare Besserungen wie die trügerische Klarheit vor dem Tod und ein Schweigen sowie eine Stille erzielen, die in ihrem Gefolge tausend Plagen und tausend Katastrophen mit sich bringen; doch niemals können Beständigkeit und innere Ruhe erlangt werden.
Zweitere hingegen sind von einer grenzenlosen Mutlosigkeit und einer unendlichen Unruhe erfasst; doch sie sind nicht hoffnungslos. Sie glauben an den Nutzen von gut gemeinten Ratschlägen zur rechten Zeit und Disziplin zur rechten Zeit. Allerdings überwiegt bei ihnen stets der Gedanke, dass „der Sieg über die Zivilisierten durch Überzeugung“ zu erringen ist. Diese Menschen verfolgen alles, was mit der Besserung der Jugend zusammenhängt, mit Neugier; sie lesen jede Schrift und begegnen jeder Ansicht mit Respekt. Im Gegensatz zu Ersteren, die alles von außen erwarten und angesichts jedes Ereignisses Gleichgültigkeit und Unbekümmertheit an den Tag legen, besitzen Zweitere die Fähigkeit zur Tat, sind kühn und voller tiefem Mitgefühl.
Zudem gibt es die Massen außerhalb dieser beiden Gruppen, die sich wie ein Pendel stets durch äußere Impulse bewegen und unter externem Druck in Ebbe und Flut geraten. Welche Front auch immer zuerst eine öffentliche Meinung bildet – die Massen neigen sich dieser Seite zu.
Das gesellschaftliche Bild war von gestern bis heute stets so beschaffen. Die Veränderung vollzog sich gänzlich in äußerlichen und quantitativen Dimensionen.
Die soziale Ohnmacht einer Nation
In jenen ersten Tagen, als unsere sozialen Normen und Traditionen sowie unser nationaler Geist und unsere Werte von Grund auf erschüttert wurden, war die Situation nicht anders als heute. Entweder blieb man den Geschehnissen gegenüber ebenso gleichgültig, oder man suchte – wie dargelegt – Trost in vorübergehend schmerzlindernden Mitteln.
Doch damals mangelte es uns an wahren Denkern und Mitleidenden, die dies sehen, erkennen, eine Diagnose stellen und zur Behandlung übergehen konnten. In den Tagen, als Pierre Loti mit „Die Entzauberten“ (Les Désenchantées) erstmals den Finger auf unsere Erschütterung und unseren Verfall legte und zum Ausdruck brachte, dass das türkische Haus und die türkische Frau Schlag auf Schlag in sich zusammenbrachen, brannten wir vor Sehnsucht nach westlicher Moral und Auffassung, ohne den geringsten Makel an ihr zuzulassen.
Geschichtenerzähler jener Epoche wie Hüseyin Rahmi stellten sich unsere Generation als Krakeeler in der Straßenbahn, als Schreihälse in den inneren Stadtvierteln und als lächerlich in den Palästen vor; Dichter wie Halit Ziya hingegen imaginierten sie als seltsame Kreaturen im Gewand europäischer Puppen. Wie seltsam ist es, dass selbst in jener Phase des Untergangs Freund und Feind unsere Frauen und unsere gesamten Traditionen und Umgangsformen als Musterbeispiele der Schönheit anerkannten und ihnen applaudierten. Ach, wie bedauerlich! Während die Persönlichkeitsschwäche, an der wir erkrankt waren, uns dahinschmelzen ließ, hatte es keine Bedeutung mehr, wie uns die anderen wahrnahmen. Weder die positiv-interessierten Blicke der westlichen Welt noch die bewundernden Blicke einer anderen Welt haben uns noch wachrütteln können …
Wir waren an jenem Tag von der Entfremdung, an die wir unser Herz verloren hatten, so berauscht und benommen, dass selbst tausend Unglücke uns nicht zur Besinnung hätten bringen können. Und so kam es auch.
Die Krankheit der Selbstentfremdung, die all unsere Heimstätten von einem Ende zum anderen ergriff, hatte unser wertvolles Volk aller religiösen, nationalen, kulturellen und erblichen Qualitäten beraubt. Sie hatte es farblos und dazu bereit gemacht, jede Gestalt abseits des „Sich-selbst-Seins“ anzunehmen, und es in einen Zustand versetzt, der jenem Gemisch ähnelte, das die Europäer als „Levantiner“ bezeichneten. […]
Die irregeleitete Abkehr von der eigenen Identität
Ein römischer Kaiser sagte einst auf einer Reise über ein durch und durch römisches Dorf, an dem er vorbeikam: „Ich möchte lieber in diesem Dorf der Erste sein als in Rom der Zweite.“ Hätten wir diesen Gedanken doch nur unserem eigenen Volk als Leitfaden und Vorbild nahebringen können … Vielleicht wären wir dann in allem, vom Denken bis zum Handeln, vom gesellschaftlichen Umgang bis hin zu Kleidung und Lebensweise, ganz anders gewesen. Wir hätten wie wir selbst gedacht, wie wir selbst gelebt und wie wir selbst Freude empfunden. Doch wir, die Menschen eines vorbildlichen Landes, vermochten dieses Geheimnis nicht zu erahnen.
Alles, was andere Welten mit tausendundeiner Akrobatik inszenierten, nahmen wir als ein Wunderwerk an, akzeptierten es unbesehen und voreilig. Getäuscht von den anmutigen Gestalten und der glamourösen Garderobe, stürzten wir uns über krumme Pfade in die Spelunken, die den bösen Geistern als Zuflucht dienen. Ach! Was für eine Blindheit, was für eine Taubheit und was für eine Herzlosigkeit war das …
Später wurden dann durch unaufhörliche Assimilationen in zauberhaften und magischen Schlössern sowohl die Heimat als auch die Heimstätten auf den Kopf gestellt. An jeder Ecke hisste ein fremder Gedanke, eine fremde Philosophie ihre Flagge; das nationale Denken hingegen zog sich gänzlich in die Kaserne zurück. Wenn auch nicht in diesem Ausmaß, so ist die Situation heute doch mehr oder weniger die gleiche.
Das ist es, was uns eigentlich nachdenklich stimmt. Ja, weder das gänzliche Aufgehen in der Vergangenheit, um über das Alte nachzusinnen und zu klagen, noch der Eifer der Neuerung, um von oben bis unten alles zu zerschlagen, hat geholfen. Das Heilmittel liegt in einer neuen Synthese, einer neuen Wiedergeburt, gleich einer tief verwurzelten Platane, deren Zweige bis in den Himmel reichen.
Zugunsten einer besseren Zukunft von vergangenen Fehlern lernen
Die Probleme der Jugend gehören zu den vitalen Kernfragen, die eine ganze Nation betreffen. Aus diesem Grund wurde in jeder Epoche bei diesem Thema verweilt, nach Lösungen gesucht und jede mögliche Überlegung dargelegt.
Es ist jedoch gewiss, dass bloßes abstraktes Interesse und tatenloses Nachdenken keinen Nutzen bringen werden. Die Jugend ist die Garantie für die Zukunft einer Nation, der Architekt ihrer kommenden Tage. Eine Gesellschaft, die sich ihr nicht zuwendet und sich nicht um ihre Anliegen sorgt, hat eine dunkle Zukunft vor sich.
Von gestern bis heute wurde die Jugend immer wieder aufgegriffen; sie wurde zum Thema von Zeitungen, Zeitschriften und sogar Büchern. Allerdings zeigt sich, dass man bei den meisten dieser Erörterungen nicht zum eigentlichen Kern der Sache vorgedrungen ist, sondern sich mit oberflächlichen und äußerlichen Ansätzen begnügt hat.
Dabei gehört sie zu jenen Angelegenheiten, die mit einem wahrheitssuchenden Blick betrachtet werden müssen – bei dem es keine Duldung von Vernachlässigung gibt hinsichtlich der Fragen, was, wann und wie gegeben werden soll. Leider wurde dieses ernste Thema, abgesehen von den Bemühungen einiger bedeutender Persönlichkeiten, die man ihrem Wert entsprechend zum Vergessenwerden verurteilen wollte, niemals wirklich aufgegriffen und ernsthaft behandelt.
Mit den Dingen, die die neue Ära bringt und ins Gedächtnis ruft, hegen wir die Hoffnung, dass dieses vitale Thema – innerhalb der dargelegten Maßstäbe – nun endlich einer tiefgehenden Analyse unterzogen wird. Wer die künftige Welt formen möchte, darf nicht gleichgültig bleiben gegenüber den Sorgen einer Jugend, in deren Hände er mit Leib und Seele alles gelegt hat. Bei der Errichtung einer großen, sorglosen und völlig neuen Welt sind Volk und Staat mit all ihren Institutionen dazu verpflichtet, sich diesem überaus sensiblen Punkt zuzuwenden.
Wenn Familie, Schule, Straße und das Publikationswesen mit all seinen Verzweigungen an einem Strang ziehen, ist die Erzielung positiver und solider Ergebnisse gewiss. In Zeiten jedoch, in denen eine oder zwei dieser Komponenten außer Kraft gesetzt sind, bedeutet dies, dass die Jugend in einer durch vielfältige Widersprüche und Gegensätze geprägten Atmosphäre dem inneren Zwiespalt überlassen bleibt.
Wenn Schule und Familie nicht Seite an Seite stehen, wenn das Publikationswesen Schule und Familie nicht unterstützt und die Straße sich nicht auf derselben Linie mit ihnen befindet, ist es vergeblich, dort das Heranwachsen einer stabilen Generation zu erwarten.

