Wem gehört dieser Körper?

„Mein Körper gehört mir. Also kann ich mit ihm machen, was ich will!“ – So oder ähnlich wird häufig argumentiert. Aber entspricht der erste Satz wirklich den Tatsachen? Und hat der zweite Satz auch dann noch Bestand, wenn sich der erste wissenschaftlich widerlegen lässt?

In den meisten Biologielehrbüchern über den menschlichen Körper wird schon in den ersten Absätzen darauf hingewiesen, dass unser Wille keinen Einfluss auf unsere Lebenserhaltungssysteme besitzt. Bereits unsere Erschaffung im Mutterleib quasi aus dem Nichts heraus können wir nicht willentlich beeinflussen. Ungefähr in der vierten Schwangerschaftswoche unserer Mutter, wenn wir noch ein winziges Stück Fleisch sind, beginnt unser Herz zu schlagen.

Kein Mensch hat ein Mitspracherecht bei der Erschaffung seines Körpers, der Hülle seiner Seele. Selbst auf die Sinne, die unsere Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme steuern, hat unser Wille keinen Zugriff. Das Hungergefühl zum Beispiel unterliegt keineswegs unter Kontrolle; es tritt auf, ob wir es wollen oder nicht, sobald unser Magen leer oder unser Blutzuckerspiegel niedrig ist. Der Hunger ist ein Gefühl, das uns erst alarmiert und dann sogar zwingt zu essen. Sobald es gestillt ist, verschwindet es wieder. Wäre es lediglich ein Warnzeichen, könnten wir es uns besser vom Leib halten; so aber hat es durchaus Macht über uns.

Dieses Abhängigkeitsverhältnis zeigt, dass der Mensch keine Maschine ist, die allein aus Haut, Fleisch und Knochen besteht. Wenn wir uns weigern, auf unser Hungergefühl zu reagieren, kann dies schwerwiegende, ja sogar tödliche Konsequenzen haben. Magersucht etwa ist eine schwere psychische Störung, die zum Hungertod führen kann.

Wir wissen, dass im Gehirn höchst komplizierte Vorgänge ablaufen, aber kontrollieren können wir sie nicht.

Gäbe es keinen Hunger und keinen Appetit, wäre wohl auch niemand daran interessiert zu arbeiten. Unser Hungergefühl ruft uns in Erinnerung, wer uns versorgt. Der Hunger, aber auch all unsere anderen Gefühle sind Gaben, die uns für die Zeit unseres Lebens anvertraut worden sind. Sie erhalten uns am Leben und ermöglichen uns darüber hinaus auch, Leben weiterzugeben. Der Geschlechtstrieb wurde uns eingepflanzt, damit wir eine Familie gründen und Nachkommen haben können, Hungergefühle veranlassen uns dazu, Nahrung zu uns zu nehmen, und Kältegefühle sorgen dafür, dass wir uns angemessen kleiden und nicht erfrieren.

In meinem Dorf hatten wir einen Nachbarn, der nach einem Schlaganfall in seinen Beinen nichts mehr fühlte, keinen Schmerz und keine Berührung, kein heiß und kein kalt. Nichtsdestotrotz litt der Mann unter dem zwanghaften Bedürfnis, seine Pfleger darum zu bitten, ihm die Füße zu wärmen. Einmal umwickelten sie ein heißes Eisen mit einem Tuch und drückten es ihm gegen die Unterseite seiner Füße. Dabei erlitt der Mann schwere Verbrennungen bis auf die Knochen, denn weder er selbst noch die Pfleger bemerkten, wie sich das Eisen tief in die Haut brannte. Die in der Haut liegenden Nervenenden sind für das Erspüren von heiß oder kalt verantwortlich, und die Nervenbahnen, die tief unter der Haut verlaufen, haben die Aufgabe, diese Empfindungen an das Gehirn weiterzuleiten. Weiterlesen

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