Tedjrīd (Äußere Loslösung)

Tedjrīd bedeutet wörtlich teilen, abstrahieren, schälen, alle Bemühungen einstellen. Im sufischen Kontext kennzeichnet der Begriff den Zustand, in dem sich ein Mensch von allen weltlichen Angelegenheiten zurückzieht und allen sinnlichen oder körperlichen Gelüsten entsagt.

Tedjrīd bedeutet wörtlich teilen, abstrahieren, schälen, alle Bemühungen einstellen. Im sufischen Kontext kennzeichnet der Begriff den Zustand, in dem sich ein Mensch von allen weltlichen Angelegenheiten zurückzieht und allen sinnlichen oder körperlichen Gelüsten entsagt. Er wendet sich von allem außer Gott ab, befreit sich von jeglichem Verlangen nach Wohlstand, Status und Position sowie von allen Erwartungen an diese Welt und richtet sein Herz ganz auf Gott aus, ohne sich irgendetwas davon zu versprechen.

Die Gelehrten verknüpfen die äußere Loslösung mit dem Vers Darum lege deine Sandalen ab (20:12) und interpretieren ihn als eine Aufforderung zur Reinigung des Herzens (des Hauses Gottes) von allen weltlichen und außerweltlichen Betrachtungen und zur Vorbereitung auf den Besuch des Erhabenen Souveräns. Einige gehen noch einen Schritt weiter und betrachten das Ablegen der Sandalen als eine möglichst intensive persönliche Hinwendung zum Licht der Lichter mit vollem Herzen und allen Gefühlen, ohne dabei Raum für etwas anderes zu lassen.

Aus einer anderen Perspektive betrachtet wurde die äußere Loslösung auch als Widerstand gegen alle sinnlichen oder körperlichen Gelüste und Triebe und gegen die Reize der Welt definiert. Eingeweihten, denen es noch nicht gelungen ist, sich von ihren fleischlichen Begierden, von den Reizen der Welt, vom Anhaften des Herzens an etwas anderes als Gott oder von allen weltlichen und außerweltlichen Betrachtungen zu befreien, bleibt der Genuss Seiner Begleitung und der damit verbundenen Freuden verwehrt. Der Autor des Werkes El-Minhadj kommentiert diesen wichtigen Punkt mit folgenden Worten:

Solange ihr euch nicht von sämtlichen anderen Betrachtungen loslöst, werdet ihr nicht in der Lage sein, dem Geliebten in Seinen Privatgemächern zu begegnen.

Ibrahim Haqqi meint dasselbe, wenn er sagt:

Das Herz ist das Haus Gottes. Reinige es von allem, was sich außer Ihm darin befindet, damit der Barmherzige des Nachts in seinen Palast hinabsteigen kann.

Seyyid Scherif zufolge ist unter äußerer Loslösung die Läuterung des Herzens und der tiefsten menschlichen Qualitäten vom Schmutz und Staub des Anhaftens an Sonstiges (alles anderes als Ihn) zu verstehen. Diese Loslösung erfordere, dass Menschen, denen das Schauen Gottes gewährt wurde, auf alles, was sie sehen oder hören, verzichten und dass sie eintauchen in die Lichter der Existenz des Ewigen Zeugens oder in diesen Lichtern aufgehen. Jeder Eingeweihte spüre dies und erfahre den Wert der äußeren Loslösung entsprechend seiner persönlichen Kapazität.

Wenn Eingeweihte zu Beginn ihrer spirituellen Reise das Gefühl haben, dass sich in ihrem Herzen Gotteserkenntnis breit macht, verblasst ihr erworbenes Wissen in Bezug auf Gott und sie erhaschen erste flüchtige Blicke auf die Welt des Verborgenen. In der Folge verlieren sie nach und nach das Interesse an ihren materiellen oder körperlichen Bedürfnissen, ja sogar an der ganzen Welt mit allem, was sie in sich birgt. Sie verwandeln sich in geschliffene Spiegel der Wahrheit oder in Medien, die Gott reflektieren. Diejenigen, denen diese Gunst zuteilwird, sprechen zuweilen mit Fuzuli:

Der Weg der äußeren Loslösung ist ein Haus, das seinen Bewohnern Verzicht und Opferbereitschaft abverlangt; labe dich also nicht an weltlichem Reichtum, und nenne kein Haus dein Eigen.

Oder sie klagen wie Yunus Emre:

Ich habe den einzigartigen, unvergleichlichen Honig gefunden; möge nun kommen, wer will, und mein Dasein plündern.

Gegen Ende ihrer Reise haben sich die Eingeweihten von sämtlichen Betrachtungen hinsichtlich anderer Wesen als Gott gelöst; keine Spur einer anderen Wesenheit als Gott verdunkelt mehr ihren Horizont. Wenn aber jemand, der diesen Grad der äußeren Loslösung realisiert hat, sich weigert, den Prinzipien des Weges des Propheten oder den Geboten der Scharia zu folgen, dann wird er möglicherweise die ‚Realität der Dinge‘ bestreiten – die Tatsache nämlich, dass alles außer Gott in Gottes Namen wurzelt und eine relative Existenz besitzt. Auf dieser Stufe fühlt sich mancher Eingeweihte wie benommen und verliert die Orientierung. Wer aber den Wegweisern und Lichtern des Weges des Propheten folgt, wird die Realität der Dinge erkennen und trotzdem in allem nur Ihn, den Einen, erblicken. Er wird niemand anderen kennen als Ihn und von nichts anderem sprechen. Er wird nur Ihn anrufen und sich unter all den Tausenden von Hinweisen auf eine ‚Morgendämmerung‘ nur zu Ihm hinwenden.

Ahmadi beschreibt diesen Rang seinen Gefühlen vertrauend wie folgt:

Mit allem, was ich habe, gab ich mich diesem Freund hin, sodass ich kein Zuhause mehr besitze: Ich reinigte meine Hände von allen weltlichen Dingen, die ich je mein Eigen nannte; und so blieb mir keine der beiden Welten. Denn Gottes Liebe war über mich gekommen und hatte mich zu mir selbst geführt: Sie hat die Augen meines Herzens geöffnet, mich aufgeschüttelt aus meinem Rausch.

Seine Einheit hat sich vor mir manifestiert, ich sah Ihn mit aller Gewissheit. Der Vielgötterei habe ich abgeschworen, jeder Zweifel wurde mir genommen.

Eingeweihte, die ihre Reise zu Gott vollendet haben, erfahren einen tiefen, unbeschreiblichen Zustand des Genusses, in dem ihr Bemühen um Äußere Loslösung in eine vollständige Loslösung übergegangen ist und sie sich fast selbst verloren haben. Wer diesen Zustand nicht selbst erlebt hat, kann ihn sich kaum vorstellen oder beschreiben, ohne einige Dinge durcheinanderzubringen. Die Beziehung zwischen der Allmächtigen Wahrheit und dem Eingeweihten, dem Er ein so hohes Maß an spiritueller Meisterschaft gewährt, ist ein geheimnisvolles Geschenk der Vertrautheit; ein Geschenk, das Er nur Seinen ausgewählten Dienern zukommen lässt. Dieses Geschenk der Vertrautheit sollte uns mit Hochachtung erfüllen.

O Gott! Zeige uns die Wahrheit als Wahrheit, und ermögliche uns, mit ihr zu leben. Zeige uns auch die Falschheit als Falschheit, und ermögliche uns, dass wir uns von ihr fernhalten.

Segne unseren Lehrmeister Muhammed, den Rechtleiter zur Wahrheit, seine Familie und seine erhabenen und gottesfürchtigen Gefährten!

 

Please follow and like us:

Gefällt Ihnen der Artikel? Dann abonnieren Sie die Fontäne als Print-Ausgabe.

0

Your Cart