Vergiftung der Seele

Für einen Menschen mit spirituellen Bedürfnissen bedeutet die Seele tiefste Gotteserkenntnis. Sie hilft ihm Mensch zu bleiben und ist ihm ein geheimnisvoller Flügel, der ihn fortträgt, weiter und immer weiter. Die höchste Stufe menschlicher Vollkommenheit ist die göttliche Gunstbezeugung, die der Lebendigkeit des Flügels und seiner metaphysischen Spannung versprochen ist. Die Lähmung des Flügels wiederum bedeutet die Lähmung der Spiritualität des Menschen. Wir nennen es kurz und knapp: die Vergiftung der Seele.

Eine vergiftete Seele zu heilen ist ein langwieriger Prozess, in manchen Fällen gar unmöglich. Das Problem? Meist nimmt man keinen Schmerz wahr und verspürt daher auch kein Bedürfnis, einen Arzt zu konsultieren. So stirbt der Mensch im Hinblick auf sein seelisch-spirituelles Leben langsam ab, ohne sich der Gefahr bewusst zu sein, in der er schwebt. Damit nicht genug. Obwohl sein Inneres ohnehin schon die schlimmsten Zerstörungen erleiden musste, fügt er ihm unbewusst weiteren Schaden zu, ohne das bittere Ende auch nur zu erahnen. Er kann es nicht erahnen, denn die Vergiftung der Seele ließ seinen Verstand erblinden. Seine Augen erkennen nicht, wie die Dinge wirklich liegen. Sie können nicht über den bloßen Augenschein hinausblicken. Natürlich nicht, schließlich ist ihr Wahrnehmungssystem gelähmt, ihr spiritueller Flügel gebrochen. Verstand und Urteilsvermögen sind außer Kraft gesetzt, können Geschehnisse nicht mehr richtig einschätzen und zwischen Schwarz und Weiß unterscheiden. Das Gift hat seine Wahrnehmung und seine Urteilsfähigkeit abstumpfen lassen. In dieser Lage sieht der Mensch im Gift das Gegengift, will seinen Durst mit Meerwasser stillen – je mehr er trinkt, umso mehr brennt der Durst in ihm.

Faktoren, die die Seele vergiften, sind so zahlreich wie der Sand am Meer. Schon einer dieser Faktoren genügt, um den Menschen zu entmenschlichen. Kommen mehrere Faktoren zusammen, entsteht eine chronische Erkrankung, für die es keine Heilung gibt – eine unsägliche Verstrickung von abscheulichen Krankheiten! Ganz oben auf der Liste stehen Stolz, Überheblichkeit, Egoismus, Hochmut, Geltungsdrang, Ruhmsucht, Machtgier, Ehrsucht, der Drang, bewundert zu werden, sowie Materialismus, Egozentrik, Eigennutz, Profitgier und die Borniertheit Neureicher. Wer dem zugeneigt ist, offenbart durch sein selbstsüchtiges, narzisstisches, ungezogenes und grobes Verhalten, wie sehr er aus dem seelischen Gleichgewicht geraten ist. Ein solcher Mensch stellt sich allen, ihn von egozentrischen Neigungen reinigenden Wasserfällen entgegen. Sollte ihm Gott nicht eine Extraportion Seiner Gunst erweisen – alle sicheren Ufer, alle offenen Häfen und all die befestigten Dämme würden ihm nichts bedeuten. Stattdessen ergibt er sich in den Sturzbach des Narzissmus, wie einst Nimrod, Schaddad und Amnophis – hinein in die Strudel des Todes. Er ahnt nichts von seinem entsetzlichen Ende und dass man sich seiner mit Abscheu erinnern wird, denn seine Seele ist vergiftet, sein Verstand und seine Urteilsfähigkeit verkommen – spirituell verarmt. Ein Hedonist, der sein Leben von animalischen und irdischen Lüsten getrieben führt. Ein Irregeführter, der Besitztümer und den glitzernden Prunk der Welt für wahre Werte hält. Ein Blinder, der zeitweiligen Genuss und Pomp den ewigen Schönheiten des Jenseits und dem Wohlgefallen Gottes vorzieht. Ein Tauber, ein Herzloser und ein Gefühlloser, der getrieben von animalischer Leidenschaft das Morgen nicht sieht. Ausgehend von einem Vers des Korans könnte man einen solchen Menschen wie folgt beschreiben: Verzaubert von der weiblichen Natur, von angehäuften Besitztümern, von Gold, Silber, Geld, Pferden, Eseln und Vergleichbarem – heute wären das Luxusautos und was diese Welt sonst noch an Glanz und Gloria zu bieten hat. Diese profanen Dinge haben seinen Blick getrübt für die ihm im Jenseits versprochenen schwindelerregenden Schönheiten und das schönen Ende bei Gott.

Solange der Mensch in seinem spirituellen Leben solchen irdischen und fleischlichen Begierden gegenüber anfällig ist, ist der Tod seines Seelenlebens nicht abzuwenden. Solange unser kultiviertes spirituelles Abwehrsystem der Ehrfurcht vor Gott derart gelähmt ist, kann eine solche Person sich selbst nicht im richtigen Licht sehen und den tiefen Grund unseres Daseins als „Krone der Schöpfung“ nicht verstehen. Er kann die schwindelerregende Anatomie des menschlichen Körpers nicht als Index der gesamten Schöpfung begreifen und daher seine Existenz auch nicht in diesem Licht bewerten. Er kann die Beziehung von Dingen und Geschehnissen nicht richtig bestimmen und beginnt sogar damit, im Strudel von Gründen die Lieder der Naturalisten oder unter dem Eindruck der unmöglichsten Hypothesen die Lieder der Materialisten zu summen. Manche geben sich auch einen frommen Anschein, der jedoch im Widerspruch zum wahren Geist der Religion steht – dieses Pro-forma-Muslimsein ist ein Verhalten, das in meinen Augen in seiner Heuchelei noch gefährlicher ist als Irrglaube und Abweichung vom wahren Weg. Dies wäre ein Thema für sich, wir wollen es jedoch bei diesem Fingerzeig belassen.

Aus welchem Grund auch immer: Eine vergiftete Seele wird stets Ungemach und Schmerz erleiden – unentwegt in Sorge um ihren in all den Jahren erworbenen Besitz. Im Bestreben um den Erhalt des Bestandes und der Gier nach Neuem scheut sie keine Kosten und Mühen und erliegt von Zeit zu Zeit dem Irrglauben, sie würde ewig leben und bräuchte sich nicht um Gott und das Jenseits zu kümmern. Wird sie jedoch der Unmöglichkeit dieses Gedankens gewahr, beginnt sie in Todesangst zu schnaufen. In diesem Moment fühlt sie sich in ihrem Lauf des Irrglaubens wie von allerlei Finsternissen umringt. Sie fühlt sich unglücklich, wie es der Koran so wunderbar bildhaft darstellt: „Oder ihre Werke sind wie Schleier aus Finsternis, die ein riesiges, abgrundtiefes Meer bedecken, über dem eine Woge ist, worüber sich noch eine Woge befindet, und darüber ist eine Wolke: Schleier aus Finsternis, übereinander gehäuft, sodass jemand, wenn er seine Hand ausstreckt, sie kaum sehen kann. Für wen auch immer Gott kein Licht bereithält, der hat kein Licht“ (Sure An-Nûr [Das Licht], 24:40). Alles um sich herum nimmt sie wie in diesem Vers beschrieben wahr und wähnt sich im Brunnen der Hölle ob der unentwegt wellenartig über sie hereinbrechenden sorgenvollen Albträume.

Wer seine Seele mit gottlosem und leerem Gerede lähmt, gleicht einem dilettantischen Jäger, der sich im Wald verirrt und nun davor Angst hat, selbst insVisier eines anderen zu geraten. Er zittert am ganzen Leib und spricht sich selbst laut rufend Mut zu. Dass er schon längst Opfer seiner Launen und Emotionen geworden ist, registriert er nicht. Die Türen und Fenster seiner Seele sind allem jenseits des Physischen gegenüber verschlossen. Er versteht weder etwas von den Tiefen der menschlichen Natur, noch nimmt er die melodische Harmonie der 500 Milliarden Galaxien und der 450 Milliarden Sternhaufen in den endlosen Weiten des Universums wahr. Er hat die lodernde Fackel in sich zum Erlöschen gebracht; so bedeutet ihm weder die schwindelerregende Ordnung und Poesie der Dinge und Geschehnisse etwas noch das umfassende Wissen, die beeindruckende Kraft und der klare Wille, die dahinterstehen. Er steckt in einer Spirale der Nichtigkeit und holt er Luft, atmet er das Nichts ein. Er hat seine Seele vergiftet; sein Seh- und Hörvermögen sowie seine Urteilskraft sind gelähmt. Der Koran zeichnet in dem ihm eigenen wundervollen Stil folgendes Bild solcher Menschen: „Sie haben Herzen, mit denen sie nicht versuchen, die innere Bedeutung der Dinge zu erfassen, um die Wahrheit zu begreifen, und sie haben Augen, mit denen sie nicht sehen, und sie haben Ohren, mit denen sie nicht hören. Sie sind wie Herdenvieh (das lediglich seinem Instinkt folgt) – nein, sie sind noch weiter abgeirrt“ (Sure Al-A‘râf, 7:179).

Seit jeher gibt es Menschen wie diese – oder besser gesagt: Personen, die sich den Anschein geben, Menschen zu sein – und es wird sie weiterhin geben. Figuren auf dem Schachbrett des Teufels. Allerdings wird es auch wie in der Vergangenheit nie an Menschen fehlen, die alledem mit strahlendem Antlitz die Stirn bieten, die ihre irdischen Begierden beherrschen und das Animalische zurücklassend sich Leben, Herz und Seele zuwenden. Und wir? Wir sollten über unseren Schatten springen und uns eilends dem Weg der Aufrichtigkeit zuwenden, dem Weg des Wohlgefallens und dem Weg der Sehnsucht nach Wiedervereinigung mit Gott. Die Hinwendung als Mittel zum Erlangen göttlicher Zuwendung ist ein unveränderliches heiliges Prinzip. Wie schön dies der ehrenwerte Muhammed Lütfi Efendi in Worte kleidet:

Liebst du den Herrn, wird Er dich weniger lieben?

Eilst du zu Seinem Wohlgefallen, wird Er es dir nicht geben?

Vergießt du wie Hiob gleich rauschenden Wassern Tränen

Und zerfleischst dich, wird Er sich nicht um dich sorgen?

Möge uns Gott der Gerechte in seiner zarten Güte diese besondere Gnade erweisen.

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