Vom Chaos zur Ordnung (Teil 2)

Die gesamte Schöpfung spiegelt eine faszinierende Ordnung wider. Nur in der Welt des Menschen herrschen oft Anarchie und Chaos, was Konflikte aller Art rund um den Erdball beweisen. Woher stammt diese Unordnung, was hat sie für Folgen und wie ließe sie sich beseitigen?

Die Harmonie zwischen der Schöpfung und den natürlichen Phänomenen ist vorherbestimmt. Die Ordnung unter den Menschen hingegen ist dem freien Willen geschuldet und aus diesem heraus entstanden; ihre Ursprünge liegen vornehmlich in Liebe und Furcht. Der Begriff Ordnung steht für Frieden, Zufriedenheit und soziale Harmonie, aber auch für eine vielversprechende Zukunft. Da es im Chaos weder Frieden noch Harmonie geben kann, verbietet es sich, unter anarchischen Zuständen über die Zukunft oder über Ideenreichtum und Produktivität zu reden.
Nur auf den ersten Blick betrachtet, resultiert Ordnung allein aus Willenskraft und Verstand, ohne dass der Seele dabei eine Rolle spielen würde. Denn ein Verstand, der nicht von der Seele im Zaun gehalten wird, und eine Willenskraft, die es nicht schafft, sich von unheilvollen Neigungen zu lösen und dem Positiven zuzustreben, stehen wohl eher auf Seiten der Anarchie als auf Seiten der Ordnung.
Abgesehen von der Menschheit hat sich die gesamte Schöpfung seit Anbeginn der Welt stets ihre Ordnung bewahrt. Alles, was existiert, spiegelt eine faszinierende Ordnung wider: von den gleichförmigen Bewegungen der Elektronen und Atome bis hin zum erlesenen Aussehen der Blumen, von der Balance und Harmonie des Belebten und des Unbelebten bis hin zu den Sternen, die uns anfunkeln und zuwinken und sich dabei wie ein Gedicht oder eine Emotion aus den Tiefen des Alls direkt in unser Herz zu ergießen scheinen, von den Bedeutungen, die sich in den Blüten, Blättern und Zweigen der Pflanzen und Bäume manifestieren, bis hin zum Leben, das Vitalität ein- und ausatmet. Wenn unser menschliches Gewissen nur einen kurzen prüfenden Blick in das Buch der Schöpfung wirft, so bemerkt es augenblicklich die Ordnung und Harmonie, die von ihm ausströmt, und es wird der bezaubernden Schönheit und ehrfurchtgebietenden kostbaren Essenz aller Dinge gewahr. Dazu bedarf es noch nicht einmal besonderen Feingefühls. Schon ein einigermaßen empfindsames Herz vermag durchaus in jeder Form und jedem Muster, in jeder Farbe, jeder Stimme und jedem Klang ein Gedicht zu vernehmen, in dem die Tonfolgen und Melodien der Unendlichkeit widerhallen – im wohlklingenden, lieblichen Zwitschern der Vögel ebenso wie im schrecklichen, furchteinflößenden Donnerhall; in den farbenprächtigen, kräftigen Verzierungen der Blumen ebenso wie in den geheimnisvollen Lichtern der Sterne und des Himmels. Wissende Menschen wiederum, die ihren Mitmenschen einen Schritt voraus sind, betrachten sehr eingehend, was Physik, Chemie, Biologie und Astrophysik ihnen zu betrachten gestatten: die achtunggebietenden Tiefen des Meeres und seine turmhohen Wellen, die erfrischende Ruhe auf den paradiesischen Lichtungen der Wälder, die würdige Reglosigkeit der Hügel, die unerreichbaren majestätischen Berggipfel, das beständige Kräuseln des fließenden Wassers, das sich zur Unendlichkeit streckende Himmelszelt. All diese Phänomene künden von Ordnung und Harmonie und machen uns darauf aufmerksam, welch vielfältige Bedeutungen dem Geist der Schöpfung innewohnen.
Wenn aber doch alles und jedes von Ordnung durchdrungen ist, woher stammt dann dieses Chaos, das wir auch Störung, Unregelmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit nennen? Chaos und Unmoral sind erst durch den Menschen in die Welt gekommen, weil der Verstand es ablehnte, sich Gott hinzugeben, und weil er nicht dazu in der Lage war, seine Willenskraft zu zügeln und seine Gefühle für das Gute zu entflammen. Unser menschlicher Ehrgeiz kennt unendlich viele Variationen, und wir haben auch viel mehr Schwächen als andere Geschöpfe. Unser Hang zur Zerstörung, unsere Sympathie für das Chaos und unsere Vorliebe für Regellosigkeit manifestieren sich in unterschiedlicher Intensität in allen unseren Schwächen, so auch in Gier, Hass, Bosheit, Gewalttätigkeit und Begierde. Von diesen negativen Einflüssen können sich aber nur diejenigen unter uns befreien, die ihre unheilbringenden Gefühle zu kontrollieren vermögen; diejenigen, die kultiviert, tugendsam und gebildet sind. Um uns selbst zu erlösen, müssen wir unsere menschlichen Gefühle festigen und stärken. Und wir müssen vor unserem Gewissen einen imaginären Gesellschaftsvertrag unterzeichnen, mit dem wir uns verpflichten, bei all unseren Wünschen und Absichten, in all unserem Freud und Leid sowie auch bei der Wahrnehmung all unserer Freiheiten und Rechte stets daran zu denken, dass es auch noch andere Menschen gibt als uns.
Eine Bildung und Erziehung, die die Menschen von der Stufe potentieller Menschen auf die Stufe wahrer Menschen erhebt, muss auf einen metaphysischen Horizont ausgerichtet sein. Sie muss auf jenen Gaben und Talenten basieren, die den Menschen von Gott anvertraut wurden. Unsere Kultur sollte von den Rosen zehren, die in unserer Erde wachsen, und von dem Nektar, der aus den Wurzeln unseres Geistes und unserer Essenz fließt. So können wir verhindern, dass wir eine Gegenreaktion oder Kritik seitens des kollektiven Gewissens heraufbeschwören oder einst von der Geschichte ein schlechtes Zeugnis ausgestellt bekommen. Die Herstellung von Gerechtigkeit in der Gesellschaft sollte gemäß den Umständen und Erfordernissen des jeweiligen Zeitalters erfolgen. Dabei sollten den verschiedenen Schichten und Kreisen der Gesellschaft weitestgehende Rechte und Freiheiten eingeräumt werden; zum einen, damit sie den Staat nicht bekämpfen und dabei an Macht, Autorität, Anerkennung, Würde und Selbstachtung oder nominellem Wert verlieren; und zum anderen, damit sie nicht in einen Teufelskreis geraten und einander mit ihrer gegenseitigen Abneigung schwächen. Was damit gemeint ist, ist mehr als ein Gesellschaftsvertrag auf dem Papier, den die Unterschriften von möglichst vielen Menschen zieren: eine allgemein anerkannte Übereinkunft, deren Rahmen der Respekt vor dem Konzept von Recht und Freiheit und die Liebe zur Wahrheit bilden. Diese Übereinkunft sollte von Menschen getragen werden, die sich den menschlichen Werten ihres Gewissens verpflichtet fühlen.
Die Eckpunkte dieses Vertrags werden definiert von den einzelnen Menschen – von der Wesensart ihres Herzens, der Offenheit ihres Geistes und ihrer Anerkennung der Tatsache, dass ihr Glaube und das, woran sie glauben, fester Bestandteil ihrer Natur oder Veranlagung sind. Insofern entspricht der Vertrag, den ein Mensch vor seinem Gewissen unterzeichnet, dem Grad seiner menschlichen Gefühle. Eine aus reifen Individuen bestehende Gesellschaft, in der das Körperliche mit Hilfe von Herz und Spiritualität überwunden wird, ist eine vorbildliche Gesellschaft. Da sie eine Dimension jener universellen Harmonie darstellt, die die ganze Schöpfung umspannt, darf sie als dauerhaft und vielversprechend erachtet werden.
In der Welt, nach der wir streben, ist der Staat mit dem Kapitän auf der Brücke eines Schiffes zu vergleichen, dessen Besatzung aus Verdiensten, Tugenden und moralischem Empfinden besteht. Die Aufgabe des Kapitäns liegt nun darin, diese Besatzung so gut wie möglich zu dirigieren und für Harmonie und Einigkeit zu sorgen – sowohl unter den Matrosen als auch in ihrer Beziehung zum Kosmos. So versetzt er seine Leute in die Lage, ihren Bestimmungsort und ihre Ziele zu erreichen, ohne dass sie sich von den Wellen der Ereignisse überspülen lassen.
Es ist unmöglich, eine gesunde Gesellschaft und einen vollkommenen Staat aus einer Gemeinschaft hervorzubringen, deren Mitglieder jede Tugend vermissen lassen und sich in den Abgründen der Unmoral wälzen. Und es ist eine Illusion, wenn man sich von Menschen, die in einem Umfeld von Konfusion und Chaos aufwachsen, das von allen Seiten durch Übel bedroht ist, positive Veränderungen für die Zukunft verspricht.
Wer also erwartet, dass von einer Gesellschaft, welche in Trübsal und Agonie verharrt, nutzbringende Schritte zur Verbesserung der Verwaltung oder Sicherheit des Staates unternommen werden, sucht Trost, wo es keinen Trost geben kann; egal welches Etikett man diesen Schritten auch anheften mag oder welche Form sie annehmen mögen. Verwaltung und Staat benötigen ein hohes Ideal, das sie speist und ihnen Leben einhaucht. Rückhalt in der Bevölkerung genießen beide nur dann, wenn sie im Einklang mit diesem Ideal handeln.
Jedes Individuum und jede Gemeinschaft sollte darauf vorbereitet werden und sich bemühen, alle Menschen zum Gipfel zu führen, damit nicht kleinliche persönliche Interessen, Intrigen und Abrechnungen innerhalb einzelner Projekte die Gesamtharmonie beeinträchtigen und damit sich die Individuen nicht wie Wellen im Meer gegenseitig bekämpfen. In Zeiten, als der Geist hoher Ideale, das ganze Leben durchdrang, wurde dieses Ziel so perfekt definiert und verankert, dass jedes Mitglied und jede Gemeinschaft der Gesellschaft als eine Säule der Ordnung fungierte. Damals wurde der Aufstieg zum Gipfel realisiert, ganz als entspräche er dem natürlichen Lauf der Dinge.
Das größte Geschenk der Menschen von heute an die Welt von morgen liegt in der Überarbeitung unseres Wertekonzepts, in der Erneuerung der festen Überzeugung, dass unsere Willenskraft die bestehende Harmonie in der Schöpfung auch in die Welt der Menschen hineinzutragen vermag, und in der Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen den Völkern. Diese Aufgabe – so wichtig sie auch ist – erfordert von uns lediglich, dass wir uns unserer Willenskraft bewusst werden und sie stärken, dass wir vor dem Schöpfer eine von Verantwortung geprägte Haltung einnehmen, dass wir für unsere Gesellschaft Ziele definieren, dass wir uns rechtschaffener, in sich schlüssiger Methoden bedienen und dass wir die Kräfte, die wir in uns tragen, zum Leben erwecken und walten lassen.

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