Das Erscheinungsbild des Islams in Deutschland

Das Bild des Islams ist schlecht. Nicht erst seit dem 11. September und den sich häufenden so genannten „islamistischen“ Anschlägen weltweit finden sich unter vielen Nichtmuslimen falsche Vorstellungen und diffuse Ängste ganz allgemein in Bezug auf den Islam und die Muslime. Aber seit jenem Tag scheinen diese besonders berechtigt zu sein. Ängste beherrschen die Gefühle – und genau das macht es so schwierig, sich mit dem Zustandekommen der eigenen Vorstellungen auseinanderzusetzen, die zu diesem Bild geführt haben. Als Teil der  öffentlichen Auseinandersetzung tragen Medien auch bei diesem Themenbereich eine besondere Verantwortung. Die öffentliche Diskussion trägt Wesentliches dazu bei, ob in einer Gesellschaft integrierende oder polarisierende Kräfte ihre Wirkung zeitigen. Beide sind immer vorhanden. Ein Bewusstsein über Begünstigungen der einen oder anderen Richtung fehlt aber häufig.

Es geht mir hier nicht darum, beunruhigende Fakten zu leugnen, sondern ich möchte die Frage aufwerfen, wie man denn Missstände benennen kann, ohne in die Verallgemeinerungsfalle zu tappen. Dies gilt für viele Themen – nämlich für alle, bei denen uns der direkte und facettenreiche Zugang fehlt, für alle, bei denen wir auf die Vermittlung durch andere angewiesen sind. Während es uns die Medien einerseits ermöglichen, an Fernem teilzunehmen, strukturieren sie andererseits wieder unsere Vorstellungen davon. Und fern kann alles sein, wovon dem Einzelnen die Innensicht fehlt – etwa die Vorstellungen von Ost- und Westdeutschen übereinander (immer noch), die Vorstellungen über ‚die Amerikaner‘, ‚die Juden‘  usw.

Seit dem 11. September 2001 lässt sich nun in Bezug auf den Islam und die Muslime eine Verschärfung im Ton beobachten. Obwohl zunächst nicht mit dem Islam zu verwechseln, hat etwa der Spiegel im Folgejahr der Terrorakte ‚islamischen‘ Themen zwölf Titelseiten zuerkannt, im Gegensatz zu nur dreien im Jahre davor. Nun könnte man sich über dieses Interesse freuen, wenn nicht erstens die Wahrnehmung vor der Schablone der Krise stattfände, und nicht zweitens vor allem die altbekannten Motive ständig wiederholt würden. Hierin unterscheidet sich die aktuelle Präsentation nicht von der lange vor dem 11. September: Der Islam ist demnach Gewalt, Rückständigkeit, und überhaupt: „Man hat es schon immer gewusst!“

Es kann nicht geleugnet werden, dass es gravierende Missstände gibt – wie überall auf der Welt so auch in der so genannten islamischen Welt. Es gibt Terror, es gibt Aggression, und es gibt Verschwörungstheorien, die nicht zu unterschätzen sind. Es gibt auch Resignation und Idealisierung angesichts der massiven Vorwürfe seitens der ‚Aufgeklärten‘. Es reicht allerdings auch nicht aus, wenn muslimische Organisationen darauf verweisen, dass Untaten wie etwa Selbstmordattentate islamisch nicht legitimiert seien, wenn sich einige Radikale tatsächlich explizit darauf berufen. Hier sind mehr Abgrenzungen nötig, sowohl von Seiten der ebenso betroffenen Muslime als auch von Seiten derer, die das Thema für die Öffentlichkeit aufbereiten – von Seiten der Medien. Die aktuelle Glaubwürdigkeitskrise, die viele Muslime und Dialogtreibende beklagen, war lange vorprogrammiert; und hieran tragen Medien und Meinungsträger eine Mitverantwortung.

Das Einmaleins öffentlicher Diskussion

Medien bedienen sich der Zeichensysteme Bilder und Sprache, deren Subjektivität allein schon darin besteht, dass durch die Entscheidung für ein bestimmtes Zeichen bereits eine bestimmte Perspektive auf einen Sachverhalt eingenommen wird und anderes – Unerwähntes – ausgeblendet bleibt. Ist etwa im Zusammenhang mit der Scharia immer nur vom Strafrecht die Rede, dann kann der Außenstehende das islamische Recht nur mit einer Vorstellung von extremen Strafen assoziieren – da er ja schließlich dessen Anwendungsbedingungen nicht kennt. Eine Pars-pro-toto-Wahrnehmung herrscht vor, also die Verwechslung eines kleinen Teils mit dem großen Ganzen. Der gewählte Ausschnitt, der wahr ist, entscheidet oft über die Wahrnehmung eines viel komplexeren Sachverhalts, eventuell sogar einer ganzen Gruppe von Menschen und deren Wertvorstellungen. Dies macht deutlich, dass man auch bei ausschließlicher Faktennennung die erlebte Wirklichkeit verzerrt – bei jedem Thema.

Die Ausschnitte, die wir kennen lernen, bilden unser Wissen, und dieses Wissen wiederum filtert nun wieder das, was wir in Zukunft wahrnehmen können. Dadurch verstärken sich einmal verankerte Vorstellungen leicht, während Gegenteiliges übersehen wird – eine Erklärung für die Widerstandsfähigkeit von Stereotypen. Auch Journalisten unterliegen diesem Mechanismus, dass sie Erwartetes eher zur Kenntnis nehmen als Unerwartetes. Die vielfältige so genannte islamische Welt hält zudem für jede Meinung ein Beispiel bereit. Dabei übersehen wir dann leicht die gegenteiligen Beispiele, die ebenso vorhanden sind.

Obwohl es von Medienseite auch viel Bemühen und positive Kommentare zum Thema Islam gibt, möchte ich mich im Folgenden auf jene Mechanismen konzentrieren, die angesichts einer vorherrschenden Skepsis gegenüber dem Islam und den Muslimen Gefühle von Abgrenzung und gar Bedrohung verstärken.

Sinn-Induktionsphänomene durch Montage

In Redaktionen wird in zunehmender Geschwindigkeit eine Fülle von Rohmaterial verarbeitet. Teils bizarre Kombinationen bringen ein Ergebnis hervor, das mit dem vor Ort ermittelten Wirklichkeitsausschnitt nur noch wenig gemein hat. Zwischen separat angelieferten Bildern, gekürzten Agenturmeldungen aus anderer Quelle und selbstformulierten Überschriften wird dann automatisch eine Verbindung hergestellt, die eigentlich nicht vorhanden ist, was etwa zu dem Schluss geführt hat, dass das Kopftuch ein Symbol für die Gefährlichkeit des Islams sei – wandert doch schon seit Jahrzehnten eine verschleierte Frau immer dann über den Bildschirm, wenn es Schreckliches zu berichten gibt. Anlässlich der schlimmen Ereignisse in London war festzustellen, dass in deutschen Medien Bilder vom Gebet der Muslime in die Berichte hineingeschnitten wurden. Wenn diese Bilder aber – ebenso wie das Motiv Moschee – als Symbole für Terrorismus herhalten müssen, gehen uns dadurch die Motive für den Islam verloren.

Auch bei ausschließlicher Faktennennung wird zwangsläufig die erlebte Wirklichkeit verzerrt.

Hier haben wir es mit dem Wahrnehmungsphänomen der Sinn-Induktion zu tun, das immer dann zum Tragen kommt, wenn Dinge direkt nebeneinander präsentiert werden. Während der Sinn-Induktions-Schnitt in Filmen als ästhetisches Mittel durchaus seine Berechtigung hat, kann man eine zunehmende Verknüpfung unterschiedlichster Themen per Schnitt auch in Fernsehdokumentationen und Nachrichtensendungen beobachten – mit steigender Tendenz, aber nicht erst seit neuestem; denn schon in den 90er Jahren wurde z.B. bei den Berichten Peter Scholl-Latours dessen tendenziöse Schnitttechnik kritisiert, die christliche Gottesdienste mit grünen Hügellandschaften und Moscheebilder mit blutrünstigen Szenen kombinierte.

Sinn-Induktion findet sich auch in Printmedien. Dort können Bilder, Text und Bild oder auch noch so verschiedene Textstücke zueinander montiert werden – ohne explizite Rechtfertigung und mit dem gleichen Suggestionspotenzial. Hier ein besonders anschauliches Beispiel aus der französischen Presse: Im Courrier International vom 6. November 2003 wird unter die Überschrift „Pakistan: Weniger frei als unsere Mütter“ ein Bild Burqa-tragender afghanischer Frauen montiert sowie ein kleiner Text eingefügt, der sich mit der Genitalverstümmelung von Mädchen im Senegal befasst. Während diese altafrikanische Tradition in einigen – islamischen und nichtislamischen – Ländern Afrikas auch heute noch angewandt wird, spielt sie in Pakistan keinerlei Rolle. Auch kleiden sich die Frauen dort eher indisch. Doch das hat nicht verhindert, dass die Burqa oder zumindest das Kopftuch inzwischen zu aussagekräftigen Symbolen geworden sind, um die bei der Präsentation des Themas Islam kaum jemand herumzukommen scheint. Auch hier beruhen die einzelnen Berichte auf Fakten, ihre Montage suggeriert jedoch Zusammenhänge, die nicht vorhanden sind.

Aber auch rein textuell lassen sich durch Sinn-Induktion Verbindungen herstellen. In einem Bericht der Nürnberger Nachrichten vom 17.11.2005 hieß es unter der Überschrift „USA tief besorgt“ zum Thema ‚irakischer Folterskandal‘ unter anderem: „…habe allem Anschein nach zu ,einer neuen Krise‘ zwischen den Amerikanern und der von Schiiten dominierten Übergangsregierung geführt“. Für den Sachverhalt Folter völlig irrelevant wird hier die kleine Zusatzinformation eingefügt, dass die Regierung schiitisch sei. Dies suggeriert einen Zusammenhang. Man hätte auch schreiben können „…die von Männern dominierte Übergangsregierung“, was ebenso wahr gewesen wäre. So aber wird ein völlig anderer Eindruck von den Sinnzusammenhängen erzeugt. All das zeigt, wie die Entscheidung für einen bestimmten Realitätsausschnitt die Vorstellung von dieser ‚Realität‘ beeinflusst. Allein die Tatsache, dass etwas wahr ist, kann eine  Berichterstattung nicht legitimieren – zu prüfen ist die Relevanz für das eigentliche Thema. Im Falle jüdischer Beteiligter gilt das Gleiche. Hier wird etwa suggeriert, dass vor allem ‚jüdische Medienprofis‘ die Medienwelt bestimmen – und das nur darum, weil die anderen nicht explizit als ‚christlich‘ usw. bezeichnet werden.

Platzierungsfragen

Während im Fernsehen Programm und Sendezeit über die Wichtigkeit und die zur Kenntnisnahme eines Beitrags entscheiden, gilt in den Printmedien die Platzierung als entscheidend für das Gewicht der dargebotenen Informationen. Brisanz lässt den Beitrag auf die Titelseite rutschen. Razzien beispielsweise sind spektakulär; ihnen reservieren die Medien vorzugsweise prominente Plätze – natürlich auch den Razzien in Moscheen. Problematisch wird es jedoch, wenn über die Ergebnislosigkeit solcher Razzien entweder überhaupt nicht mehr oder lediglich im weniger aufmerksamkeitsrelevanten Innenteil der Zeitung berichtet wird. Wir alle haben uns inzwischen an das sehr weit verbreitete Phänomen gewöhnt, dass nach Informationsbruchstücken keine Fortsetzungen mehr folgen. Schnell lassen wir uns mit dem nächsten Brocken eines ganz anderen Themas über entstandene Lücken hinwegtäuschen. Und so bleibt in der Erinnerung nur ein vager Hauch von ‚schon wieder‘ zurück.

Metaphern stützen ein Bedrohungsszenario 

Aus der Antisemitismusdiskussion ist bekannt, dass bestimmte Metaphern eine entmenschlichende Wirkung haben und eine Handlungsoption nahe legen können. Denn wenn jemand als gefährliches „Ungeziefer“ ausgemacht wird, „das mich aussaugt“ und demnach bedroht, dann liegt es nahe, sich vor diesem zu schützen. So erscheinen Maßnahmen gegen solche ‚Schädlinge‘ als Akt der Selbstverteidigung und damit als legitim. In Bezug auf Muslime ist unter anderem das Konzept ‚Bedrohliche Krankheit‘ aktiv. Wenn – wie im Spiegel vom 25.2.2002 – vom Islamismus als einem ‚Krebsgeschwür‘ gesprochen wir, dann impliziert dieser Begriff einen Bekämpfungsgedanken, der weit über normale Eindämmungsmaßnahmen hinaus geht. Oder wie würden Sie einen Krebs behandeln? Hier könnte man argumentieren, dass ja korrekterweise vom Islamismus und nicht vom Islam die Rede ist. Das ist richtig. Aber leider müssen wir feststellen, dass das Konzept Islamismus nicht nur diffus ist, sondern seltenst sauber vom Islam getrennt wird – wie ja bereits die Beispiele zur Sinn-Induktion belegen. Zudem werden Begriffe wie ‚islamischer Terror‘, ‚Moslem-Extremist‘, ‚islamistischer Attentäter‘ usw. wild durcheinander geworfen. So fällt es kaum noch auf, dass auf der Titelseite der renommierten französischen Wochenzeitschrift L’Express vom 1.11.2001 vom „Fieber des Islams“ die Rede ist, wenn eine Entschuldigung für Putins Politik im Kaukasus gesucht wird. Entsprechend der unausgesprochenen Logik, die derlei unreflektiert gebrauchte Metaphern implizieren, wird man viele aggressive Maßnahmen gegen Muslime für legitime Mittel der Selbstverteidigung halten.

Bewahrt man sich als Muslim äußere Zeichen seiner kulturellen Identität, heißt es, man wolle nichts mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu tun haben. Passt man sich aber völlig an, heißt es, man gehe nur geschickter vor, um das deutsche Grundgesetz zu unterwandern.

Gerade hier wird deutlich, wie aus einem definierten Anderen ein ‚gefährlicher Feind‘ gemacht werden kann. Und genau deshalb ist jeder aufgefordert, seine eigenen Interpretationsschablonen zu hinterfragen. Was heute kaum noch jemand weiß, ist, dass Ende des 19. Jahrhunderts eine ähnliche Stimmung in Deutschland und Europa bezüglich der jüdischen Minderheit herrschte. Auch hier speisten sich solche Metaphern aus dem berühmten ‚wahren Kern‘. Einzeltaten wurden generalisiert und in das vorhandene Schema aus Angst und Ablehnung eingepasst. Der Blick hierauf wird uns heute durch die Fokussierung auf Nationalsozialismus und Holocaust erschwert, wie dies der Holocaustüberlebende Hajo Meyer treffend kritisiert.

Umdeutungen verhindern Korrekturen

Was ein solches Konstrukt schließlich noch wirkungsvoller macht, ist ein Mechanismus, dem wir alle unterliegen und den man sich zunächst einmal bewusst machen muss, um vorschnellen Schlüssen auf die Spur zu kommen. Unerwartetes übersieht man leicht – so etwa den hohen Anteil weiblicher Professoren an türkischen und ägyptischen Universitäten, die Überzahl weiblicher Studenten in iranischen Universitäten, die Einführung des Frauenwahlrechts im Iran nach der so genannten Islamischen Revolution und vieles mehr. Lassen sich jedoch bestimmte Wirklichkeitsausschnitte nicht mehr ignorieren, kommt es häufig zu einer Art unbewussten Reparatur der schon fest verankerten Sicht. Fakten, die den üblichen Erwartungen widersprechen, werden so wieder in das stereotype Licht zurückgerückt. Die pakistanische Ministerpräsidentin Benazir Bhutto und die türkische Tansu Ciller wurden z.B. einfach zu Ausnahmen erklärt, die die Regel von der Unterdrückung der islamischen Frau nur bestätigten. Beispiele dieser Qualität häufen sich aktuell, da das Misstrauen den Blick auf die Muslime beherrscht – mit dem Ergebnis, dass diese es niemandem mehr recht machen können: Bewahrt man sich als Muslim etwa äußere Zeichen seiner kulturellen Identität, wird daraus schnell geschlossen, dass man nichts mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu tun haben will. Passt man sich aber völlig an und erwirbt vielleicht sogar noch die deutsche Staatsbürgerschaft, so lässt sich dazu hören und lesen, dass man hier nur geschickter vorgehe, um das deutsche Grundgesetz zu unterwandern. Fakten, die eigentlich als ein gutes Zeichen interpretiert werden könnten – wie beispielsweise der langjährige Dialog oder die Anti-Terror-Demonstration in Köln im November 2004 – werden mit Begriffen wie ‚Kuschelpolitik‘ belegt und entwertet. Erleichtert wurde dies in letzterem Falle durch eine Überpräsenz türkischer Flaggen bei der Demonstration, was den Verdacht nahe legte, dass es sich letztlich um eine Pro-EU-Beitritt-Veranstaltung handelte. Übersehen wird bei dieser Art der Kommentierung, dass man solchen Initiativen damit nicht gerade Mut macht.

Ungünstiges Wechselspiel

Diese Art von Diskussion befördert Resignation oder Selbst-Idealisierung – beides unbrauchbar für den weiteren Verlauf unseres Zusammenlebens und völlig ungeeignet, um Glaubwürdigkeit und Vertrauen wieder herzustellen. Wenn aber der negative Blick darüber entscheidet, wie welche Verhaltensweise beurteilt wird – wenn also mit willkürlichen und wechselnden Maßstäben gemessen wird –  und es keine erfolgversprechenden Handlungsmöglichkeiten mehr gibt, lässt sich gerade bei Jugendlichen noch eine dritte Reaktionsmöglichkeit feststellen: Radikalisierung. Um diesen Prozessen wirkungsvoll entgegen treten zu können, muss man sie in ihrem ungünstigen Zusammenspiel betrachten. Hier ist die Verantwortung eines jeden Beteiligten gefordert.

Besonders fatal ist, wenn manche glauben, einen Vorteil daraus ziehen zu können, sich selbst aus der negativ bewerteten Gruppe herauszuheben.

Als besonders fatal erweist es sich in einem hierarchischen Diskurs – also überall dort, wo eine Seite die Themen definieren kann, auf die die andere Seite reagieren muss -, dass manche glauben, einen Vorteil daraus ziehen zu können, sich selbst aus der negativ bewerteten Gruppe herauszuheben. Dies tun Einzelpersonen ebenso wie ganze Untergruppen, etwa wenn einzelne Verbände sich als ‚gemäßigte islamische Ansprechpartner‘ anbieten. Dieses Vorgehen bestätigt jedoch im Grunde nur das vorherrschende Bild der Mehrheitsgesellschaft, die im Islam grundsätzlich ein nichtgemäßigtes Problem sieht. Ein solches ‚unsolidarisches Minderheitenverhalten‘ schadet immer der gesamten Gruppe, wie dies der Sozialpsychologe Henri Tajfel systematisch beschrieben hat. Damit ist nicht gemeint, dass man kritikwürdigen Äußerungen – von wem auch immer – in der Öffentlichkeit nicht widersprechen sollte. Eine sachliche, inhaltliche Kritik, die Hand und Fuß hat, ist für alle eine Bereicherung. Dafür sollte man sich aber nicht als Einzelner oder als Gruppe über andere stellen.

Medienbildung statt Hysterie

Um das ungünstige Wechselspiel, in dem wir uns befinden, zu durchbrechen, braucht es einen kühlen Kopf, der nicht in das Stereotyp verfällt, dass alle anderen potenziell erst einmal Feinde sind. Denn es handelt sich hier um ein großes Missverständnis! Wir alle – Muslime wie Nichtmuslime – sind Opfer unserer Informationskultur. Mehr Medienbildung kann hier Abhilfe schaffen. Wenn wir erkennen, dass Wahrheit nicht durch eine bestimmte Auswahl von Fakten zustande kommt, ist schon viel gewonnen. Die vielfach suggestiv-konstruierten Medienprodukte in Funk, Fernsehen und Print sind oft ein Auswuchs zunehmender ästhetisierender Arbeit, die sich an Erscheinungsbild und Verkaufswert orientiert und droht, das Gefühl für die daraus resultierenden Sinnzusammenhänge zu verlieren. Diese Zusammenhänge aufzuzeigen ist eine Aufgabe der Medienpädagogik. Mehr Medienkompetenz ist ein wirksames Mittel gegen Polarisierungen und für die Beförderung demokratischer Handlungskompetenz und somit ein konstruktiver Teil der Friedenserziehung. Beginnen können wir damit, dass wir uns an den positiven Beispielen, am ehrlichen Bemühen von medialer und anderer öffentlicher Seite orientieren und dieses motivieren und unterstützen, statt Sensationsbeiträge zu kaufen.

Aber auch die Beschäftigung mit anderen diskriminierenden Diskursen kann helfen, die Mechanismen zu durchschauen. Denn solche Diskurse laufen immer nach dem gleichen Schema ab und erstrecken sich auf viele Gruppen, wobei derzeit – gespeist durch Angst machende Ereignisse – das Feindbild Islam dominant ist. Andere Feindbilder, die USA und China etwa,  kündigen sich jedoch schon an, und die weitere Entwicklung der Globalisierung wird zeigen, wer wann zum Feind stilisiert werden wird. Leider ist dies keine beruhigende Nachricht, denn ein Potenzial zu weiterreichenden Untaten wie etwa Folter, Krieg und Diktatur ist ‚unter Feinden‘ immer vorhanden. Der Clash of Civilizations kann auch herbeigeredet werden, wie wir derzeit wieder einmal demonstriert bekommen – und das dürfte einigen Islamisten und anderen Maximalisten sehr gut gefallen.

 

 

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