Buchrezension: Jochen Thies – „Wir sind Teil der Gesellschaft. Einblicke in die Bildungsinitiativen der Gülen-Bewegung“

„Ich sah sie zum ersten Mal, als ich in den 1960er Jahren noch zur Schule ging, Männer mittleren Alters, die, bei glühender Hitze mit langer Hose und ärmellosem Unterhemd und nur mit Schaufeln bewaffnet, Baugruben aushoben. Sie trugen Schiebermützen und machten wenige Pausen. Die Passanten tuschelten.“
diese Zeilen stammen nicht von einem Roman des Realismus, aus Fontanes oder Storms Feder. Sie leiten das erste Kapitel in Jochen Thies’ Bildungsreport „Wir sind ein Teil der Gesellschaft. Einblicke in die Bildungsinitiativen der Gülen-Bewegung“, ein. Das Buch ist im April diesen Jahres im Herder Verlag erschienen. Damit ist es das dritte Buch über die Gülen bzw. Hizmet-Bewegung, die Herder bisher druckte.
Jochen Thies Jahrgang ist 1944 in Rauschen, dem heutigen Swetlogorsk an der russischen Ostseeküste, geboren. Nach dem Studium der Romanistik, Geschichte und der Politischen Wissenschaft war er als wissenschaftliche Hilfskraft im Deutschen Historischen Institut in London, als Redenschreiber von Helmut Schmidt, und bei verschiedenen namhaften Zeitungen und Fernsehsendern tätig.
Thies schreibt von Erlebnissen und Erfahrungen einer Bildungsreise quer durch Deutschland, die alle seine Erwartungen „überstiegen“ hätten. Auf dieser hat er die drei größten der Schulen, die zur Gülen-Bewegung gezählt werden, nämlich das TÜDESB-Gymnasium in Berlin, das BIL-Gymnasium Stuttgart und das Dialog-Gymnasium in Köln besucht. Thies, der selbst eine Zeit lang als Studienrat in der Schule tätig war, sieht seinen „Report“ als Momentaufnahme der deutschen Gesellschaft im Jahre 2013 und spricht von einer im Stillen ablaufenden „Bildungsrevolution“.
Thies’ Studie erzählt zwar nicht aus der fiktiven Welt eines Romans und doch beschäftigt er sich in seinem Bericht mit großen Fragen wie der Migration, Bildung, Politik, Geschichte in Deutschland. Er schreibt in einem narrativen, feuilletonistischen Stil, der sich gut lesen lässt. Thies Darstellungsweise wirkt nie langatmig oder ermüdend, im Gegenteil Thies’ Witz und Charme sind erheiternd und lassen den Leser oft schmunzeln. Für schnelle Leser würde eine ICE-Fahrt von Frankfurt nach Berlin, für etwas langsamere ein gemütliches Wochenende auf der heimischen Couch genügen, um das Buch durchzulesen. Für einen relativ günstigen Preis bekommt man dafür sehr gute Lektüre.
Der Aufbau ist einfach und klar gehalten. Dadurch wird eine Übersichtlichkeit geschaffen, die dem Leser schwierige Fragestellungen wie zur Integrationspolitik oder den Reformen in der Bildung, die Thies auf den Grund geht, zum Verständnis dient. Im Anhang gibt es detaillierte Informationen zu den Schulen, wie z.B. Gründungsjahr, Adresse und Preise.
Thies geht in diesem Buch nicht nur seinen beruflichen Anfängen nach, sondern auch seinem persönlichen „Andersseins“. Es ist also auch eine ganz persönliche Studie, weil Thies – Kind ostpreußischer Flüchtlinge – sich oft seiner Vergangenheit in der neuen „kalten Heimat“ und seiner eigenen Migrationsgeschichte erinnert und diese persönlichen Erkenntnisse in seine Beobachtungen einfließen lässt.
Ihn interessiert bei seinen Recherchen und Interviewpartnern auch immer die private Seite des Gegenübers, die Lebensgeschichte des jeweiligen Individuums, die persönlichen Erfahrungen, Höhen und Tiefen. Dass er ein besonderes Interesse für den „Menschen“ hinter der „Fassade“ hat, zeigen seine neuesten Publikationen wie „Die Bismarcks“ oder „Die Moltkes“. Auch hier versucht er einen Blick hinter den Politiker, Soldaten und Diplomaten zu bekommen. So rücken die persönlichen Geschichten der Schulgründer, Leiter, Unterstützer und nicht zuletzt der Schüler in seinen Fokus, auf die er näher eingeht. Auch die Erfahrung mit dem Kopftuch gehen in diese Richtung, er schreibt: „Ich stellte auch fest, dass das Kopftuch für seine Trägerin mitunter die Bedeutung von Modeschmuck hat, keine Anschauungssache ist. Statt die Umrandung zu sehen, sah ich plötzlich das Gesicht.“
Die historischen Exkurse, die er als ausgebildeter Historiker im ganzen Buch sowohl über Deutschland als auch über die Türkei unternimmt, stellen allgemein eine starke Seite des Buches dar. Sie helfen dem Leser das „deutsch-türkische Sonderverhältnis“, um das es geht, mit seinen vielen Facetten besser zu verstehen und zu reflektieren.
Im Kern geht es Thies natürlich um die Frage von Bildung und Integration. In Deutschland, wo der soziale Aufstieg und Integration „am besten durch Bildung“ gelinge, schaffe die Gülen-Bewegung durch seine Bildungseinrichtungen, zu denen neben Schulen auch Nachhilfevereine gehören, einen „großen Beitrag zur Integration“. Aus den Bildungsvereinen, seien mittlerweile Millionen umsetzende „Unternehmen“, die Schulen, geworden. Über diese gibt er sehr genaue Angaben über Zahlen, Daten und Fakten wieder. Er analysiert mit den Schulen auch den jeweiligen Standort und gibt Auskunft über den „Integrationsgrad“ der Region.
Thies der sich als Anhänger des „deutschen, staatlichen Schulsystems“ bezeichnet, setzt keine allzu großen Hoffnungen in dieses. Es spreche „nichts dafür, dass eine Reform aus dem System heraus gelingen“ könne. Die deutsch-türkischen Schulprojekte würden den „Nerv der Gesellschaft“ treffen und in Zukunft modellhaft für das deutsche Schulsystem werden.
Als erfahrener Journalist, der jahrzehntelang den Puls der deutsches Öffentlichkeit und Politik fühlte, versäumt am Ende nicht Ratschläge und Warnungen zu den Problemen der Integrations- und Bildungspolitik auszusprechen. Man merkt hier Thies’ berufliche Erfahrung und sein solides Wissen gerade merklich an.
Bei allen positiven Feststellungen und Prognosen, die Thies über die Schulen macht, gibt es ein Manko. Bei der Analyse der Schulen bleibt er nur an der „Oberfläche“. Wenn er z.B. schreibt: „Und nun taucht ausgerechnet eine Generation von Einwanderern, von Arbeitern ohne akademische Traditionen auf, um den Deutschen vorzumachen, wie man erfolgreich Schulen gründet“, fragt er im zweiten Schritt nicht nach der Bildungs-Philosophie oder dem Menschenbild des Ideengebers der Bewegung, nämlich Fethullah Gülen. Zwar gibt es genug Literatur von und über Gülen zu dem Thema, dennoch würde eine tiefergehende Analyse Thies’ Beobachtungen abrunden.
Auch wenn Thies durchweg positives über die türkischen Schulen zu berichten weiß, besitzt er anscheinend kein gutes Verhältnis zur türkischen Küche:
„Bei aller Sympathie und Freundschaft zu den Türken tue ich mich schwer mit ihrer Küche. Entweder bleibe ich hungrig oder es schmeckt mir gar nicht. Wenn ich mich mit einem Freund und Gesprächspartner zum Frühstück treffe, stehe ich vor dem Dilemma, entweder im deutschen Restaurant in Erwartung von zwei Eiern und Speck zu beharren, oder ihm zum Ausgleich mindestens beim dritten Mal den Besuch eines türkischen Lokals zu gewähren. Dort gibt es dann aber das zu essen, was ich notfalls erst ab 12.30 Uhr mittags zu verzehren mag.“

Vielleicht erzählt sein nächstes Buch eine kulinarische Reise durch Deutschland, auf der Suche nach dem „Nationalgericht“. Auch zu diesem Thema würde Thies sicherlich guten Lesestoff liefern.

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