Mailo der Elefant

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Nie hatte Yaro einen anderen Wunsch gehegt, als zur Schule zu gehen und Arzt zu werden. Schon als kleines Kind hatte er diesen Wunsch tief in seinem Herzen vergraben, so wie man ein funkelndes Schmuckstück in eine Schatulle legt, und von diesem Ort seither nicht mehr entkommen lassen. Onkel Devran war es gewesen, der ihm den Gedanken in den Kopf gesetzt hatte. Nach einem Kinobesuch hatte er seinen kleinen Neffen auf den Schoß genommen und ihm in lebendiger Sprache alles über Patienten und Ärzte erzählt, was ihm berichtenswert erschien. „Dafür, mein lieber Yaro“, erklärte er anschließend mit erhobenem Zeigefinger, „musst du aber die Schule besuchen. Sonst kannst du niemals ein Arzt werden, der die Menschen heilt.“

Es geschah, dass Yaro ein ganzes Jahr lang die Schule besuchen durfte. Jeden Morgen freute er sich auf den Unterricht, in dem er das Lesen und Rechnen lernte, und nach Schulschluss rannte er munter aufs Feld, um dem Vater und dem Onkel bei der vielen Arbeit zu helfen. Er trug, sammelte, säte und schob, so weit seine Kräfte reichten. Doch die Schulden beim Gutsherrn, die die gesamte Familie seit geraumer Zeit drückten, verringerten sich dadurch nie. Ganz im Gegenteil: Sie schienen sich von Ernte zu Ernte nur zu erhöhen, und keiner konnte etwas dagegen tun. Denn niemand von ihnen beherrschte das Lesen, Schreiben und Rechnen so gut, um die Verträge und Zahlen des Gutsherrn überprüfen zu können. Somit hatte die Familie zumindest genug zu essen und dies bildete ihr einziges Trostpflaster.

Eines Abends, am Ende eines langen Arbeitstags, an dem er eine besonders mühselige Arbeit hatte verrichten müssen, wurde dem Jungen eine große Freude zuteil. Müde saß er in seiner Lieblingsecke, lauschte dem Gezwitscher der Vögel im Garten und stocherte in seinem schon kalt gewordenen Essen herum, als Onkel Devran mit leuchtenden Augen zu ihm herüber huschte. „Schau mal, was ich für dich habe!“, rief er überglücklich. In seinen ausgestreckten Händen hielt er einen hellblau bemalten Elefanten aus Porzellan, der majestätisch und würdevoll schaute. „Ist der für mich?“, fragte Yaro mit einem strahlenden Lächeln. „Natürlich! Für meinen Lieblingsneffen! Wie willst du ihn denn nennen?“, entgegnete der Onkel und hob den Kleinen wieder auf seinen Schoß. „Mailo“, murmelte das Kind und seufzte selig. Dies war der glücklichste Abend, den der Kleine jemals erleben durfte: Nicht nur, dass er praktisch zum ersten Mal in seinem Leben vergnügt mit einem Spielzeug spielen durfte, ohne dafür gescholten zu werden; er spielte in Gedanken die spannendsten Abenteuer durch, die dem majestätischen Elefanten Mailo in einer imaginären Dschungelwelt mit friedlich oder feindlich gesinnten Tieren widerfuhren, während sein Onkel ihm liebevoll über das Haar strich.

Einen Monat später passierte etwas, das Yaros Schicksal eine bittere Wendung geben sollte: Opa erkrankte, und man wusste, dass der alte Mann ohne ärztliche Versorgung sterben würde. Also rief der Vater einen Arzt herbei, und alles schien gut zu werden – nur wusste niemand, womit man den Arzt bezahlen sollte. Der Gutsherr jedenfalls, für den der Vater, die Mutter, der Onkel, Yaro selbst und Yaros kleiner Bruder Lien jeden Tag fast ohne Lohn arbeiten, wollte ihnen keine einzige Rupie leihen.

Da kam ein Knüpfrahmenbesitzer in ihre Stadt nach Chainpur. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile. Der Knüpfrahmenbesitzer überzeugte Yaros Eltern auf das Allergeschickteste davon, dass es das Beste für den neunjährigen Yaro und seinen siebenjährigen Bruder Lien sei, wenn sie mit ihm in seine Fabrik kämen, um dort das Handwerk des Teppichknüpfens zu erlernen. Er versprach ihnen eine goldene Zukunft, weil viele reiche Länder auf der Welt die indischen Teppiche lieben würden, sodass Yaro und Lien auch im Erwachsenenalter gutes Geld verdienen könnten. Außerdem war der Geschäftsmann bereit, der Familie ganze 700 Rupien zu leihen – unter der einzigen Bedingung, dass die beiden Kinder das Geld bei ihm abarbeiteten.

Yaro war entsetzt, als der Vater ihm eröffnete, dass er das Teppichknüpfen erlernen sollte: „Nein, Papa! Ich will doch Arzt werden!“, stammelte er unter heißen Tränen und trat wild mit den Füßen gegen alles, was sich ihm in den Weg stellte. Aber Vater und Mutter wollten nur sein Bestes und versuchten, ihn zu trösten. „Ja, Kind. Sobald wir dem Mann nichts mehr schulden, kommt ihr beiden wieder zurück, und dann darfst du wieder in die Schule“, flüsterte ihm der Vater zu. Und noch liebevoller versicherte ihm die Mutter immer und immer wieder, dass sie doch wüssten, dass er Arzt werden und die Welt von allen Krankheiten heilen wollte. Der arme kleine Lien wiederum verstand von alledem nichts und schaute seinen Bruder und seine Eltern nur verwirrt an.

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