Tschile (selbstgewählte Entbehrung)

Fast jede religiöse oder nicht-religiöse spirituelle Gemeinschaft kennt die selbstgewählte Entbehrung. Im Islam kennt man sie als Tschile, sie wird in der Regel als eine vierzigtägige Isolation verstanden, die dafür da ist, Selbstdisziplin in höchstem Maße zu erreichen. Hauptziel der Tschile ist es, Gott durch strikte Enthaltsamkeit näherzukommen.

Von Fethullah Gülen

Zum Wortfeld von Tschile gehören der Verzicht auf alle (weltlichen) Genüsse und Vergnügungen und das Leid und die Beschwerlichkeiten, die Wahrheitssuchende auf sich nehmen, um die körperlichen Aspekte ihrer Natur zu überwinden. Der Begriff wird auch zur Kennzeichnung eines Zeitraums von mindestens 40 Tagen verwendet, während der sich die Wahrheitssuchenden in die Abgeschiedenheit (ḫalwa) zurückziehen, um sich in strikter Enthaltsamkeit und Selbstdisziplin spirituell zu schulen. In dieser Zeit beschränken sie sich darauf, in Essen, Trinken, Schlafen und Reden das absolute Minimum ihrer körperlichen Bedürfnisse zu stillen. Sie widmen sich ganz der Anbetung, dem Lobpreis Gottes, dem Nachdenken und der Selbstkontrolle. Sie richten ihre Gedanken auf den Tod, ganz als wären sie bereits vor ihrem Tod gestorben. Ihr sinnliches Selbst löst sich auf, und sie erwerben sich das nötige Rüstzeug, um fortan ein neues spirituelles Leben als hingebungsvolle Diener Gottes zu führen.

Derwische verbringen die Zeit der Abgeschiedenheit entweder an einem isolierten Ort in einem Sufiorden oder aber in einem ruhigen Raum zu Hause. In Verbindung mit der Enthaltsamkeit und als ein Hilfsmittel, das der Enthaltsamkeit zugutekommt, stellt das Leiden einen Versuch dar, Gott näherzukommen, eine aktive Erwartungshaltung, Gott im Geist zu begegnen. In der persischen Sprache verwendet man für diese 40-tägige Zeitspanne das Wort Tschile, im Arabischen das Wort Arbaʿīn (vierzig), obwohl sie nicht genau 40 Tage dauern muss. Sie kann manchmal einen Tag dauern, manchmal eine Woche, manchmal einen Monat, manchmal kann es sogar Jahre dauern.

Es kommt sogar vor, dass sich Derwische dazu verpflichtet sehen, ihr ganzes Leben in der selbstgewählten Entbehrung zu verbringen, um die animalische Seite ihres Wesens zu zähmen. In der Entbehrung verbringt er seine ganze Zeit, und lässt seine Türen ständig der Sorge gegenüber geöffnet. Die Wahrheitssuchenden betrachten alle Anstrengungen, die auf dem Weg zu Gott zu schultern sind, als wertvolle Geschenke. Sie lieben ihr Leben umso mehr, je mehr Mühen und Entbehrungen es für sie bereithält; und voller Freude darüber, dass sie ihnen ein bewusstes, auf einer tiefen Ebene empfundenes Leben ermöglichen, heißen sie alle Nöte willkommen. Einige Menschen des Herzens betrachten Unglücke als Gunstbeweise Gottes, die in einem ganz speziellen Gewand daherkommen, und sehnen sie förmlich herbei; sie sagen: „Gibt es nicht noch mehr?“ (Sure Qāf 50:30).

Fuzūlī kleidet seine Gedanken zu diesem Thema in die Stimme des Medjnun1:

 Entziehe den Menschen der Not nie Deine Gnade; lass mich süchtig werden nach mehr und mehr Unglücken.

Mewlana Djelaleddin Rumi vergleicht Leiden und Not mit einem Gast, der Morgen für Morgen an unsere Tür klopft, und fordert uns dazu auf, diesen geschätzten Gast willkommen zu heißen und zu bewirten:

 Alsbald wird sich ein Kummer auf dein Herz legen wie ein geschätzter Gast. Wenn dieser Bote des Leidens dich aufsucht, begrüße ihn wie einen Freund. Er ist dir kein Fremder; du und er, ihr seid einander vertraut.

Den gleichen Gedanken verfolgt auch Ibrahim Haqqi und bringt ihn im Stil seiner Zeit zum Ausdruck:

 Wenn Trauer und Schwermut dein Herz übermannen, erdulde sie und wisse, dass sie gute Bekannte sind. Alles, was dir von der Wahrheit zufließt, akzeptiere mit einem warmen Willkommensgruß. Der Schmerz ist ein Gast, beherberge ihn, auf dass Gott sieht, dass du dich jedem Unglück stellst.

***

Entziehe dich nicht dem Leiden, sei nicht feige, Haqqi; viele Menschen, die auf Gott vertrauen, sind in ihrem Leiden glücklich.

Eschrefoglu Rumi2 rät dazu, dieses Gift so aufzusaugen, als handle es sich um Honig oder Zucker:

 Das ist es, o Eschrefoglu Rumi, was sich für diejenigen, die den Geliebten lieben, geziemt. Um des Freundes willen sollten sie das Gift schlucken, als sei es Zucker.

Es ist also ganz entscheidend, dass wir das Unglück annehmen und alles, was Gott uns zukommen lässt – gut oder schlecht, Glück oder Leid –, mit derselben Zufriedenheit begrüßen. Darüber hinaus gibt es noch einige andere Grundsätze, die Wahrheitssuchende beachten sollten, wenn sie in Abgeschiedenheit an Orten der Entbehrung (tschilehane), selbstgewählte Entbehrung erfahren.

Die selbstgewählte Entbehrung in der Abgeschiedenheit, der man sich für gewöhnlich 40 Tage lang hingibt, ist der direkteste Weg für Reisende zu Gott, um erhabene Ideale zu pflegen; sie ist ein Ort, an dem sich ihre Gefühle und Gedanken nicht trüben und der Horizont ihres Herzens nicht verunreinigt wird; ein Ort, an dem sie auf das Spirituelle fokussiert ihre Betrachtungen über die Welt des Jenseits in Denken und Wahrnehmung vertiefen. Die selbstgewählte Entbehrung ermöglicht ihnen, sich so zu vervollkommnen, dass sie fortan ein Leben am Horizont von Herz und Geist führen können – einer Sphäre, die auch die Geistwesen bewohnen. Nahezu sämtliche von Gott oder auch nicht von Gott gestifteten Religionen und religionsähnlichen spirituellen Systeme verfügen über ähnliche Formen der selbstgewählten Entbehrung; man braucht sie, um die dem menschlichen Geist innewohnenden Kräfte freizulegen. Allerdings werden wir auf jene Aspekte der selbstgewählten Entbehrung, die eher mystischen Bewegungen oder der Parapsychologie zuzuordnen sind, an dieser Stelle nicht weiter eingehen.3

Sufis stützen ihre Betrachtungsweise der selbstgewählten Entbehrung auf die 40 Tage, die der Prophet Moses am Berg Sinai verbrachte, bevor er von Gott angesprochen wurde (siehe 2:51; 7:142). Daneben verweisen sie auch auf die 40 Jahre, die die Kinder Israels als Strafe dafür, dass sie sich dem Kampf verweigerten, und als Vorbereitung auf ihr zukünftiges Leben in der Wüste Sinai ausharren mussten. Im Christentum gibt es die 40-tägige Fastenzeit vor Ostern, die ebenfalls dokumentiert, dass die selbstgewählte Entbehrung in fast allen Religionen und religionsähnlichen Systemen gang und gäbe ist. Darüber hinaus hat auch der Rückzug in eine Moschee in den letzten 10 Tagen des Monats Ramadan (ohne sie zu verlassen) mit dem Ziel, eine tiefere Hingabe an Gott zu erlangen, einen Bezug zur selbstgewählten Entbehrung, der Tschile, selbst wenn er eben nur 10 Tage dauert.

In den Lebenswelten von Muslimen, Christen und Juden und in den unterschiedlichen Denkschulen des Islams besitzen Rückzug und Isolation zur spirituellen Vervollkommnung eine lange Tradition. Im Islam wurde diese Form des Trainings an besonderen Orten der Abgeschiedenheit praktiziert, die Anhänger anderer Religionen besitzen eigene abgeschiedene Orte der Anbetung, welche dem gleichen Zweck dienen.

Derwische werden von ihrem spirituellen Lehrmeister in die Abgeschiedenheit oder an den Ort des selbstgewählten Leidens geführt. Sie leben dort isoliert, essen, trinken, schlafen und sprechen nur das Nötigste und verbringen die Zeit im Gebet. Sie erlegen sich eine strenge Selbstdisziplin und Selbstkontrolle auf und hauchen ihrem Herzen unentwegt Leben ein. Mit ihren Gedanken reisen sie aus ihrer Innenwelt in die Außenwelt und wieder zurück. Sie trachten danach, ihr Leben spirituell zu reinigen, Gott mit ihrem ganzen Wesen zu erspüren und einen Blick durch jene Tür ihres Herzens zu werfen, die sich im Zuge dieses Prozesses öffnet. Sie streben danach, Einheit zu erkennen und zu erfahren, und fürchten sich davor, auch nur das geringste Zeichen jener Widerspiegelungen Gottes zu verpassen, die auf den Hügeln ihres Herzens erscheinen mögen. Mit Seufzern der Bedürftigkeit und Hilflosigkeit bringen sie ihr Bedauern über ihre begrenzte Kapazität und Willenskraft zum Ausdruck, doch spendet ihnen ihr Vertrauen in die unbegrenzte Macht Gottes, der Wahrheit, immer wieder neue Hoffnung. Ganz auf sich selbst zurückgeworfen warten sie darauf, vom Öffnen einer weiteren Tür überrascht zu werden und ihrem Herrn, der alles und jedes sieht, nach Art eines notleidenden Bettlers ihr Herz ausschütten zu dürfen:

 Sei gütig zu mir, o Du mein Sultan, schenke den Bedürftigen und Verzweifelten auch weiterhin Deine Gunst. 

M. Lütfi

Gewiss stände es dem Gütigen und Freigebigen Einen nicht an, Seine Sklaven Seiner Gunst zu berauben! Solange sie in Gotteserkenntnis und Gottesliebe wachsen, wird auch ihre Beziehung zu ihrem wachsamen Herrn immer tiefer, und sie konzentrieren sich völlig darauf, Ihn zu sehen, zu hören, zu erspüren und an Ihn zu denken. Indem sie die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse auf das absolute Minimum reduzieren und sich somit über die körperliche Seite ihrer Natur hinwegsetzen, werden sie in ihren Zuständen und Attributen und in ihrem Wesen zu Vertrauten der Himmelsbewohner und beginnen, die Brisen der Freundschaft zum Allmächtigen zu atmen.  

Anmerkungen

Layla und Medjnun sind in der orientalischen Literatur zwei legendäre Liebende.

Eschrefoglu Abdullah Rumi (gest. 1484) war ein Sufigelehrter und Dichter, der in Iznik, im Nordwesten der heutigen Türkei, lebte. Unterwiesen wurde er in Ankara von Hadji Bayram Weli und in Hama, Syrien, von Huseyn Hamawi. Eschrefoglu Rumi schrieb mehrere Bücher, am bekanntesten ist das Muzakki’n-Nufus [Anm. d. Übers.].

Näheres zum Thema wird in dem Buch Smaragdgrüne Hügel des Herzens behandelt [Anm. d. Red.].

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