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Podcast Sein_1

Veröffentlicht am Juni 5th, 2013 | von Nuri Delen

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Die großen Fragen des Seins

 

Schon immer haben sich die Menschen danach gesehnt zu erfahren, wie das Universum entstanden ist und welche Rolle genau wir in unserer unglaublich weiten, aber von Raum und Zeit begrenzten Welt spielen. Lange Zeit ging man davon aus, dass sich die Wissenschaft mit der Frage zu befassen habe, wie die Dinge funktionieren, und Religion bzw. Philosophie mit der Frage nach dem Warum. Inzwischen aber machen eine Reihe von Wissenschaftlern und Theologen geltend, dass die beiden Disziplinen möglicherweise gar nicht so weit auseinanderliegen, wie wir bisher dachten, dass sie miteinander verknüpft sind und mitnichten voneinander isoliert. Einer von ihnen ist Dr. Paul Davies, ein in Großbritannien geborener Kosmologe, theoretischer Physiker und Bestseller-Autor.

Früher drehte sich das Leben der Menschen in einem sehr wörtlichen Sinne um die Sterne.

Paul Davies betreibt interdisziplinäre Forschung in Physik, Kosmologie und Biologie. Er ist der Leiter des Forschungszentrums Beyond an der Arizona State University in den USA. Dieses Zentrum beschäftigt sich mit den sogenannten ‚großen Fragen‘: nach der menschlichen Existenz, nach dem Ursprung unseres Universums und des Lebens, nach der Konsistenz des Bewusstseins oder nach den mathematischen Gesetzen, die dem Universum zugrunde liegen. Paul Davies‘ besonders Interesse gilt der Urknalltheorie, die ja eine der einflussreichsten Theorien unserer Zeit zur Entstehung des Universums ist. Auf Deutsch erschienen sind von ihm unter anderem folgende Bücher: Der kosmische Volltreffer: Warum wir hier sind und das Universum wie für uns geschaffen ist (2008), So baut man eine Zeitmaschine: Eine Gebrauchsanweisung (2004) und Der Plan Gottes. Die Rätsel unserer Existenz und die Wissenschaft (1996).

Frage: Herr Dr. Davies, Sie sind Kosmologe, ein mit Sicherheit sehr spannender Beruf. Aber was verbindet uns gewöhnliche Menschen mit dem Kosmos? Warum sind wir vom Himmel und den Sternen so fasziniert?

Es ist sehr interessant, darüber zu spekulieren, ob sich die Menschheit auf einem in Wolken gehüllten Planeten, ohne jegliches Wissen um die Existenz des Himmels und der Himmelskörpers, anders entwickelt hätte, ob sie vielleicht auch eine ganz andere Gesellschaft hervorgebracht hätte. Ein Blick in die Geschichte jedenfalls zeigt sehr deutlich, dass die Himmelssphären, wie sie damals genannt wurden, eine sehr wichtige Rolle in allen frühen Kulturen spielte. Es gibt Hinweise darauf, dass schon vor Tausenden von Jahren, lange vor der Erfindung von Teleskopen, astronomische Observatorien existierten. Bauwerke wie die Pyramiden oder auch Stonehenge in England sind in gewisser Hinsicht eindeutig als astronomische Monumente einzustufen.

Unser Universum ist wie geschaffen für uns.

Auch die großen Weltreligionen haben alle eine astronomische Komponente. Man denke nur an den Neumond im Islam oder den Stern von Bethlehem im Christentum. [...] Diese Beschäftigung mit dem Himmel oder den Himmelssphären lässt sich bis zu den Anfängen der landwirtschaftlichen Entwicklung zurückverfolgen. Zu jener Zeit wurde es wichtig zu wissen, wann man säen und wann man ernten musste. Damit rückten die verschiedenen Jahreszeiten in den Blickpunkt und so weiter. Wir dürfen davon ausgehen, dass Menschen bereits vor ca. 10.000 Jahren   sehr sorgfältig den Himmel studierten, sich mit den Bewegungen der Himmelskörper vertraut machten und komplizierte mathematische Formeln ersonnen, um sie zu vermessen.

Wie hat sich unsere Faszination vom Kosmos mit der Industrialisierung verändert?

Seit 300 oder 400 Jahren sind sich die meisten Menschen des Kosmos weniger bewusst als zu früheren Zeiten. Wir leben in Städten, die so verschmutzt sind, dass wir das Weltall gar nicht mehr sehen. Oder wir sind so davon in Anspruch genommen, in den Fernseher zu starren und von der Arbeit nach Hause zu fahren, dass wir einfach gar nicht mehr dazu kommen, nach oben zu schauen und diese Welt der Wunder über unseren Köpfen zu betrachten. Wie viele Menschen sind wohl heutzutage noch dazu in der Lage, auch nur die großen Sternbilder zu benennen, wenn sie denn einmal aus ihren Städten herauskommen und in den dunklen Nachthimmel blicken? Folglich spielt die Astronomie im Leben der Menschen keine so große Rolle mehr.

Aber Astronomie und Kosmologie erleben doch gerade ein Comeback. Populärwissenschaftliche Bücher über Raum und Zeit erobern die Bestsellerlisten.

Ich denke, in den 70-er und 80-er Jahren haben sich viele Menschen von der Wissenschaft abgewandt, vielleicht als Reaktion auf den Vietnamkrieg. Die Astronomie aber blieb davon weitgehend unberührt. Sie wurde als eher harmlos wahrgenommen. Niemand musste sich von Astronomen bedroht fühlen, wenn sie mit unverfänglichem Equipment wie Teleskopen Sterne in weiter Entfernung studierten. Und so galt die Erforschung des Universums unverändert als ein unschuldiges, ehrenwertes Unterfangen. Natürlich erfreut sich die Astronomie auch heute noch großer Beliebtheit. Die Menschen lieben es nach wie vor, ins Planetarium zu gehen und Bücher über Astronomie zu lesen, und sie sehen sich  auch gern Sendungen zu astronomischen Themen an. Trotzdem ist es anders als früher, wo sich das Leben der Menschen in einem sehr wörtlichen Sinne wirklich um die Sterne drehte. Diese Zeiten sind vorbei.

Sie sind Kosmologe, aber Ihr Forschungszentrum befasst sich mit einer sehr breiten Palette von Themen. Wäre es daher nicht vielleicht angebrachter, Sie als einen modernen Suchenden alter Prägung zu bezeichnen?

Seit Anbeginn der menschlichen Geschichte suchen die Menschen nach Antworten auf die großen Fragen des Seins: Wie ist das Universum entstanden? Welche Rolle spielt der Mensch im großen kosmischen Plan der Dinge? Wie wird das Universum einmal enden? Woraus setzt  es sich zusammen? Über weite Strecken der Geschichte waren es Priester und Philosophen, die solche Fragen stellten.

Offenbar gab es schon vor Tausenden von Jahren astronomische Observatorien.

Aber weil die Wissenschaft in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte erzielt hat, nehmen inzwischen auch Wissenschaftler diese uralten Fragen des Seins ins Visier. Während meiner beruflichen Tätigkeit habe ich mich mit der Entstehung des Universums und dem Ursprung des Lebens, mit dem Wesen der Zeit und des Bewusstseins sowie mit den Gesetzen befasst, die dem Universum zugrunde liegen. Zwangsläufig betritt man mit diesen Themen ein Territorium, das bis dato fast ausschließlich der Philosophie und der Religion vorbehalten war. Heute aber vermag die Wissenschaft hier durchaus mitzureden.

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