Dantes Divina Commedia – eine islamische Inspiration?

Dantes Divina Commedia, die eine Reise des Autors ins Jenseits schildert, ist ein Hauptwerk der abendländischen Literatur. Unser Autor zeigt, dass es ähnliche Darstellungen im Islam gibt. Ließ sich Dante von ihnen inspirieren?

Der Dichter und Philosoph Dante Alighieri gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der italienischen Literatur. Mit seinem Hauptwerk, der Commedia, in dem er erstmals statt Latein die italienische Volkssprache verwendete, legte er ein allegorisches „Kompendium“ der spätmittelalterlichen Jenseitsvorstellung vor. Das Werk wurde in der christlich-theologischen Welt schnell anerkannt, sodass es den Zusatz „divina“, göttlich, erhielt. Noch heute gehört es zum Kanon der Weltliteratur.

Ilija Trojanow beschreibt das Werk in einem TAZ-Artikel wie folgt: „Wenn die europäische Literatur eine Stadt wäre, dann wäre Dantes ‚Divina Commedia‘ die Kathedrale. Beim Eintreten blicken wir bewundernd auf die christlichen Fresken an Wänden und Decke. Die Kerzen- und Deckenleuchter, Medaillons und anderen Verzierungen versetzen uns zurück in die römische Vergangenheit. Von den Porträts in den Nischen beobachtet uns eine Versammlung von Zeitgenossen und Vorfahren. Der Dom der Commedia ist atemberaubend hoch und die Struktur mit ihren drei Flügeln beeindruckend. Ein zeitloses Monument zum geistlichen Ruhm des Christentums, verkündet unser belesener Führer, eine Geschichte darüber, wie die Seele Heilung und Läuterung durch die Reise in die Hölle und den Himmel erfährt. Eine Erzählung, historisch genau und doch allegorisch, vorgetragen von einer Stimme, die zum ersten Mal erklingt, die Stimme des Humanismus, die die Sprache des Alltags verwendet“[i]

Kerzen- und Deckenleuchter, Medaillons und andere Verzierungen… oder die Geschichte, wie eine Seele Heilung und Läuterung durch die Reise in die Hölle und den Himmel erfährt… Ist diese Kathedrale mit all ihren wunderbaren Verzierungen wirklich Dantes Fantasie zu verdanken? Oder hatte er Inspirationsquellen?

Wenn die Divina Commedia auf den Islam zu sprechen kommt, sind meist negative Wertungen im Spiel. So ist die Rede vom Propheten Muhammed und seinem Schwiegersohn Ali, dem vierten Kalifen, die im neunten Graben des achten Höllenkreies, wo sich „Glaubensspalter und Zwietrachtstifter“ befinden, schmoren. Der Prophet und sein Schwiegersohn werden hier auf schreckliche Art und Weise von einem Teufel gefoltert, der ihnen die Glieder abschlägt. Dante war ein Guelfe, ein loyaler Papstanhänger. Die Besetzung Siziliens durch die Fatimiden im 10. und 11. Jahrhundert war für ihn eine offensichtliche Bedrohung. So sah er in Muhammed und Ali, den beiden wichtigsten Persönlichkeiten der schiitischen Fatimiden, Glaubensspalter, die in der christlichen Bevölkerung in Italien Zwietracht sähten. Dagegen werden andere islamische Persönlichkeiten wie Salāhuddin Eyyūbī (Saladdin im Werk Lessings), Ibn Rushd (Averroes) und Ibn Sina (Avicenna), die zwar auch im Limbus verortet werden, aber nicht der Folter unterliegen, durchaus positiv gesehen. Sie sind zwar arme Seelen, die nicht die Ehre hatten, Christus kennenzulernen, aber doch sündenfrei und dürfen daher nicht bestraft werden. Salāhuddin Eyyūbī wird hier zusammen mit Platon und Sokrates erwähnt, die zwar keine Christen, aber dennoch eine große Bereicherung für die Menschheit gewesen seien. So habe sich Salāhuddin Eyyūbī um den Frieden bemüht und Avicenna und Averroes, von denen Dante selbst stark profitierte, hätten Philosophie und Wissenschaft vorangebracht.

Niemand hat vor und nach Dante die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies mit so vielen Details geschildert. Der spanische Orientalist und Priester Miguel Asín Palacios (1871–1944), ein Kenner Gazzalis und Ibn Arabis, entdeckte in seiner 1919 verfassten Schrift La Escatologia Musulmana en la Divina Commedia Parallelen zwischen Dantes Werk und der Himmelsreise des Propheten. Sowohl die Idee der Reise ins Jenseits als auch der Inhalt und die Protagonisten von Dantes Werk seien vom Koran und der Sunna bzw. von den Werken Kitāb el-Isrā und Futuhāt el-Mekkiyye inspiriert.

Im Koran und in der Sunna wird über die Nachtreise und die Himmelfahrt, „Isra und Miradsch“ berichtet. Der Prophet Muhammed sei seelisch und körperlich, und zwar im wachen Zustand, in einer Nacht von Mekka nach Jerusalem gereist und von Jerusalem aus mit seinem Reittier Burāq[ii] in den Himmel aufgestiegen. Das wird als eines der größten Wunder des Propheten angesehen. Der Koran berichtet darüber Folgendes:

„Gepriesen sei Der, Der seinen Diener des Nachts von der unverletzlichen Moschee zur fernsten Moschee führte, deren Umgebung Wir gesegnet haben, um ihm einige von unseren Zeichen zu zeigen. Wahrlich, Er ist der Hörende, der Schauende.“ [17:1]

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[i] http://www.taz.de/!5191619/

[ii] das Reittier, das den Propheten Muhammad während seiner Himmelsreise trug

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