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Veröffentlicht am Februar 20th, 2013 | von Eberhard Muller

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Zwei “Leerstühle” in Weimar

In Weimar stehen am Beethoven-Platz zwei leere Stühle aus Stein. Sie warten darauf, besetzt zu werden. Aber so einfach ist das nicht. Sie sind etwas hoch. Nicht jeder kann ohne Anstrengung einfach Platz auf ihnen nehmen. Man wird sie also erst einmal von Nahem betrachten. Dabei entdeckt man an der Rückwand des einen Stuhls Schriftzeichen in persischer Sprache. Leider kennen hier nicht viele diese Sprache. Man sagt, sie sei voller Poesie und habe ihre Wurzeln in einer hohen Kultur, besonders wenn ein Dichter darin seine Gedanken formt. Wessen Botschaft ist es, die uns hier erwartet, wer könnte symbolisch hier gesessen haben?

 

Wir finden eine Antwort auf diese Frage, wenn wir uns daran erinnern, dass wenige Schritte entfernt vom Beethoven-Platz Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) sich mit der östlichen Kultur und Dichtung beschäftigt hat (wenn er die Lektüre nicht gerade auf den damals häufigeren Reisen fortgesetzt hat). Da taucht aus der Erinnerung auch gleich der Name Hafis auf. Das ist nicht ein Hafis (also einer von denen, die den Koran auswendig kennen), sondern (in unserer Schreibweise heute) Mohammed Schemseddin (1326-1390), den man in Verehrung den Hafis nannte. Goethe fühlte sich mit ihm verwandt wie mit einem Bruder. Das ist schon erstaunlich, denn er konnte ihn ja nicht persönlich kennen. Hafis lebte über 400 Jahre vor Goethe.

 

Lange Zeit war Feindschaft zwischen unseren Kulturen. Die Kämpfe in Spanien, die Kreuzzüge, die Türken vor Wien, all das hatte auf beiden Seiten Angst und Schrecken verbreitet. Der Koran wurde bei uns als ein Werk des Teufels hingestellt. Man verlor aus dem Bewusstsein, wie viel unsere Kultur dem Osten verdankte: in Mathematik, Naturwissenschaften, Medizin…, obgleich selbst während der kriegerischen Berührungen manche neuere Kunde über die Fronten drang, - das wäre ein eigenes Thema. Aber nun hatten sich die Zeiten geändert. Durch die Aufklärung waren Toleranz und Verständnis erweckt worden. Bei dem Befreiungskrieg gegen Napoleon kämpften Ost und West Seite an Seite. Das hatte auch in Weimar seine Folgen. Goethe schrieb in einem Brief im Januar 1814: ,,Wer durfte wohl vor einigen Jahren verkünden, dass in dem Hörsaale unseres protestantischen Gymnasiums mahometanischer Gottesdienst werde gehalten und die Suren des Korans würden hergemurmelt werden; und doch ist es geschehen, wir haben der baschkirischen Andacht beigewohnt, ihren Mulla geschaut und ihren Prinzen im Theater bewillkommt. - Aus besonderer Gunst hat man mir Bogen und Pfeile verehrt, die ich, zu ewigem Andenken, über meinem Kamin aufhängen werde, sobald Gott diesen lieben Gästen eine glückliche Rückkehr bestimmt hat.“

Goethes Diwan erscheint wie ein bunter orientalischer Teppich, auf dem man fliegend die Erdenschwere überwinden kann, wenn man bereit ist, sich tragen zu lassen.

Nun (1814) kam Goethe die Gedichtsammlung (man nannte eine solche Sammlung Diwan) von Hafis in die Hand. Innerlich war ihm die Welt des Ostens und des Koran schon lange vertraut. Wenn Goethe sich der Religion zuwandte, so tat er das nie im strengen dogmatischen Sinne. Am Christentum störte ihn die Aufspaltung des Göttlichen in die Heilige Dreifaltigkeit. Da fand er den Gottesglauben des Islam sympathischer. 1816 schreibt er sogar: ,,Der Dichter [und er meint damit sich selbst]…lehnt den Verdacht nicht ab. dass er selbst ein Muselman sei.“ Meistens hat er das mit allgemeineren Begriffen umschrieben. Nun findet er, dass Hafis bei aller Gottergebenheit in seiner Dichtung die ganze Welt umfasst und auch Lebensgenuss, Freude und Liebe einschließt. Mit leidenschaftlicher Zustimmung erkennt er die Geistesverwandtschaft und beginnt mit dem zeitlich so Entfernten und doch innerlich Nahen einen Dialog. Symbolisch besteigt er den Stuhl, auf dem er Hafis gegenüber sitzt. Dessen Östlichem Diwan setzt er seinen West-östlichen Diwan zur Seite. Im ‚Buch Hafis‘ führt er ein richtiges Gespräch mit seinem Dichterbruder. – Gleichzeitig beflügelt ihn eine neue Liebe. Unter ‚östlicher Verkleidung‘ treten er selbst als Hatem und die Geliebte (Suleika) in eine Liebesbeziehung, in der die Geliebte (Marianne Willemer) nicht nur Objekt der Anbetung ist, sondern geistesverwandt und ebenbürtig zum poetischen Wortwechsel beiträgt. – So erscheint diese Sammlung wie ein bunter orientalischer Teppich, auf dem man fliegend die Erdenschwere überwinden kann, wenn man bereit ist, sich tragen zu lassen. – Nicht allen ist bekannt, dass Goethes ‚Faust‘, unser deutsches ‚Nationaldrama‘, ohne ganz entscheidende Anregungen aus der Kultur des Ostens gar nicht in dieser Art zu Stande gekommen wäre.

 

Ich bin tief beeindruckt, wie eine unendlich lange fortgesetzte Feindschaft mit der Kraft des Wortes, mit dem Erkennen einer geschwisterlichen Verwandtschaft zwischen großen Persönlichkeiten über Grenzen von Zeiten und Kulturen hinweg überwunden werden kann. Das lässt mich hoffen, auch für unsere Gegenwart. Es wird immer Pessimisten geben. Man spricht vom ‚Kampf der Kulturen‘, der nun ausbrechen werde oder schon im Gange sei. Ich glaube, das ist eine ganz falsche Perspektive. der wir mit aller Kraft entgegen treten sollten.

 

Wir kämpfen heute gegen den Terrorismus. Aber fragen wir eindringend genug nach den Ursachen? Geben wir uns Rechenschaft darüber, inwieweit wir ihn selbst ausgelöst haben? Mit ‚sauberen kleinen‘ Nuklearbomben werden wir das Problem nicht lösen, sondern nur einem Verbrechen ein weiteres hinzufügen. Das wäre eine Perversion unserer gemeinsamen Kultur. Mit den für Rüstung ausgegebenen Geldern würden sich die meisten Probleme dieser Welt bewältigen lassen. Aber das Geld allein genügt nicht! Die Leerstühle müssen dringend besetzt werden, damit die Kraft des Geistes in einer Welt der Gewalt wieder vernehmbar wird.

Ist es eine Anmaßung, wenn ich mich in Gedanken auf den Stuhl Goethes setze?

Nun muss ich mich ein wenig vorstellen und erklären, wie ich dazu gekommen bin, dies zu schreiben. Vor nicht langer Zeit habe ich einen neuen Freund gefunden. Er heißt Helge Paulus und ist Professor für Psychologie in Dortmund. Wir haben über manche Probleme der Gegenwart gesprochen. Er hat mir von der Fontäne erzählt und meinte, dass Ihr Euch vielleicht über einen Brief von mir freuen würdet, denn Weimar und Jena liegen ja im ,Osten‘ Deutschlands, und es gibt Leute, die auch das schon für eine unterschiedliche Kultur halten. Das ist vielleicht kein schlechter Ausgangspunkt, uns in einem etwas breiteren Rahmen zu verständigen. Erstaunlicher ist vielleicht: Ich war in meinem Beruf Biophysiker und habe dieses Fach an der Friedrich Schiller Universität in Jena vertreten, ich kann mich natürlich nicht selber loben; aber es gibt Leute hier, die behaupten, ich sei dadurch nicht zu einem ,Fachidioten‘ verkommen. Jetzt bin ich schon einige Jahre Rentner.

Woher weiß ich von dem, was ich dargestellt habe? Lange Zeit war ich in Jena als Dekan der Biologisch-Pharmazeutischen Fakultät tätig, und das Dekanat liegt im ,Goethe-Haus‘. Es ist das historische Inspektorhaus des Botanischen Gartens. Vor dem Fenster wächst Goethes Ginkgo, der ja auch in poetischer Gestaltung Ost und West und Hatem und Suleika verbindet. Goethe hat diesen Garten gegründet. Von diesem Haus (es ist später nach seinen Plänen umgebaut worden, und er hat in dem Neubau nur noch einmal darin gewohnt) leitete er die Anlage des Gartens nach den damals neusten Erkenntnissen eines ,natürlichen Systems‘ der Pflanzen. Auch zahlreiche andere Aktivitäten der Universität hat er gefördert, daher trägt das Haus heute zu Recht seinen Namen. Wenn in dem alten Haus nachts die Treppen knarrten, war es mir manchmal, als käme er aus seinem Mansardenzimmer (wo er seinerzeit in Jena zuletzt gewohnt hatte) die Treppe herunter und schaute mir schmunzelnd über die Schulter, wie ich unsere ,Erbschaft‘ nun in das bundesdeutsche Hochschulrahmengesetz einpassen würde. Zum Glück gab es hier neben manchen Problemen auch sehr zukunftsträchtige Ereignisse, die ihn gewiss erfreut hätten: Die historische erste Auswahlsitzung der Studienstiftung des deutschen Volkes in den ,neuen Ländern‘ hat hier stattgefunden. Endlich konnten wir mit dieser ideellen und finanziellen Förderung begabten Studenten das Tor zur Welt öffnen.

 Leerstühle müssen dringend besetzt werden, damit die Kraft des Geistes in einer Welt der Gewalt wieder vernehmbar wird.

Aber das alles hätte mir unser Thema nicht so bewusst gemacht, dass ich nun wagen könnte, Euch zu schreiben. Es sind zwei bewunderungswürdige Frauen, denen ich viel verdanke, beide habe ich persönlich kennen gelernt. Zuerst nenne ich Annemarie Schimmel, die wir in unser ,Collegium Europaeum Jenense‘ eingeladen hatten und die uns aus ihrem reichen Schatz völkerverbindender Erfahrung eindrucksvoll berichtet hat. Ihr Vortrag, den sie in unserer Aula gehalten hat, ist auch gedruckt worden. (A. Sch.; Islam und Europa. Kulturelle Brücken; 2002) Ich gedenke ihrer, die nun nicht mehr unter uns ist, in tiefer Ergriffenheit. – Sodann nenne ich mit höchster Bewunderung Katharina Mommsen. Ihr Buch ,Goethe und die arabische Welt‘ (Insel-Verlag, Frankfurt a. M., 1988) gehört wegen seiner Zuverlässigkeit und Klarheit sowie dank seiner wertvollen Anmerkungen zu dem Besten was ich auf diesem Gebiet kenne.

 

Mein Freund hat Erfahrung mit Briefen, sie überspannen Zeiten und Schicksale. (Helge und Christa Paulus; Briefe nach Rom, 2003). In diesem Sinne möchte auch ich diese Gedanken als Brief absenden und Euch mit geschwisterlicher Verbundenheit anreden. Ist es eine Anmaßung, wenn ich mich in Gedanken auf den Stuhl Goethes setze? Es geschieht in der Hoffnung, dass Ihr den Stuhl von Hafis besetzt und wir zu einem Dialog finden. Seid gegrüßt!

Euer

Eberhard Müller

 

 

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