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Veröffentlicht am November 15th, 2013 | von diefontaene

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Horizonte der Seele: Das Metaphysische Denken

Jahrelang wurden die spirituellen oder metaphysischen Dimensionen des Seins – die Horizonte der Seele – auch und gerade von sogenannten muslimischen Intellektuellen als bedeutungslos betrachtet, auf die leichte Schulter genommen oder sogar verschmäht. Unter dem Deckmantel von Begriffen wie Veränderung und Erneuerung pflegten insbesondere einige Modernisten und selbst ernannte Reformisten die Horizonte der Seele sowie alles Metaphysische, das ja den Kern und die Essenz unseres Daseins bildet, zu verachten und zu bekämpfen.

Sie erklärten die Seele zum Feind, obwohl sie doch gar nichts über sie wissen. Denn wer alles aus den physischen Gegebenheiten ableitet und allein auf deren Grundlage Schlüsse zieht, kann sich der Seele, des Metaphysischen und Spirituellen nicht wirklich bewusst sein. Ganz abgesehen von ihrer Unfähigkeit, die Seele und das Spirituelle wahrzunehmen, sind sie nicht einmal in der Lage wie die Positivisten und Rationalisten, die Materie und alles Materielle rational zu erfassen und zu beurteilen. Ihre Vorstellungen und Pläne sind oberflächlich, ihre Schlussfolgerungen und Urteile trivial, und ihr Verhalten ist kindisch und aggressiv. Ihr Verstand stößt an die Grenzen ihrer eigenen Vorstellungskraft, ihre Inspiration ist von Materie vernebelt, und ihre Gedankenwelt ist eindimensional.

Die spirituelle, metaphysische Dimension des Seins hingegen verlangt von uns, über unsere Empfindungen und Instinkte hinauszugehen und zu fernen Horizonten aufzubrechen.

Die spirituelle, metaphysische Dimension des Seins hingegen verlangt von uns, über unsere Empfindungen und Instinkte hinauszugehen und zu fernen Horizonten aufzubrechen. Deshalb wird sie von den Materialisten weder verstanden noch respektiert. Diese kleinkarierten Menschen sind in ihrem Denken auf das beschränkt, was sie selbst wahrnehmen und empfinden können. Sie halten sich für intellektuell, wenn sie die Seele, die Spiritualität und alles Metaphysische ausblenden. Und leider verleiten ihre Parolen – wie zum Beispiel die, dass die Horizonte der Seele und das metaphysische Denken in Europa längst abgeschafft seien – manche schlecht informierten Menschen dazu, ihnen Glauben zu schenken. Ihr Einfluss zeigt vor allem bei abenteuerlustigen und wankelmütigen Gemütern Wirkung.

Allen gegenteiligen Behauptungen und Beteuerungen zum Trotz ist die These, das westliche wissenschaftliche Denken sei der Spiritualität und der Metaphysik gegenüber schon immer wenig aufgeschlossen gewesen, kaum akzeptabel. Auch wenn es der Westen nicht geschafft hat, die Gedankenwelt Platons mit positivistischer und rationalistischer Philosophie zu versöhnen, hat er es doch zumindest immer wieder versucht. Niemand im Westen bezweifelt die Existenz von Denkern wie Pascal und J. Jeans, und niemand dort ächtet Bergsons Intuitivismus. Fakt ist, dass Denker, Gelehrte und Philosophen wie diese im intellektuellen Entwicklungsprozess der westlichen Welt stets eine grundlegende und richtungsweisende Rolle gespielt haben.

Viele Intellektuelle in der muslimischen Welt hingegen lehnen metaphysisches Denken und Spiritualität rundheraus ab. Im Namen gewisser Vorstellungen, die man auf simple Schlagwörter wie Aufklärung, Verwestlichung, Zivilisation, Moderne und Fortschritt reduziert, werden metaphysisches Denken und spirituelles Leben gleichermaßen verunglimpft und herabgewürdigt. Dadurch ist in der Geisteswelt dieser Gesellschaften ein großes Vakuum entstanden.

Wenn ich nun meinerseits von den Horizonten der Seele oder den Horizonten der Hoffnung spreche, meine ich damit Dimensionen, die jenseits der sichtbaren Dimensionen des Seins liegen. Diese Horizonte stehen für das Sein als ein Ganzes, dessen einzelne Teile in einer Wechselbeziehung zueinander stehen. Sie ermöglichen, die Dinge und Ereignisse so wahrzunehmen, wie sie in Wirklichkeit sind. Ohne die Horizonte der Seele sind die Essenz der Schöpfung ebenso wenig fassbar wie die Verbindung der Schöpfung zum Schöpfer und die Verbindung zwischen Schöpfer und Mensch. Wissenschaftsdisziplinen, die ihren Diskurs führen, ohne mit anderen Disziplinen zu interagieren, und eine materialistische Ausprägung der Wissenschaft, die die Schöpfung und das Leben in unzusammenhängende Elemente zerlegt hat, verhindern, die Realitäten der Schöpfung und des Lebens zu erkennen. Sie berauben das Sein seiner Bedeutung und seiner inneren Verbundenheit und präsentieren es stattdessen als Ansammlung einzelner Elemente, die allein aus Materie bestehen.

Man sollte sich immer wieder bewusst machen, dass die Metaphysik die wichtigste Quelle von Wissenschaft, Denken und Kunst, ja sogar von Tugend und Moral ist.

In Wirklichkeit aber führt der einzige Weg zum Verständnis von Leben und Sein über die Wahrnehmung des Seins durch das Prisma des Geistes und des spirituellen Denkens. Wer dies abstreitet, zwingt den Verstand, Dinge zu kommentieren, die außerhalb seines Begriffsvermögens liegen, und zwängt jedes intellektuelle Streben in die enge Schablone der Sinneseindrücke. Dabei wird doch jedem, der den Klängen seines Gewissens und seiner inneren Welt lauscht, sehr schnell klar, dass Sinneseindrücke allein unseren Verstand niemals zufriedenstellen.

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